Menschen verändern die Ökosysteme schon länger und dramatischer als gedacht

Eine Studie alter Pollen zeigt, dass Jahrtausende menschlicher Aktivitäten die Ökosysteme der Erde ebenso schnell verändert haben wie das Ende der Eiszeit.

Veröffentlicht am 26. Mai 2021, 14:51 MESZ
Der Mensch veränderte die Landschaften der Erde schon viel früher als gedacht durch Aktivitäten wie Landwirtschaft ...

Der Mensch veränderte die Landschaften der Erde schon viel früher als gedacht durch Aktivitäten wie Landwirtschaft und die Abholzung von Wäldern.

Bild David Gray, Bloomberg/Getty Images

Offiziell befinden wir uns im sogenannten Holozän, der geologischen Epoche, die mit dem Ende der letzten Eiszeit begann. Aber der Einfluss des Menschen auf die Ökosysteme der Erde ist so extrem geworden, dass er nun der zentrale Treiber der Umweltveränderungen zu sein scheint. Das wiederum lässt einige Wissenschaftler argumentieren, dass wir eigentlich in einer neuen Epoche namens Anthropozän leben. Die Verwendung des Begriffs ist allerdings noch umstritten, und einer der zentralen Streitpunkte ist, wann der Beginn dieser neuen Epoche sein soll. Die Mitte des 20. Jahrhunderts? Die industrielle Revolution? Oder vielleicht schon früher – etwa als sich die Landwirtschaft als dominantes Merkmal des menschlichen Lebens durchsetzte?

Eine Studie legt nahe, dass die beste Antwort tatsächlich die letzte sein könnte. Laut einem Forscherteam unter der Leitung von Ondrej Mottl und Suzette G.A. Flantua von der Universität Bergen in Norwegen begann sich die Vegetation des Planeten zwischen 4.600 und 2.900 Jahren dramatisch zu verändern. Es ist wahrscheinlich, dass die Hauptursache dafür menschliche Aktivitäten waren: Landwirtschaft, Abholzung und der Einsatz von Feuer zur Rodung von Flächen.

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„Unsere ist die erste quantitative Studie, die zeigt, dass der Mensch den Planeten wahrscheinlich nicht nur in den letzten Jahrzehnten oder Jahrhunderten stark beeinflusst hat, sondern schon vor Tausenden von Jahren“, sagt Mottl über ihre Forschung. Die Arbeit wurde in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht. Die Landschaftsveränderungen der letzten ein oder zwei Jahrhunderte, so dramatisch sie auch waren, scheinen Fortsetzungen von Trends zu sein, die vor mehreren tausend Jahren begannen.

Aber die zweite wichtige Erkenntnis der Forschung ist nicht weniger bedeutsam: Die Veränderung der Vegetation in den letzten paar tausend Jahren sind größer als zu jener Zeit vor 16.000 bis 10.000 Jahren, als die Eiszeit einem sich erwärmenden Planeten wich. Damals zogen sich die Eisschilde und Gletscher, die einen Großteil der nördlichen Hemisphäre bedeckten, zurück. Die Eislandschaften wichen Wäldern, Tundren und Graslandschaften, und ein globaler Temperaturanstieg von 6 °C führte auf dem gesamten Globus zu veränderten Pflanzengemeinschaften.

„Wir haben nicht damit gerechnet, dass die Veränderung in den letzten paar tausend Jahren noch größer sein würde als das, was am Ende der Eiszeit geschah“, sagt Flantua.

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Die Ergebnisse der Studie wurden aus 1.181 fossilen Pollensequenzen von Orten auf der ganzen Welt abgeleitet. Pollen, die vom Wind oder vom Regen in einen See oder ein Moor geweht werden, können am Boden von Sedimenten eingeschlossen werden. So bewahren sie eine Momentaufnahme der Vegetation, die zu einer bestimmten Zeit um das Gewässer herum existierte. Mit Hilfe der Radiokohlenstoffdatierung können sich Forschende heute ein Bild dieser Vergangenheit machen.

Anhand einer Datenbank mit gut datierten Sedimentkernen aus der ganzen Welt konnten die Forscher feststellen, inwieweit sich die Pollenzusammensetzung im Laufe der Zeit verändert hatte. Da sie versuchten, ein globales Muster aus mehr als tausend Datensätzen zu extrahieren, versuchten sie nicht zu analysieren, welche Vegetationsarten an einem bestimmten Ort durch welche anderen ersetzt worden waren. Sie konzentrierten sich nur auf die Gesamtrate der Veränderungen in den letzten 18.000 Jahren.

So dokumentierten sie eine zweite Periode rasanter Vegetationsveränderungen, die nach jener am Ende der Eiszeit stattfand. Der Beginn dieser zweiten Periode variierte je nach Region und liegt zwischen 4.600 und 2.900 Jahren in der Vergangenheit. Diese Beschleunigung des Vegetationswandels wurde auf allen Kontinenten außer der Antarktis beobachtet.

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Die Studie war die erste, die diese Beschleunigung mit quantitativen Daten dokumentierte. Aber eine Studie aus dem Jahr 2019, die 250 Archäologen über vergangene menschliche landwirtschaftliche Aktivitäten rund um den Globus befragte, kam zu ähnlichen Ergebnissen: Schon vor 3.000 Jahren war ein Großteil der Erdoberfläche des Planeten durch menschliche Aktivitäten deutlich verändert worden. Der Hauptautor dieser Studie ist Lucas Stephens, ein Archäologe und Experte für Umweltpolitik an der Duke University. Er sagt, dass die beiden Studien zusammengenommen ein überzeugendes Bild zeichnen.

„Ihre Datenbank mit globalen Pollenaufzeichnungen ist beeindruckend“, sagt Stephens. „Ich denke, das neuartigste und wichtigste Ergebnis ist, dass die Geschwindigkeit der Vegetationsveränderung sich jetzt den Raten am Übergang vom Pleistozän zum Holozän nähert oder diese sogar übertrifft“ – also der Periode am Ende der Eiszeit. „Diese Veränderungsrate hat beängstigende Implikationen für die Zukunft.“

Stephen T. Jackson, ein Ökologe der U.S. Geological Survey, stimmt zu, dass die Forschung bedeutend ist. „Es ist eine wichtige und provokante Analyse“, sagt er. Er gibt jedoch zu bedenken, dass neben menschlichen Aktivitäten auch andere Faktoren eine Rolle spielen könnten, zum Beispiel der natürliche Klimawandel.

„In einigen Teilen der Welt ist die Veränderung der Vegetation eindeutig auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen“, sagt Jackson. „Aber in anderen Regionen haben wir gute Belege für Klimaveränderungen, die ausreichen, um Vegetationsveränderungen zu bewirken. Und in vielen dieser Gebiete gibt es nur sehr wenige Hinweise auf weit verbreitete menschliche Aktivitäten.“

Menschengemachte Erde

Mottl und Flantua betonen, dass ihre Forschung nicht beweist, dass menschliche Aktivitäten die von ihnen dokumentierten Vegetationsveränderungen verursacht haben. Das sei ein Thema für zukünftige Forschung, sagen sie. Aber die Korrelation ist unbestreitbar, sagt Jonathan T. Overpeck. Der Klimawissenschaftler der University of Michigan hat in „Science“ einen Kommentar über die Forschung von Mottl und Flantua verfasst.

„Sie stellen keine kausale Verbindung her, aber ich würde zustimmen, dass die logischste Erklärung die menschliche Landnutzung ist“, sagt er. „Wir wissen, dass die Menschen Land für die Landwirtschaft roden. Sie nutzen Feuer, um Landflächen dafür zu schaffen. Es ist am Ende Sache der Archäologen zu sagen, was genau für Prozesse stattfanden. Aber es sieht auf jeden Fall so aus, als wäre die Handschrift des Menschen der Hauptverursacher hinter diesen Veränderungen, die vor mehreren tausend Jahren begannen.“

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Und das hat wichtige Auswirkungen auf das Management von Ökosystemen, wenn wir versuchen, die Auswirkungen des aktuellen und zukünftigen globalen Klimawandels abzumildern, sagen die Forscher. Wenn das, was wir für eine „natürliche“ Landschaft halten, in Wirklichkeit eine ist, die sich im Tandem mit menschlichen Aktivitäten entwickelt hat – macht es dann Sinn, zu versuchen, die Dinge so zu erhalten, wie sie derzeit sind, als ob dies ein natürliches Ideal widerspiegeln würde?

 „Vielleicht ist das, was als unberührte Natur gilt, tatsächlich gar nicht so unberührt“, sagt Flantua.

„Anstatt zu versuchen, Artenzusammensetzungen zu erhalten, die in der Vergangenheit existierten, müssen wir anfangen, für Veränderungen und für die Zukunft zu managen“, sagt Overpeck. „Viele der Wälder, die wir jetzt haben, sterben ab, weil sich diese Bäume unter kühleren, feuchteren Bedingungen etabliert haben.

Wenn das Klima heißer und extremer wird, müssen wir Arten pflanzen, die damit umgehen können.“

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Was wir jetzt sehen, ist das, was Overpeck einen „Doppelschlag“ nennt. Wir haben einen akuten und sich rapide verschlimmernden Klimawandel, der auf Tausende von Jahren extremer Vegetationsveränderungen folgt. Wie der Planet das verkraften wird, weiß niemand so genau.

 „Aber dieser Doppelschlag wird unsere Wälder wirklich stressen“, sagt er. „Und damit die Wälder Kohlenstoff aufnehmen können, müssen sie gesund sein.“

Mit anderen Worten: Es scheint, dass wir die Ökosysteme des Planeten schon seit Langem formen. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, diese Formung bewusster und kreativer zu gestalten. Man könnte es Anthropozän 2.0 nennen.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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