Geschichte der PTBS: Von der „Kriegsneurose“ zur Traumadiagnose

Seit Jahrtausenden gibt es Berichte über Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung. Die Diagnose selbst ist aber relativ jung – und Forscher finden beständig neue Erkenntnisse.

Monday, June 22, 2020,
Von Erin Blakemore
Ein kanadischer Soldat betrachtet das Schlachtfeld nach Dritten Flandernschlacht in Belgien 1917. Hunderttausende von Menschen, die ...

Ein kanadischer Soldat betrachtet das Schlachtfeld nach Dritten Flandernschlacht in Belgien 1917. Hunderttausende von Menschen, die im Ersten Weltkrieg gedient hatten, kehrten mit einer Krankheit heim, die man heute als posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) bezeichnen würde.

Bild Universal History Archive, UIG/Getty

Die Gefechte waren vorbei, aber die Soldaten kämpften noch immer. Flashbacks, Alpträume und Depressionen quälten sie. Einige sprachen undeutlich. Andere konnten sich nicht konzentrieren. Nervös und heimgesucht rangen die Soldaten mit den Erinnerungen des Krieges.

Aber um welchen Krieg geht es? Wer an Vietnam, den Amerikanischen Bürgerkrieg oder den Ersten Weltkrieg denkt, läge falsch. Die Symptome dieser Soldaten wurden nicht auf Papier festgehalten, sondern vor über 3.000 Jahren auf Keilschrifttafeln in Mesopotamien.

Damals vermutete man, dass die Krieger von Geistern verflucht worden waren. Heute würde man bei ihnen vermutlich eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS, oder eng.: PTSD) diagnostizieren.

Briefe aus Verdun

Obwohl die Diagnose selbst ihre Wurzeln im Krieg hat, wissen Ärztinnen und Therapeuten heute, dass PTBS Zivilisten und Soldatinnen gleichermaßen betrifft. Betroffene entwickeln eine PTBS, nachdem sie ein traumatisches Ereignis – definiert als „eingetretener oder drohender Tod, schwere Verletzung oder sexuelle Gewalt“ – erlebt, beobachtet oder davon erfahren haben. Die störenden Symptome beeinträchtigen ihr normales Funktionieren in der Gegenwart.

Fast sieben Prozent der amerikanischen Erwachsenen werden im Laufe ihres Lebens wahrscheinlich an PTBS erkranken. Aber es brauchte Jahrhunderte und den Beginn der industrialisierten Kriegsführung, bis die Gesellschaft erkannte, welche körperlichen und seelischen Auswirkungen damit einhergehen, traumatische Ereignisse zu erleben oder zu beobachten.

Medizinhistoriker haben viele frühe Beispiele für das aufgetan, was man heute als PTBS klassifizieren würde. Herodot beschrieb einen athenischen Soldaten, der blind wurde, nachdem er im Jahre 490 v. Chr. Zeuge der Schlacht von Marathon geworden war. In einem Shakespeare-Monolog in „Heinrich IV.“, Teil 1, beschreibt Lady Percy, dass ihr Mann nach einer Schlacht an Schlaflosigkeit leidet und das Leben nicht mehr genießen kann. Es gibt auch modernere Beschreibungen, wie etwa Berichte von Bürgerkriegssoldaten, die an etwas litten, was ihre Ärzte als „Soldatenherz“ bezeichneten.

Erfolglos suchten die frühen Mediziner nach einer physischen Ursache des Leidens. Erst in den 1880er Jahren stellten Psychiater dann einen Zusammenhang zwischen den Symptomen und dem Gehirn her. Damals wurden Frauen, die „ungebührlich“ starke Emotionen ausdrückten, als „hysterisch“ abgestempelt – ein Zustand, der angeblich mit der Gebärmutter zusammenhing. Als der französische Neurologe Jean-Martin Charcot ähnliche Symptome bei Männern sah, verbuchte er sie aber nicht als biologisches Schicksal, sondern als traumatische Ereignisse – und der Begriff „traumatische Hysterie“ war geboren.

„Das Konzept des Traumas wurde von Anfang an mit weiblicher Schwäche assoziiert“, sagt MaryCatherine McDonald. Die auf PTBS spezialisierte Historikerin arbeitet als Assistenzprofessorin für Philosophie und Religionswissenschaften an der Old Dominion University. Als schließlich der Erste Weltkrieg ausbrach, rüttelte er mächtig an der allgemeinen Überzeugung, psychologische Stabilität sei eine Frage des Charakters, der Männlichkeit und der moralischen Stärke.

Granatschock und Kriegsneurose

Vom Luftkampf bis zu Giftgas kamen mit dem Ersten Weltkrieg erschreckende neue Technologien in einem bis dahin unvorstellbaren Ausmaß zum Einsatz. Viele Soldaten kehrten gebrochen von der Front heim. Scheinbar über Nacht entwickelte sich das Fachgebiet der Kriegspsychiatrie und prägte einen ganz neuen Begriff: den Granatschock (eng.: shell shock), unter dem auch die Kriegszitterer litten. Er umfasste eine ganze Reihe von Symptomen, von Gesichtszuckungen bis hin zur Unfähigkeit zu sprechen. Hunderttausende Männer auf beiden Seiten litten nach dem Ersten Weltkrieg an etwas, das man heute PTBS nennen würde. Zwar kam einigen von ihnen eine rudimentäre Form der psychiatrischen Behandlung zugute, aber dennoch wurden sie nach dem Krieg verunglimpft. Wie die Historikerin Fiona Reid anmerkt, war „die Behandlung von Kriegsneurosen unentwegt eng mit Disziplin verbunden“. Das galt insbesondere beim Militär, das Schwierigkeiten hatte, seinen Glauben an Mut und Heldentum mit der Realität jener Männer in Einklang zu bringen, die unsichtbare Wunden trugen.

Ein amerikanischer Soldat im Zweiten Weltkrieg, der an einem „Kampfschock“ leidet, erhält von einem Arzt ein Beruhigungsmittel. Begriffe wie „Kampfschock“, „psychiatrischer Kollaps“, „Kampfmüdigkeit“ und „Kriegsneurose“ wurden während des Zweiten Weltkriegs zur Beschreibung von PTBS-Symptomen verwendet.

Bild Haywood Magee, Picture Post/Hulton Archive/Getty

Bis zum Zweiten Weltkrieg wurden den Psychiatern zunehmend klar, dass sich Kampfhandlungen auf die psychische Gesundheit auswirkten. Sie kamen allerdings zu dem Schluss, dass für die vorangegangenen Kriege einfach zu viele Männer ausgewählt worden waren, die zu Angstzuständen oder „neurotischen Tendenzen“ neigten. Doch obwohl im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs sechsmal so viele amerikanische Männer überprüft und ausgemustert wurden, forderte der Militärdienst immer noch seinen Tribut: Während des Kriegs zeigten etwa doppelt so viele amerikanische Soldaten PTBS-Symptome wie im Ersten Weltkrieg. Dieses Mal wurde ihr Zustand als „psychiatrischer Kollaps“, „Kampfmüdigkeit“ oder „Kriegsneurose“ bezeichnet.

Militärbeamte gingen davon aus, dass die Entfernung der Männer aus Kampfsituationen oder die Behandlung mit Medikamenten wie Natriumamytal ihre psychische Not lindern würde. Funktioniert hat das allerdings nicht: Fast 1,4 Millionen der 16,1 Millionen Männer, die im Zweiten Weltkrieg dienten, wurden während des Krieges wegen Kriegsneurose behandelt – die Symptome waren für 40 Prozent aller Entlassungen verantwortlich.

„Post Vietnam Syndrome“

Zunehmen erkannte die Fachwelt an, dass psychische Schäden durch Kriegseinsätze allgegenwärtig waren. Das führte zu einem mitfühlenderen Umgang mit traumatisierten Veteranen. „Der Soldat leidet in der modernen Kriegssituation eine Entbehrung, die in jeder Situation des zivilen oder auch nur primitiven Lebens schwer zu übertreffen ist“, schrieb der Psychiater Abram Kardiner. Sein 1941 erschienenes Buch „The Traumatic Neuroses of War“ trug viel dazu bei, die Ansichten über PTBS zu ändern. Trotz dieses Sinneswandels und einiger Studien, die zeigten, dass die Auswirkungen des Krieges jahrzehntelang andauern können, sahen sich Soldaten weiterhin mit veralteten Ansichten über ihre Fähigkeit konfrontiert, sich von kriegsbedingten psychiatrischen Leiden zu erholen.

1952 veröffentlichte die American Psychological Association das "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" (DSM). Das Handbuch hilft Fachleuten bei der Diagnose psychischer Erkrankungen und hat starken Einfluss auf den gesamten Fachbereich, von der Forschung über die öffentliche Politik bis hin zur Krankenversicherung. Die Symptome der Veteranen wurden darin jedoch unter Störungen wie Depression oder Schizophrenie kategorisiert, anstatt als eigenständige Diagnose anerkannt zu werden.

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Schließlich kam das „Post Vietnam Syndrome“. Der Begriff wurde 1972 vom Psychiater Chaim Shatan geprägt. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits etliche Vietnam-Veteranen nach Hause zurückgekehrt. Viele von ihnen litten unter emotionaler Abgestumpftheit, Unbeständigkeit, Flashbacks und Aggression. Weil die Symptome bei etlichen Betroffenen verzögert auftragen, hatten die Veteranen Probleme, Zugang zu Behandlungen und gesundheitlichen Leistungen zu erhalten.

Zunehmend suchten sie deshalb Selbsthilfegruppen auf und verbanden ihren Heilungsprozess mit Antikriegsprotesten. Dabei trafen sie mit Klinikärztinnen und Forschern wie Lifton und Shatan zusammen, die sich dafür einsetzten, eine Art Post-Kampfstress-Diagnose im DSM zu integrieren. 1980 wurde die „posttraumatische Belastungsstörung“ in der dritten Ausgabe des DSM schließlich zu einer formellen Diagnose. Zwölf Jahre später wurde sie auch in das ICD-System der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen.

Unsichtbare Wunden

Die heutige Definition von PTBS ist umfassender denn je: Die Erkrankung wird auch bei Überlebenden von sexuellem Missbrauch oder Übergriffen, Gesundheitskrisen und Operationen, Naturkatastrophen, Trauerfällen, Massenmorden, Unfällen und mehr diagnostiziert. Die Symptome sind äußerst vielfältig und reichen von Flashbacks und Alpträumen bis hin zu Hypervigilanz, Konzentrationsproblemen, Amnesie, Dissoziation und negativen Ansichten über sich selbst oder andere.

Mit jedem Jahr entwickeln Forscher neue Behandlungsmethoden für PTBS und erfahren mehr darüber, wie sich ein Trauma auf das Gehirn und den Körper auswirkt. Sie setzen sich auch mit der Möglichkeit auseinander, dass die Folgen von Traumata und Stress durch chemische Veränderungen, die sich auf die DNA-Expression auswirken, von einer Generation auf die nächste übertragen werden können. Eine Studie aus dem Jahr 2018 fand zum Beispiel eine hohe Sterblichkeit bei den Nachkommen von Männern, die in den 1860er Jahren Gefangenenlager des Bürgerkriegs überlebt hatten.

Wissenschaftler streiten sich noch immer über eine frühere Studie, die nahelegte, dass die Nachkommen von Holocaust-Überlebenden ein anderes Gleichgewicht an Stresshormonen geerbt haben als ihre Altersgenossen.

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Inmitten des syrischen Kriegsgebiets retten Ärzte in einer unterirdischen Klinik zahlreiche Leben.

Andere Forscherinnen wie Jessica Graham-LoPresti arbeiten daran, die Grenzen der offiziellen PTBS-Diagnose zu erweitern. Als klinische Psychologin und Assistenzprofessorin an der Suffolk University untersucht Graham-LoPresti die Auswirkungen des systemischen Rassismus auf Afroamerikaner. „People of Color erleben als Reaktion auf die Allgegenwart von Rassismus viele Symptome, die denen von PTBS gleichen“, sagt sie. Die Psychologin verweist darauf, dass Videomaterial von Polizeibrutalität die Ängste und den Stress der Menschen, die bereits von allgegenwärtigen rassistischen Erfahrungen geprägt sind, noch verstärken kann. „Das ist nicht neu, aber [diese Bilder] verursachen eine Menge Hypervigilanz, emotionale Reaktionen von Stress und Angst und Gefühle von Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit.“

Schulkinder beäugen Rudy. Der Therapiehund war 2019 am ersten Schultag nach dem verheerenden Kincade-Feuer in Nordkalifornien in der Schule.  Viele der Kinder leiden aufgrund der häufigen Brände in der Gegend unter PTBS-Symptomen.

Bild Lacy Atkins, AP

Laut der gegenwärtigen Definition von PTBS kann das Erleben oder Miterleben eines einzelnen Vorfalls von rassistisch motiviertem Terror ein Trauma auslösen. Die Mikroaggressionen und die intergenerationelle Dynamik, die Afroamerikaner tagtäglich erleben, gelten dabei allerdings nicht als Auslöser. „Es ist eine komplizierte Debatte“, sagt Graham-LoPresti. „Es ist so neu, und nicht Weiße Forscher bekommen viel Druck zu spüren, weil das Forschungsfeld so Weiß dominiert ist.“

Während Graham Lo-Presti daran arbeitet, die Zusammenhänge zwischen Rassismus und PTBS zu erforschen, erwägen ihre Kollegen die möglichen Auswirkungen einer weiteren Pandemie: COVID-19. Psychiater bereiten sich schon jetzt auf eine Flut von Patienten vor, die sowohl durch das Überleben der Krankheit als auch durch den Verlust ihrer Angehörigen traumatisiert sind. Nach der SARS-Epidemie in Hongkong im Jahr 2003 entwickelten einige Patienten und Mitarbeiter des Gesundheitswesens eine PTBS. Eine Reihe von Studien offenbarte zudem, dass Menschen, die in Quarantäne waren, mehr Anzeichen von posttraumatischem Stress aufwiesen als Menschen, die sich frei bewegen konnten.

Das bedeutet aber nicht, dass jeder, der ein traumatisches Ereignis durchlebt, eine PTBS entwickeln wird – oder dass Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung keine Heilung und Freude finden können. Wie bei anderen chronischen Krankheiten kann PTBS wieder nachlassen. Forscher entdecken zunehmend die heroischen Versuche des Gehirns, sich nach traumatischen Ereignissen selbst zu heilen.

„Es ist eine wirklich destruktive Einstellung, zu denken, dass PTBS eine Störung ist“, sagt McDonald. „Wir verstehen es grundlegend falsch, wenn wir glauben, es sei ein Zeichen dafür, dass die Betroffenen gebrochen sind. Es ist ein Zeichen für den Drang zu überleben.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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