Zweitgrößter Regenwald der Welt im Kongo zur Abholzung freigegeben

Die Demokratische Republik Kongo plant nach zwanzig Jahren das Fällen von Bäumen im Urwald im Kongobecken wieder zu erlauben. Wie viel Schutz bot das bisherige Verbot und wie kann das wichtige Ökosystem in Zukunft weiterbestehen?

Von Mélanie Gouby
Bilder Von Nichole Sobecki
Veröffentlicht am 5. Okt. 2021, 10:22 MESZ
Neue Pläne der Demokratischen Republik Kongo sehen vor, dass der Regenwald nach 20-jähriger Pause wieder für ...

Neue Pläne der Demokratischen Republik Kongo sehen vor, dass der Regenwald nach 20-jähriger Pause wieder für die geschäftsmäßige Abholzung freigegeben werden soll. Der Regenwald im Kongo ist nach dem Amazonas-Regenwald der größte der Welt.

Bild Nichole Sobecki

Die Demokratische Republik Kongo (DRK) steht kurz davor, ihren äußerst ehrgeizigen und riskanten Plan für das zukünftige Waldmanagement des kongolesischen Regenwalds abzuschließen. Dieser ist nach dem Amazonas-Regenwald der größte der Welt und spielt als wichtiger CO2-Speicher eine entscheidende Rolle für das globale Klima.

Der Plan sieht unter anderem einen Strategiewechsel bezüglich des bisherigen Abholzungsbanns vor, der seit zwanzig Jahren dafür sorgt, dass für das geschäftsmäßige Holzfällen im Regenwald keine Genehmigungen mehr erteilt werden. Wie Eve Bazaiba, Umwelt- und Vizepremierministerin der zentralafrikanischen Republik, National Geographic nun in einem exklusiven Interview mitteilte, solle sich das aber bald ändern.

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Der drastische Kurswechsel wird nur wenige Wochen vor der UN-Klimakonferenz (COP26), im November 2021 in Glasgow, Schottland, vollzogen. Die DRK erhofft sich eine umfassende Förderung ihrer Pläne: Die Central African Forest Initiative (CAFI) – ein Bündnis aus mehreren Geberländern, darunter Norwegen, Frankreich, Deutschland und Großbritannien – soll das Projekt mit fast einer Milliarde Euro finanziell unterstützen.

Die Entscheidung geschäftsmäßige Abholzung zu erlauben, ist laut Eve Bazaiba nur eine der zahlreichen Neuerungen, die in dem Programm vorgesehen sind. Sie betont, dass es sich bei dem bisherigen Verbot immer um eine vorläufige Maßnahme gehandelt habe, die nicht unbegrenzt fortgeführt werden könne. Sie gehe nicht davon aus, dass es nach dem Inkrafttreten der neuen Regelung sofort zu der Erteilung neuer Genehmigungen kommen werde.

Der an das Luki-Biosphärenreservat angrenzende Regenwald in der DRK ist schon seit Jahrzehnten durch das ungeregelte Fällen von Bäumen durch die lokale Bevölkerung gefährdet.

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Der Plan, der ihr zufolge bereits vor COP26 die Grundlage für ein neues Gesetz sein wird, zeigt, wie tiefgreifend die Uneinigkeit in Bezug auf die Entscheidungshoheit, Nutzung und den Schutz des größten Regenwalds Afrikas ist. 

„Wenn über die Aufhebung des Verbots gesprochen wird, denken die Leute sofort, dass Kongo jetzt wahllos Abholzungsgenehmigungen erteilen wird. Das haben wir aber nicht vor“, sagt Bazaiba. Stattdessen würde das bisherige Verbot durch stärkere, langfristigere Maßnahmen ersetzt, die die Ausweitung von geschützten Gebieten und den Schutz und das nachhaltige Bewirtschaften des Waldes vorsehen.

Der üppige Regenwald bedeckt etwa 60 Prozent der Fläche der DRK und macht zwei Drittel des Kongobeckens aus. Durch seine Wichtigkeit für den Wasserkreislauf des afrikanischen Kontinents und indem er mehr CO2 absorbiert als er abgibt, ist er von enormer Bedeutung für das ökologische Gleichgewicht der Erde. Laut einer aktuellen Studie speichern die Bäume im Kongobecken im Vergleich zu denen im Amazonas-Regenwald um ein Drittel mehr CO2.

Kann ein Verbot den Kongo-Regenwald retten?

Der neue Plan wurde im Juli 2021 abgesegnet und von Umweltschützern und Experten im Großen und Ganzen positiv aufgenommen, weil er die Einführung einer CO2-Steuer und einen verbesserten Informationsaustausch der verschiedenen Behörden vorsieht. Er beinhaltet aber auch Aspekte, die stark kritisiert werden.

Laurence Duprat, Kampagnenleiterin der Non-Profit-Organisation Global Witness, sagt, dass die DRK bis zum Inkrafttreten eines durchsetzbaren Landnutzungsplans keine Abholzungsgenehmigungen erteilen sollte. Eine frühere Umsetzung „wäre eine Katastrophe für den Regenwald und seine Bewohner“, erklärt sie.

Das Abholzungsverbot wurde im Jahr 2002 mit dem Ziel eingeführt, den Regenwald nach Jahrzehnten der Diktatur und des Krieges unter Schutz zu stellen. Durch seine Aufhebung hat die Regierung das Recht, neue Verträge mit der Holzindustrie zu machen und dadurch potenziell mehr als 70 Millionen Hektar unberührten Regenwaldes – und damit mehr als die Hälfte der Urwaldfläche der DRK – der Abholzung preiszugeben. Das haben Berechnungen von Greenpeace, Global Witness und einem Konsortium internationaler Nichtregierungsorganisationen ergeben, die sich gegen die Pläne der kongolesischen Regierung einsetzen.

Links: Oben:

Papa Lukombo Kop betreibt einen traditionellen Kohlenmeiler, in dem Holzscheite durch Hitze zu Holzkohle werden. Die wachsende Nachfrage nach Holzkohle in der DRK zieht das ungeregelte Fällen von Bäumen nach sich und ist eine der Hauptursachen für die fortschreitende Entwaldung.

Rechts: Unten:

Mehrere Säcke voller Holzkohle warten darauf, zum Markt gebracht zu werden.

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Das rasante Bevölkerungswachstum in der DRK führt zu einem Boom in der Holzkohle-Industrie, die in großen Teilen für die Abholzung des Regenwalds verantwortlich ist.

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Doch nicht jeder ist der Meinung, dass das bisherige Verbot wirklich dabei geholfen hat, die Abholzung des Regenwaldes zu verhindern. Zwischen 2001 und 2020 ist laut Global Forest Watch der Baumbestand in der DRK um 15,9 Millionen Hektar – und damit 8 Prozent – gesunken.

„Einige unter uns sind der Meinung, dass das Ringen um den Fortbestand des Verbots von wichtigeren Problemen ablenkt. Wir brauchen einen realistischen Diskurs darüber, was nachhaltiges Waldmanagement überhaupt bedeutet“, sagt Essylot Chishenya, der die kongolesische Nichtregierungsorganisation Observatoire de la Gouvernance Forestière leitet, die die Entwicklung des Regenwalds unabhängig beobachtet.

„Es geht nicht nur um ausländische Firmen: Es gibt zum Beispiel in der lokalen Bevölkerung einen Holzbedarf, der bedient werden muss. Ohne Genehmigungen fällen die Leute die Bäume einfach illegal, ohne sich an Regeln zu halten – mit den falschen Methoden, ohne Plan, ohne Anleitung.“

Ausländische Firmen, lokale Bevölkerung: Alle wollen Holz

Die Demokratische Republik Kongo ist das zweitgrößte afrikanische Land. Eine lange Geschichte der Konflikte, Kolonialisierung und Diktatur hat zu Schattenwirtschaft und einem Mangel an Infrastruktur geführt und die Institutionen geschwächt. Weniger als ein Viertel der Bevölkerung hat Schätzungen zufolge Zugang zur Elektrizität. Der Bedarf an Holzkohle – der einzigen bezahlbaren und leicht zugänglichen Energiequelle – ist insbesondere in den Städten hoch und hat die Abholzung vorangetrieben. Auch die Rodung von Waldflächen für die Gewinnung von landwirtschaftlichen Nutzflächen hat durch das hohe Bevölkerungswachstum zugenommen. Dasselbe gilt für die Nachfrage nach Bauholz.

Von 2015 bis 2019 hat sich die Zahl der gefällten Bäume verdoppelt. Wenn dieser Trend ungebremst weitergeht, werden laut Global Forest Watch im Jahr 2030 30 Prozent des Regenwalds verschwunden sein – bis er im Jahr 2100 vollkommen zerstört sein wird.

Baumkronen im Kongo-Regenwald in Yangambi. Die Forschungsstation in der Stadt wurde zunächst von belgischen Kolonisten als internationales Zentrum für Baumforschung betrieben. Heute wird sie von jungen afrikanischen Wissenschaftlern geleitet

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Der Schutz des Regenwalds ist für die Regierung eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Den Behörden fehlen die nötigen Ressourcen, um die Vorgänge im Wald ordentlich zu überwachen. Es gibt nur wenige, schlechtbezahlte Kontrolleure, die kaum Transportmittel zur Verfügung haben.

„Die Abholzung im Kleinen übersteigt heute bei Weitem das Volumen der geschäftsmäßigen Abholzung. Über die Großprojekte ist man besser informiert und sie sind leichter zu überwachen. Außerdem bringen sie Steuereinnahmen. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Entscheidung der Minister durchaus nachvollziehbar“, sagt Essylot Chishenya.

Wiederholt verstießen hohe Beamte in den vergangenen Jahren gegen das Verbot, indem sie trotzdem Abholzgenehmigungen vergaben oder einfach wegsahen, wenn mächtige Mitglieder des Militärs, Politiker oder Geschäftsleute sich am Regenwald vergriffen.

Derzeit liegt dem Staatsrat (Conseil d’Etat) der DRK die Klage einer Nichtregierungsorganisation gegen den ehemaligen Umweltminister Claude Nyamugabo vor. Er soll im Jahr 2018 einer chinesischen Firma illegal die Genehmigung für die Abholzung von zwei Millionen Hektar Urwald erteilt haben. Auch gegen die Genehmigung, die der belgischen Firma TradeLink erteilt wurde, wurde Einspruch eingelegt.

Merveille Mbombahundu und Dieu Yanick auf ihrem selbstgebauten Floß, auf dem sie seit mehreren Monaten leben. Sie verdienen ihr Geld mit dem Verkauf von Holz im Hafen von Kinkole, einem Stadtteil von Kinshasa, das sie auf dem Floß den Kongo hinuntertransportieren. Nur durch Lizenzen und Papiere kann gewährleistet werden, dass Holzfäller keine Bäume schlagen, die zu alt oder zu jung sind oder unter Naturschutz stehen.

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Eve Bazaiba, die im April 2021 Claude Nyamugabos Nachfolge angetreten hat, sagt, sie prüfe derzeit die bestehenden Verträge und zöge in Betracht, sie zu kündigen. „Wir haben es hier im Grunde mit einem Ausverkauf unserer Wälder zu tun“, sagt sie. „In Teilen werden wir die Verträge kündigen und stattdessen den Regenwald schützen, weil wir von den CO2-Zertifikaten mehr profitieren als davon, den Wald durch Menschen zerstören zu lassen, die unsere Standards nicht respektieren.“

Die Regierung unter dem kongolesische Präsidenten Félix Tshisekedi fährt derzeit eine harte Linie gegen ausländische Firmen, die versuchen, einen Vorteil aus der schwachen Position der lokalen Gesetzeshüter zu ziehen. In der Provinz Sud-Kivu haben Einsatzkräfte im August 2021 dem illegalen Betrieb einer Goldmine durch mehrere Chinesen ein Ende gesetzt. Daraufhin folgte eine äußerst seltene öffentliche Entschuldigung der chinesischen Regierung, mit der die DRK derzeit in den Vertragsverhandlungen über Minen-Großprojekte steckt.

Ohne Nutzungsplan in die Katastrophe

Laut Informationen der Weltbank waren im Jahr 2020 nur noch 55,5 Prozent der ursprünglichen Regenwaldfläche im Kongobecken vorhanden. Beim Klimagipfel im Jahr 2021 kündigte Präsident Tshisekedi an, die Abholzung zu stoppen und den Wald auf 63,5 Prozent wieder aufzuforsten. Doch nicht alle sind davon überzeugt, dass dieses Versprechen zur Umsetzung kommen wird.

„Von der Regierung hört man ständig, dass die DRK bei der Klimakonferenz als sogenanntes Lösungsland für den Klimawandel auftreten wird, weil das Kongobecken so ein wichtiger CO2-Speicher ist. Aber das Ende des Abholzungsverbots steht zu dieser Aussage im direkten Widerspruch“, sagt Irène Wabiwa Betoko, Leiterin der Kampagne zur Rettung des Kongobecken-Waldes von Greenpeace Afrika.

Die Imker Kwebena Bazungula Godfrey und Jean-Jacques Lutete Luakanda sehen nach ihren Bienenstöcken im Luki-Biosphärenreservat. Der Anbau von Kakao und die Gewinnung von Honig sind nachhaltige Alternativen zur Abholzung und Rodung, die für das Anlegen landwirtschaftlicher Flächen notwendig sind.

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Als im Februar 2017 bestätigt wurde, dass es sich bei dem Torfmoor im Kongobecken um das größte der Welt handelt, zeigte das abermals, was auf dem Spiel steht. Wissenschaftler schätzen, dass das Moor mehr als 29 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichert, so viel wie alle Bäume des Kongo-Regenwalds, dessen Fläche dreizehnmal so groß ist. Gerät das fragile ökologische Gleichgewicht ins Wanken, könnte das den Wissenschaftlern zufolge zu einer Zerstörung des Torfmoors führen.

„Das Problem ist ja nicht nur die Abholzung, sondern auch der Abbau von Bodenschätzen, die Landwirtschaft und der Holzbedarf der lokalen Bevölkerung“, sagt Joseph Bobia, nationaler Koordinator von Réseau Ressources Naturelles, einem Zusammenschluss aus 256 Non-Profit-Umweltschutzorganisationen aus der DRK. „Eine der Voraussetzungen für die Aufhebung des Verbots – die Einzige, die bisher nicht erfüllt wurde – ist ein Landnutzungsplan. Ohne eine klare Festlegung darauf, wie viele Bäume gefällt und wie viel Wald für die Minen entfernt werden darf, wird der Regenwald zu einem Gratisbuffet für alle“, sagt er. „Vielleicht noch nicht unter der aktuellen Regierung – aber möglicherweise unter der nächsten.“

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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