Wissenschaft

Wen diese Bilder anekeln, der leidet womöglich an Trypophobie

Eine Studie stellt eine Theorie darüber auf, warum kleine Löcher bei manchen Menschen Ekel auslösen. Donnerstag, 9 November

Von Sarah Gibbens

Trypophobie ist vielleicht eine der online am heißesten diskutierten Phobien, von denen ihr namentlich aber noch nie gehört habt. Der Begriff beschreibt eine Angst vor einer Ansammlung kleiner Löcher.

Er ging etwa 2009 in den populären Sprachgebrauch über, als ein Student der Universität von Albany in New York, USA ihn erfand und eine Facebookseite erstellte, auf der selbstdiagnostizierte Trypophobiker oder deren Bekannte sich austauschen konnten. Seitdem hat das Interesse an dem Phänomen schlagartig zugenommen.

In Onlineforen auf Reddit, Instagram und Facebook tauschen sich Menschen aus, die ihren gemeinsamen Ekel über die entsprechenden Bilder ausdrücken.

(Als ich ein Bild von einer Lotosblume auf meinem Twitteraccount teilte, reichten die Reaktionen von Leuten, die verwirrt darüber waren, was daran verstörend sein sollte, bis hin zu Leuten, die so verstört waren, dass sie mich baten, das Bild wieder runterzunehmen.)

Der Begriff wird von der American Psychiatric Association nicht anerkannt und Experten auf dem Gebiet der psychischen Gesundheit streiten darüber, ob es sich um eine echte Phobie oder eher um Idiosynkrasie (ungewöhnliches Verhalten) handelt. Ein Großteil der Angst ist von jenen selbst diagnostiziert, die behaupten, die Bilder würden bei ihnen alle möglichen Symptome von leichtem Unbehagen bis zu einem starken Übelkeitsgefühl auslösen.

2013 beschäftigten sich erstmals zwei Forscher von der Universität von Essex im akademischen Rahmen mit der Angst. Ihre Studie nannten sie schlicht „Die Angst vor Löchern“. Von ihrer Stichprobe aus 286 Erwachsenen zeigten 16 Prozent eine intuitive Abneigung gegen diese Formen. Ihrer Vermutung nach war diese Aversion eine evolutionäre Anpassung, da einige tödliche Tiere wie gewisse Spinnenarten, Schlangen und Skorpione ähnliche Muster aufweisen.

Eine neue Studie der Universität von Kent, die in „Cognition and Emotion“ erschien, stellte eine andere Theorie auf.

„Es ist weithin bekannt, dass Ekel uns hilft, infektiöse Krankheiten und Krankheitserreger zu meiden“, sagte Tom Kupfer, der Autor der Studie. „Die Reaktion auf diese Bilder scheint eine Reaktion zur Krankheitsvermeidung zu sein.“

Mit anderen Worten: Menschen, die sich vor dem Anblick von kleinen Ansammlungen von Löchern fürchten, könnten im Grunde Angst vor Parasiten oder Krankheiten haben, die sich einfach von Mensch zu Mensch übertragen. Die Forscher vermuteten, dass die Ansammlungen kleiner Löcher bei Menschen mit Pocken, Masern, Typhus oder anderen Krankheiten ursächlich für die übermäßige Reaktion von Trypophobikern sein könnten, wenn diese ähnliche Muster in alltäglichen Objekten sehen.

THEORIETEST

Um ihre Hypothese zu testen, engagierten die Forscher 300 selbsterklärte Trypophobiker aus Onlinegruppen und 300 Studenten, die sich selbst keinerlei solche Phobie zuschrieben. Beide Gruppen sahen sich dann 16 Bilder an. Acht von ihnen zeigten Anhäufungen von Löchern, die mit erkrankten Körperteilen in Zusammenhang standen, während die anderen acht keinen Krankheitsbezug hatten und beispielsweise Samenhülsen von Lotosblumen oder Löcher zeigten, die in Ziegel gebohrt wurden.

Beide Gruppen berichteten, dass sie sich von den Bildern der Krankheiten angeekelt fühlten, aber nur der trypophobischen Gruppe waren auch die acht anderen Bilder unangenehm. Die Mitglieder dieser Gruppen berichteten öfter von Ekelempfindungen und dem Gefühl, dass etwas über ihre Haut krabbelte, als dass sie Angst empfanden. Da die Teilnehmer mit überwältigender Mehrheit Ekelgefühle vor dem Gefühl der Angst empfunden hatten, schlossen die Wissenschaftler daraus, dass die Aversion gegen Krankheitserreger eher zu der Phobie beitrug als die zuvor vermutete Angst vor tödlichen Tieren.

Carol Mathews erklärte, dass eine Theorie dazu, warum Menschen Phobien entwickeln, eine evolutionäre Abneigung gegenüber gefährlichen Objekten sei. Sie ist eine auf Angststörungen spezialisierte Professorin für Psychiatrie an der Universität von Florida, USA. Die Angst vor Schlangen, Spinnen oder Höhen – einige der am häufigsten vermeldeten Phobien – könnte als eine Art Schutzmechanismus fungiert haben, um gefährliche Situationen zu meiden.

„Das Argument ist, dass alle Phobien an irgendeinem Punkt durch eine evolutionäre Anpassung entstanden“, sagt Mathews. „[Trypophobie] scheint ein echtes Phänomen zu sein.“

„Das ist nichts, wofür wir Leute in die Kliniken kommen sehen, um sich behandeln zu lassen“, fügt sie hinzu.

DIE ANATOMIE DER ANGST

Obwohl viele Phobien dem Schutz dienen, können Menschen gegen fast alles eine Phobie entwickeln. Online findet man Phobie-Kataloge, die alles von einer Angst vor klingelnden Telefonen bis zu einer Angst vor Wolken auflisten. Eines der häufigsten Argumente gegen Trypophobie als Krankheit ist, dass Menschen empfänglicher für die psychische Suggestion geworden sind, Bilder von Löchern seien ekelhaft, seit das Phänomen online an Bekanntheit gewonnen hat.

„Das ist eines der Dinge, die wahrscheinlich schon lange existiert haben, aber dank des Internets und der einfachen Informationsgewinnung jetzt bekannter geworden ist“, so Mathews.

Auch wenn sie glaubt, dass die Angst vor Parasiten und Krankheiten eine interessante Hypothese für die Ursache von Trypophobie ist, fügt sie hinzu, dass noch einiges an Forschung betrieben werden muss, um diesen Zustand zu verstehen.

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