Schützenfische erkennen menschliche Gesichter

Forscher trainierten die Tiere darauf, bestimmte Gesichter zu erkennen und mit Wasser zu bespritzen. Montag, 22. Oktober 2018

Ein wichtiger Test steht an – und der Lehrer bittet einen darum, auf die richtige Antwort zu spucken. 

So lief das bei einer aktuellen Studie zu Schützenfischen ab. Dabei zeigten Wissenschaftler, dass diese Fische menschliche Gesichter identifizieren können. Den Beweis lieferten die Tiere, indem sie einen Wasserstrahl auf das korrekte Gesicht spritzten, das auf einem Bildschirm abgebildet wurde. 

In der Wildnis nutzen Schützenfische diese Technik, um Insekten und andere Beutetiere ins Wasser zu schießen, wo sie sie dann verschlingen. Im Labor trainierten Forscher die tropischen Fische mit Nahrung darauf, ihre Fähigkeiten als Scharfschützen der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen.  

„Oft wird angenommen, Fische hätten nur ein kurzes Gedächtnis oder wären gerade intelligent genug, um einfache Aufgaben zu erfüllen“ sagt Cait Newport, eine Meeresbiologin der University of Oxford und Hauptautorin der Studie. „Aber selbst einfache Aufgaben wie das Finden von Nahrung oder eines Partners oder die Flucht vor Raubtieren kann ein gutes Gedächtnis und eine beträchtliche Intelligenz voraussetzen.“ 

Die aktuelle Studie offenbarte beispielsweise, dass Schützenfische darauf trainiert werden können, eine dreidimensionale Darstellung eines menschlichen Gesichts im Vergleich mit einem anderen Gesicht zu erkennen. Die Fische konnten das Bild sogar dann erkennen, wenn es um 30, 60 oder 90 Grad gedreht wurde – also von einer Frontalansicht auf eine Profilansicht. 

Je weiter das Gesicht gedreht wurde, desto geringer wurde die Trefferquote der Fische und desto mehr Zeit benötigten sie, um ihre Entscheidung zu treffen. Dennoch zeugt das Ergebnis laut Newport von einer Performance, wie man sie auch bei Menschen und Primaten finden kann. 

„Die Tatsache, dass Fische diese Art von Aufgabe mit menschlichen Gesichtern überhaupt lösen können, ist beeindruckend, wenn man bedenkt, dass Fische keine evolutionäre Notwendigkeit haben, menschliche Gesichter zu erkennen. Außerdem handelt es sich dabei um eine Klasse von Objekten, die sehr schwer zu unterscheiden sind“, so Newport. 

Keine Frage der Intelligenz 

Vermutlich wird es viele überraschen, dass ein scheinbar so schlichtes Tier wie ein Fisch darauf trainiert werden kann, menschliche Gesichter zu erkennen. Tatsächlich sollte es das aber nicht. 

„Ich wäre eher sehr überrascht gewesen, wenn sie das nicht geschafft hätten“, sagt Vera Schluessel, eine Zoologin der Universität Bonn. 

Schluessel war an dieser speziellen Studie zwar nicht beteiligt, erforscht aber schon seit mehr als zehn Jahren die Intelligenz von Buntbarschen, Haien und Rochen. In dieser Zeit hat sie stets gegen das Vorurteil angekämpft, dass Fische dumm oder primitiv seien, nur weil ihr Gehirn kleiner als das anderer Tiere ist. 

„Das Fischgehirn unterscheidet sich sehr vom Säugetiergehirn, aber es mangelt ihm nicht an Komplexität“, so Schluessel.  

Ein gutes Beispiel dafür seien ihr zufolge die Putzerfische eines Korallenriffs. Sie unterscheiden zwischen Hunderten, vielleicht sogar Tausenden anderen Fischarten, die sie nach toten Hautschuppen und Parasiten absuchen. Wenn sie das können, warum sollten Schützenfische dann nicht auch menschliche Gesichter erkennen und sich an sie erinnern können? 

Neben Schützenfischen haben auch Tauben und Bienen bewiesen, dass sie menschliche Gesichter identifizieren können, selbst wenn diese aus der Frontalansicht herausgedreht wurden. Wie gut das gelang, unterschied sich je nach Art und dem Aufbau des Experiments. Aber der Umstand, dass all diese Tiere neue Objekte identifizieren können, obwohl sie im Gegensatz zu Säugetieren keinen Neocortex besitzen, zeigt uns, dass Größe und Form eines Gehirns kein universeller Maßstab für geistige Fähigkeiten sind. 

„Die große Frage ist für Wissenschaftler nicht, ob Fische intelligent sind oder nicht“, sagt Newport, „sondern ob sie komplexe Aufgaben auf dieselbe Art lösen wie Tiere mit größeren Gehirnen – oder ob sie für ähnliche Aufgaben einfachere Lösungen gefunden haben.“ 

Die aktuelle Studie deutet jedenfalls darauf hin, dass Fische „ähnliche Mechanismen benutzen wie Primaten“, sagt sie. 

Das Leben in drei Dimensionen 

Womöglich gibt es noch einen anderen Grund dafür, dass die Schützenfische auch bei rotierten Gesichtern solche guten Leistungen erbringen konnten. Im Gegensatz zu nicht flugfähigen Tieren wie Menschen haben sich Fische evolutionär in einem Lebensraum entwickelt, in dem sie sich problemlos in drei Dimensionen bewegen können. 

Das bedeutet, dass sie sich beständig aus jedem Winkel Objekten annähern können und dass sich andere Objekte im Gegenzug ihnen aus jedem Winkel annähern können. Daher macht es absolut Sinn, dass die Schützenfische ein Objekt auch dann erkennen, wenn es leicht gedreht ist, so Schluessel. 

Obwohl sie von den Ergebnissen der neuen Studie nicht überrascht war, bezeichnete sie die Arbeit als sehr wertvoll – nicht nur, weil sie wissenschaftliche Erkenntnisse beiträgt, sondern auch, weil sie die Art und Weise verändern könnte, wie Laien über diese missverstandenen Tiere denken. 

„Ich finde, es ist einfach eine tolle Studie, weil sie den Leuten zeigt, dass Fische eine Menge Dinge tun können, die die meisten Menschen ihnen nicht zutrauen würden.“ 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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