Wissenschaft

In Haustierküsschen lauern tödliche Gefahren

Potenzielle Pathogene machen die Zuneigungsbekundungen unserer pelzigen Freunde unter bestimmten Umständen zu einer echten Gefahr. Montag, 6 November

Von Erika Engelhaupt

Als Julie McKenna 2007 in ein Krankenhaus im australischen Mildura eingeliefert wurde, konnte sie kaum sprechen. Ihre Arme und Beine waren kalt und fleckig, ihr Gesicht färbte sich violett.

Die Ärzte stellten schnell fest, dass Julie einen septischen Schock erlitt. Bakterien in ihren Blutkreislauf griffen sie von innen heraus an. Selbst nach Verabreichung von Antibiotika breitete sich die violette Verfärbung weiter aus und ihre Organe begannen zu versagen. Schließlich wurden Teile ihrer Arme und Beine schwarz.

Sie lag mehr als zwei Wochen im Krankenhaus, bis die Ärzte endlich feststellen konnten, welche Bakterien sich in ihrem Blut befanden. Es handelte sich um Capnocytophaga canimorsus, ein Bakterium, das sich im Speichel von Hunden und Katzen befindet.

Erst da erinnerte sich Julie, dass sie sich einige Wochen vor ihrer Erkrankung die Oberseite ihres linken Fußes an heißem Wasser verbrannt hatte. Es war keine schlimme Verbrennung und sie hatte sich nichts dabei gedacht, als ihr Foxterrierwelpe die Wunde abgeleckt hatte.

Genau wie Julie wissen auch die meisten von uns nicht genau, was sich alles im Speichel unserer Haustiere befindet und wie gefährlich es ist. Im Normalfall stehen unsere Haut und unser Immunsystem zwischen uns und den Keimen unserer Haustiere – aber diese Barrieren können durchbrochen werden.

Etwa zehn bis 15 Prozent aller Hundebisse entzünden sich, bei Katzenbissen sind es sogar bis zu 50 Prozent. Manchmal sind die Folgen tödlich: Einer Studie zufolge starben 26 Menschen, die sich nachweislich mit C. canimorsus infiziert hatten. (Würden eure Haustiere euch nach eurem Tod fressen?)

Jetzt haben Wissenschaftler damit begonnen, all die Bakterien zu beschreiben, die in den Mäulern von Katzen und Hunden leben – und sie mit unseren eigenen Bakterien zu vergleichen. Ihre Arbeit offenbart eine Reihe potenzieller Pathogene, die sich in jedem schlabbrigen Küsschen und kratzigem Abschlecken verbergen.

Im Maul eines Welpen stellt C. canimorsus keine große Gefahr dar. Mindestens ein Viertel alle Hunde und viele Katzen tragen das Bakterium in sich. In Menschen findet man es für gewöhnlich nicht. Sobald sie in Julies Blutkreislauf gerieten, rang ihr Körper damit, die Infektion zu bekämpfen.

Die Antibiotika konnten das Ruder schließlich herumreißen, aber die Ärzte mussten Julies linkes Bein über dem Knie amputieren, genau wie einen Teil ihres rechten Fußes und all ihre Finger und Zehen. „Das hat mein Leben in jeder Hinsicht verändert“, sagte sie später gegenüber ABC News Australia.

Wir haben ein paar der Mythen und Missverständnisse darüber zusammengetragen, was sich in den Mäulern unserer pelzigen Lieblinge verbirgt.

BAKTERIEN IM ÜBERFLUSS

Wenn irgendjemand weiß, was in Hunde- und Katzenmäulern herumschwimmt, dann ist es Floyd Dewhirst, ein Bakteriengenetiker des Forsyth Instituts und ein Professor für Oralmedizin an der Harvard-Universität. Dewhirst war der Wegbereiter für die Erforschung des oralen Mikrobioms – aller im Mund lebender Bakterien – bei Menschen, Hunden und Katzen.

Im menschlichen Mund sind etwa 400 bis 500 Bakterienarten ebenso verbreitet wie zahlreich, sagt er. Bisher haben Dewhirst und seine Kollegen 400 verschiedene orale Bakterien bei Hunden und 200 bei Katzen identifiziert. Dewhirst erwartet, dass sich bei zukünftigen Studien noch mehr offenbaren werden.

Einer der Hauptgründe dafür, dass wir durch Haustiere Infektionen bekommen, sei laut ihm der Umstand, dass unsere bakteriellen Ökosysteme so unterschiedlich sind.

„Wenn man sich Menschen und Hunde ansieht, dann gibt es nur etwa 15 Prozent [der Bakterien] bei beiden Arten“, sagt er. Daher ist es bei vielen Bakterien im Maul eines Hundes unwahrscheinlich, dass sie von unserem Immunsystem und unseren eigenen Bakterien in Schach gehalten werden können. Die oralen Mikrobiome und Hunden und Katzen überschneiden sind hingegen zu etwa 50 Prozent. (Katzen haben sich selbst domestiziert)

„Das könnte teils daran liegen, auf welche Nahrung die Bakterien evolutionär spezialisiert sind“, so Dewhirst. Im menschlichen Mund finden sich vorwiegend Streptokokken, die gut darin sind, Zucker zu verarbeiten. „Da Katzen und Hunde für gewöhnlich keine Donuts fressen, gibt es bei ihnen fast keine Streptokokken“, sagt er.

Ein einziges Abschlecken kann unzählige Millionen fremder Bakterien übertragen, sagt Dewhirst. Auch noch Stunden später ließen sie sich auf der menschlichen Haut nachweisen. Als Wissenschaftler das Hautmikrobiom von Menschen untersuchten, waren sie überrascht, dass sie bei mehreren Menschen Hautbereiche voller Hundebakterien fanden.

„Wenn man von einem Hund abgeleckt wird und jemand fünf Stunden später ein Wattestäbchen nimmt und über diese Stelle reibt, könnte derjenige 50 verschiedene Bakterienarten aus dem Hundemaul finden“, sagt er.

HEILENDE WIRKUNG?

Seltsamerweise ist die Geschichte voll von Überlieferungen, die darauf schließen lassen, dass Hundespeichel eher heilende Kräfte besitzt. Angeblich leckten Hunde im altgriechischen Tempel des Gottes der Heilkunst Asklepios Wunden. Und es gibt eine alte, aber unbestätigte Geschichte darüber, dass Caesars Armeen Hunde einsetzten, die Wunden von Verletzten leckten.

Selbst, wenn das wirklich passiert ist, heißt das aber nicht, dass es eine gute Idee war.

In den Mäulern von Hunden und Katzen finden sich diverse antibakterielle Verbindungen – darunter auch kleine Moleküle namens Peptide –, aber auch in menschlichen Mündern. Trotzdem ist die Haustierzunge kein magischer Keimtöter.

Laut Dewhirst sollte man sich nicht darauf verlassen, dass diese Verbindungen einen Wundbereich sterilisieren. Trotz ihrer Anwesenheit leben nämlich zahlreiche Bakterien in ihrer Umgebung.

Zudem wurden Studien über die antibakterielle Wirkung von Speichel aus dem Kontext gerissen, sagt die Tierärztin Kathryn Primm.

Eine Studie aus dem Jahr 1990 fand heraus, dass Hundespeichel einen leichten antibakteriellen Effekt hat, wenn eine Hündin sich selbst und ihre Welpen ableckt, so Primm. Eine weitere Studie, die 1997 in „The Lancet“ veröffentlicht wurde, zeigte, dass das Nitrit in Speichel auf der Haut zu Stickoxid wird, welches antimikrobiell ist.

Aber beide Studien untersuchten das Ablecken innerhalb derselben Art, nicht artübergreifend. Ein Gegenbeispiel bietet ein Soldat, der 2016 seinen Hund seine Wunde ablecken ließ und sechs Wochen im Koma verbrachte, während durch eine Bakterieninfektion große Teile seines Gewebes abstarben. (Was sind “fleischfressende Bakterien” und wie bekämpft man sie?)

ERFOLG DURCH HYGIENE 

Wenn das Maul eines Haustiers also voller Bakterien ist, wie sauber wird es dann eigentlich, wenn es sich putzt?

Der Grund, weshalb sich Hauskatzen so viel putzen, liegt in ihren Raubtierinstinkten. Wilde Katzen nutzen ihre rauen Zungen, „um das Blut aus ihrem Fell zu lecken“, sagt Primm. „Sie wollen nicht durch den Geruch ihrer Beute aufgespürt werden.“

Hunde hingegen sind da nicht so penibel. „Wenn man einen Hund nicht selbst saubermacht, bleibt er einfach dreckig“, so Primm. „Sie sind keine heimlichen Ninjajäger wie Katzen, also spielt es vom Überlebensstandpunkt her keine so große Rolle.“

Wenn sich Katzen putzen, verteilen sie auch Bakterien auf sich. Allerdings haben sie sich evolutionär zusammen mit diesen Mikroben entwickelt und ihr Immunsystem ist auf sie abgestimmt, sodass sie für die Katze kein Problem darstellen.

 

Die gute Nachricht für Katzenbesitzer ist, dass die oralen Bakterien des Tieres nicht ewig auf dem Katzenfell überleben. Die schlechte Nachricht ist, dass sie aber auch nicht gleich absterben: Eine Studie entdeckte fast eine Million lebender Bakterien auf jedem Gramm Katzenhaar.

Das Team testete außerdem, wie viele Bakterien von einer Katze auf die zuvor sterilisierten Hände eines Menschen übertragen wurden, wenn dieser die Katze zwei Minuten lang streichelte. Die Antwort sollte eine Erleichterung für Katzenfreunde sein: Nur etwa 150 Bakterien schafften die Reise pro Streichelsitzung.

Das stellt kein Problem dar, solange wir uns auch selbst sauber halten: „Ich rate Leuten immer zu Standardhygienemaßnahmen“, sagt Primm. „Nachdem Tiere einem die Hände abgeleckt haben, ist es eine gute Idee, sie zu waschen.“

Worauf Haustierbesitzer hauptsächlich achten sollten, sind Möglichkeiten, wie die Bakterien die Haut durchdringen könnten, so Primm. Sobald sie ihren Weg erst einmal in uns hinein finden, wartet dort eine feuchte, bakterienfreundliche Umgebung auf sie, in der sie sich vermehren und Infektion auslösen können.

Was das fröhliche Abschlecken von Gesichtern durch Hunde angeht, so ist auch das im Normalfall nicht schädlich – sofern man ein gesundes Immunsystem hat und keinerlei Wunden im Gesicht oder Mund Bakterien den Zugang zum Blutkreislauf ermöglichen. „In dieser Woche haben mir zwei verschiedene Hunde den Mund abgeleckt“, sagt Primm.

Man sollte allerdings bedenken, dass Babys und ältere Menschen schwächere Immunsysteme haben als gesunde Erwachsene. In einem Fall brachten Eltern ihr sieben Wochen altes Baby mit Fieber und einer Ausbeulung am Schädel ins Krankenhaus

Es stellte sich heraus, dass es eine Hirnhautentzündung hatte, die durch Pasteurella multocida ausgelöst wurde – ein weiteres Pathogen, das sich häufig in den Mäulern von Katzen und Hunden findet. Der zwei Jahre alte Bruder des kleinen Kindes ließ sich die Hände oft vom Familienhund ablecken und hatte auch die Angewohnheit, seinen kleinen Bruder an seinem kleinen Finger nuckeln zu lassen.

Tierbesitzer sollten sich also regelmäßig die Hände waschen und besonders auf den hygienischen Umgang von Babys und Tieren achten.