Wissenschaft

Das Biotop in unserem Bauchnabel

Forscher fanden einen ganzen „Regenwald“ von Bakterien an der wenig beachteten Stelle des Körpers. Thursday, March 28, 2019

Von Shannon Fischer
Bakterienproben aus Bauchnabeln: Bacillus subtilis (links) und Staphylococcus epidermidis.

Rob Dunn und sein Team aus Ökologen gucken nicht einfach nur zum Spaß in Bauchnabel. Sie haben ein professionelles Interesse an dem unscheinbaren Körperteil – und analysierten die Mikroben in den Bauchnabeln von 60 Freiwilligen. Das Ergebnis?

Unsere Bauchnabel haben sehr viel mit Regenwäldern gemein.

Alles begann mit einer Schnapsidee in einem Biologielabor der North Carolina State University. Dort wollte jemand eine Probe der Bauchnabelbakterien eines Kollegen für ein Weihnachtskartenmotiv verwenden. Ein Forschungsteam der Universität fand die Idee dann gar nicht so schlecht – insbesondere, weil das Team einen neuen Schwerpunkt auf die sogenannte „Citizen Science“ (Bürgerwissenschaft) setzen wollte. 

Was würde sich besser eignen, um das Interesse der Öffentlichkeit an Wissenschaft zu wecken, als ein Abbild des blühenden Ökosystems auf unserer Haut? „Und Bauchnabel sind gerade albern genug, dass sie bei fast jedem Anklang finden“, fügte Dunn hinzu.

Außerdem zählen Bauchnabel zu jenen Körperbereichen, die tatsächlich relativ wenig Beachtung finden. Somit hatten die Forscher eine Chance, eine quasi fast unberührte Mikrobenlandschaft am modernen Menschen zu erforschen.

Anfang 2011 machten sie sich zur ScienceOnline-Konferenz am North Carolina Museum of Natural Sciences auf und verteilten dort Wattestäbchen an 60 interessierte, wenn auch ein bisschen angeekelte Freiwillige. Zurück im Labor untersuchten die Wissenschaftler dann ihre bakterielle Ausbeute.

Das Belly Button Biodiversity Project (dt.: Bauchnabel-Biodiversitätsprojekt) hatte offiziell begonnen.

Welcome to the Jungle

Insgesamt fanden die Forscher in den 60 Bauchnabeln 2.368 Bakterienarten – 1.458 waren der Wissenschaft zuvor unbekannt gewesen.

In manchen Bauchnabeln tummelten sich nur 29 Arten, während es in anderen bis zu 107 waren. Der Durchschnitt lag bei 67. Etwa 92 Prozent der Bakterientypen traten bei weniger als zehn Prozent der Testsubjekte auf – zumeist fanden sie sich sogar nur auf einer einzigen Person.

Ein Wissenschaftsautor trug beispielsweise ein Bakterium mit sich herum, das man zuvor nur in japanischen Bodenproben gefunden hatte – und er selbst war nie in Japan gewesen.

Ein anderer, geruchsintensiverer Nabel, der mehrere Jahre nicht gewaschen worden war, beherbergte zwei extremophile Bakterien, die man sonst eigentlich in Eiskappen und an Thermalspalten findet.

Mit der Vielfalt ergaben sich auch gewisse Muster.

Obwohl kein Bakterienstrang nachgewiesen konnte, der bei allen 60 Freiwilligen vorhanden war, fand man immerhin acht Arten bei mehr als 70 Prozent der Tester. Wann immer diese Arten vorhanden waren, dann in großer Zahl.

„Damit ähnelt der Bauchnabel einem Regenwald sehr“, sagte Dunn. In jedem Wald mag das Spektrum der vorhandenen Pflanzen zwar variieren, wie er erklärt, aber ein Ökologe kann sich immer darauf verlassen, dass es ein paar dominante Baumarten gibt.

„Die Vorstellung, dass einige Aspekte unseres Körpers einem Regenwald ähneln, finde ich tatsächlich sehr schön“, so Dunn. „Und für mich als Ökologen macht das Sinn.“

Bunte Bakterienwelt

Neben der faszinierenden Welt des menschlichen Bauchnabels befasste sich das Robert Dunn Lab auch mit einer Reihe mehr oder minder artverwandten Themen. Für ein weiteres Bürgerwissenschaftsprojekt analysierten die Forscher das Öl aus den Gesichtsporen von zahlreichen Freiwilligen und fanden beispielsweise heraus, dass sich anhand der DNA der Milben, die auf unserem Gesicht heimisch sind, auch unsere geografische Herkunft feststellen lässt.

Analysen von Duschköpfen in europäischen und amerikanischen Haushalten förderten eine ganze Mikroben-Menagerie zutage.

Spätestens bei der umfassenden Bestandsaufnahme des Lebens in unseren Häusern und Wohnungen – Zusammenfassung: 12 Säugetiere, 1.000 Insekten,  51.965 Pilze und 97.800 Bakterien – ist für viele Leser der Spaß dann wohl aber vorbei.

Manchmal kann man vielleicht auch einfach zu viel wissen.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht. Zusätzliche Berichterstattung in Deutschland von Stephanie Glasa.

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