Umwelt

Urbane Wildnis: Wie aus Metropolen grüne National Park Citys werden

Mehr Wildnis in der Stadt – mit diesem Konzept will eine Stiftung für eine lebenswertere Zukunft sorgen.Mittwoch, 24. Juli 2019

Von Stephen Leahy
Menschen verbringen den Nachmittag im Greenwich Park und genießen den Blick auf die Skyline von London. Großbritanniens Hauptstadt ist offiziell die erste Nationalparkstadt der Welt. Die Idee dahinter ist, dass die Bürger ihre Städte grüner, gesünder und wilder machen, damit die Leute mehr Zeit im Freien verbringen.

Fischotter, die durch städtische Kanäle schwimmen. Seltene Schmetterlingsarten, die über Häuserdächer flattern. Grüne Hausfassaden, die den Großstadtdschungel mit reiner Luft speisen. Völlig neue Wege gehen, das scheinbar Unmögliche wahr werden lassen: Für Daniel Raven-Ellison scheint es keine Barrieren zu geben. Vor sechs Jahren hat der Geograf, Naturschützer und National Geographic Explorer ein außergewöhnliches Konzept entwickelt. Sein Traum: Aus grauen Großstädten sollen grüne Oasen werden – wie Nationalparks im urbanen Raum.

National Geographic Explorer - Daniel Raven-Ellison
National Geographic Explorer - Daniel Raven-Ellison
Über den Grundgedanken hinter den Nationalparkstädten im urbanen Raum

„Mir ist aufgefallen, dass es die unterschiedlichsten Nationalparks auf der Welt gibt“, erinnert er sich. „Ich habe mich gefragt, warum schließen wir Städte aus dieser brillanten Idee aus, Orte besser zu machen?“ Für Raven-Ellison steht fest: „Auch Städte sind Ökosysteme.“ Ein Spaziergang durch die Stadt könne genau interessant sein wie eine Wanderung im Regenwald.

In diesem Sommer ist sein Traum erstmals Wirklichkeit geworden. Seit dem 22. Juli 2019 ist London offiziell die weltweit erste National Park City. Großbritanniens Hauptstadt ist damit ein Vorreiter – und die Nachfolger lassen nicht lange auf sich warten. Newcastle upon Tyne will ebenfalls eine Kampagne starten, um die nächste Nationalparkstadt zu werden. Im schottischen Glasgow läuft bereits eine stadteigene Aktion.

Die grüne Auszeichnung basiert auf der internationalen Charta für Nationalparkstädte (NPC), welche die National Park City Foundation (NPCF) gemeinsam mit World Urban Parks und dem Salzburg Global Seminar  erstellt hat. Neben London will die NPCF bis zum Jahr 2025 noch mindestens 24 weitere Nationalparkstädte ernennen. Die Organisation befindet sich bereits in Gesprächen mit anderen Städten, die einen NPC-Status erlangen möchten.

Galerie: Großstadt WILDNIS – Auf Safari in urbaner Natur

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Der Grundgedanke hinter den National Park Citys ist, im urbanen Raum eine gesündere, grünere und wildere Lebensumgebung zu schaffen, erklärt Raven-Ellison. Ob auf Dächern, Balkonen oder in Gärten: „Wir Menschen haben die Möglichkeit, ihren Lebensraum gesünder, grüner und wilder zu gestalten. Jeder kann etwas dazu beitragen!“

Städtische Grünflächen bringen zahlreiche Vorteile mit sich: Sie verringern die Luft- und Wasserverschmutzung, absorbieren bei Überschwemmungen Wassermassen, ziehen CO2 aus der Luft und können heiße Städte sogar abkühlen. Diverse Studien haben dokumentiert, wie Grünflächen sich auf das menschliche Wohlbefinden auswirken. Eine aktuelle dänische Studie kam zu dem Schluss, dass Kinder, die viel im Grünen unterwegs sind, als Jugendliche und Erwachsene ein geringeres Risiko für diverse psychische Erkrankungen haben.

Japanische Wissenschaftler haben gezeigt, dass schon ein paar Stunden bewusster Aufenthalt in der Natur – sogenanntes Waldbaden – die Aktivität der natürlichen Abwehrzellen in unserem Körper stimuliert. Weitere Studien dokumentierten Stressminderung, eine geringere Sterblichkeitsrate und eine verbesserte geistige Entwicklung bei Kindern.

In London tobt das tierische Leben

Wie sich herausstellt, tobt in London – eine Stadt mit neun Millionen Einwohnern und einer Bevölkerungsdichte von 5.667 Einwohnern pro Quadratkilometer – nicht nur das Nachtleben, sondern auch das tierische Leben. Fast 15.000 Tierarten leben in der Metropolregion, darunter acht Fledermausarten, die größte Schröterpopulation in England sowie hunderte von Vogelarten. Es gibt in London fast so viele Bäume wie Menschen, und fast die Hälfte seiner urbanen Bereiche sind entweder Grünflächen oder Wasserbereiche wie Flüsse, Kanäle und Sammelbecken.

Klar ist: Eine Stadt ist ein völlig anderer Lebensraum als ein geschützter Regenwald. Aber „die Füchse, Falken und anderen Wildtiere, die in einer Stadt leben, sind genauso wertvoll“, sagt Raven-Ellison.

Wie die Londoner noch mehr Natur und Leben in ihre Stadt bringen? Indem sie ihre Balkone und Gärten mit tierfreundlichen Pflanzen ausstatten, Ziegel- und Betonwände mit Efeu überwachsen lassen, für die Igel kleine Löcher in Zäune schneiden oder einfach Geschichten über die kleinen Naturschätze teilen, die sie in der Stadt entdecken.

„Mehr als 250 Organisationen in London beteiligen sich. Neun von zehn Londonern unterstützen unser Ziel, die Stadt grüner, gesünder und wilder zu machen“, so der National Geographic Explorer.

Und Großbritanniens Hauptstadt feiert: „Was für ein großartiger Moment für London. [Die Stadt] feiert, ehrt und erkennt ihre Artenvielfalt und Umweltfreundlichkeit“, sagt Jayne Miller, die Vorsitzende von World Urban Parks. Es sei für Städte auf der ganzen Welt eine Herausforderung, ihre Grünflächen zu achten, zu schützen und zu mehren.

„Hier bei der Weltnaturschutzunion freuen wir uns sehr über das NPC-Konzept“, sagt Russel Galt, der Direktor der Urban Alliance der Weltnaturschutzunion (IUCN). „Erst hat es mich zugegeben etwas verwirrt. Die IUCN hat dafür keine Kategorie“, sagte Galt in einem Interview.

(National Geographic berichtete 2017 über die Anfänge des Projekts: Wie ein Mann aus einer Stadt einen Nationalpark machen will)

„Dan hat unter den Londonern einen regelrechten Sturm der Begeisterung entfacht, auch unter vielen, die sich vorher nie mit Naturschutzfragen befasst haben“, sagt er.

National Geographic Explorer - Daniel Raven-Ellison
National Geographic Explorer - Daniel Raven-Ellison
Nationalparkstädte als Perspektive für eine gemeinsame Zukunft in einer gesünderen Umwelt

Amerikas erste National Park City

Dient London damit als Vorbild für weitere Mega Cities – etwa in den USA? Immerhin sind Städte dynamische Orte, an denen Innovationen und Veränderungen ihren Ursprung haben. Sie können aber auch Orte sein, in denen sich die Menschen für die Natur begeistern, weiß Scott Martin, Vorsitzender von World Urban Parks für den Bereich Nordamerika. „Manhattan wäre ohne den Central Park nicht sehr lebenswert für Familien.“

(Neuseeland: Eingezäunter Stadtgarten ist ein Paradies für seltene Vogelarten)

 „Es ist Zeit für verwegene Ideen und Entscheidungen. Ich denke, Amerikas erste National Park City wird eine mittelgroße Stadt mit einem visionären Bürgermeister, der seine Stadt zu einem tollen Ort für Menschen und Tiere machen will“, so Martin. Eine der Herausforderungen für eine National Park City in den USA ist der Umstand, dass dieses Konzept von den Städten und der Öffentlichkeit ausgeht. Es gibt keinerlei behördliche oder staatliche Anerkennung des Status, unterstreicht Jonathan Bell, Direktor der Being Human Initiative der National Geographic Society. Es wird einiges an Aufklärung und Gesprächen bedürfen, damit sich die Idee durchsetzt – aber dann könnte sie das Stadtleben neu definieren.

Für Bell zählen nicht zuletzt das öffentliche Engagement bei der Gestaltung neuer Orte für die Natur und den Stolz auf die eigene, grüne Heimatstadt zu den großen Vorteilen eines solchen Projekts: „Nairobi und Kapstadt könnten in Anbetracht des Artenreichtums in ihrer Region ideale Kandidaten sein. Auch Orte wie Bogotá, Manaus, Seattle, Chengdu, Bandung, Chiang, Mai und Sabah sind ein paar der Städte, die tolle Kandidaten wären.

Kein Wunder, dass Bell eine gewaltige globale Chance für städtische Räume sieht, zu Orten mit blühenden Ökosystemen und einem nachhaltigen Artenreichtum zu werden.

Das sieht Raven-Ellison genauso: „Mein Hoffnung ist, dass Menschen vor allem eine Botschaft mitnehmen: Wir brauchen eine positive Vision für unsere Zukunft. Viele Menschen glauben, die Tierwelt ist verloren und wir sind zum Scheitern verurteilt. Aber wir sollten uns als Entscheidungsträger sehen. Denn indem wir handeln oder nicht, beeinflussen wir unsere Umwelt positiv oder negativ.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht und ergänzt.

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