Vom Tierfutter bis zum Palmöl-Ersatz: Insekten als Rohstoffquelle

Die Larven der Schwarzen Soldatenfliege sollen künftig nicht nur Soja und Fischmehl ersetzen. Ihre Proteine und Fette sind Ausgangstoffe für viele hochwertige und umweltfreundliche Produkte. Gut schmecken könnten sie auch.

Von Jens Voss
Veröffentlicht am 24. Nov. 2022, 09:51 MEZ
Eine Schwarze Soldatenfliege sitzt auf einem grünen Blatt

Winziger Hoffnungsträger in Großaufnahme: die Schwarze Soldatenfliege

Foto von Adobe Stock

Regenwälder werden für den Tierfutteranbau gerodet, Meere für die Fischmehlproduktion geplündert. Fast ein Kilo Soja braucht man, um ein Kilo Hühnerfleisch zu erzeugen. Und zur Herstellung von einem Kilo Zuchtlachs müssen gut drei Kilo Futterfische gefangen werden. Unser Hunger auf tierisches Protein verschlingt wertvolle Ressourcen. Über ein Drittel aller Feldfrüchte weltweit landet in den Mägen von Nutztieren – allein eine Milliarde Tonnen Soja und Mais jährlich. Das geht aus dem Fleischatlas der Heinrich-Böll-Stiftung hervor. Auf Deutschlands Äckern wachsen sogar mehr Futterpflanzen als Lebensmittel.

Gibt es einen Ausweg aus dem Tierfutterdilemma? Die beste Lösung lautet: Weniger Fleisch essen. Davon würde auch das Klima profitieren. Laut Welternährungsorganisation gehen 14,5 Prozent aller Treibhausgasemissionen auf die Nutztierhaltung zurück. Die zweitbeste Lösung: Alternative Futtermittel erschließen. Die Hoffnung ruht unter anderem auf einem tierischen Winzling, der sich umwelt- und klimafreundlich züchten lässt – millionenfach und auf kleinstem Raum. Die Schwarze Soldatenfliege (Hermetia illucens) stammt ursprünglich aus Südamerika. Dort lebt das rund 15 Millimeter große Insekt gern in großen Kolonien.

Insekten: Tierfutter der Zukunft

Der Clou: Die Larven sind leidenschaftliche Müllverwerter. Gemeinschaftlich wuseln und fressen sie sich durch pflanzliche und tierische Abfälle. Sie wachsen schnell und lagern dabei viel Eiweiß und Fett ein. Viele Forscher und Unternehmerinnen halten sie deshalb für ein ideales Tierfutter. Schweine und Hühner beispielsweise fressen von Natur aus für ihr Leben gern Insektenlarven. Fische wie die Forelle ernährend sich sogar bevorzugt davon.

Effektive Müllverwerter: Die Larven der Schwarzen Soldatenfliege fressen pflanzliche und tierische Abfälle – hier Apfelreste.

Foto von Adobe Stock

Der Zoologe und Insektenexperte Andreas Vilcinskas ist überzeugt: „Insekten werden das Tierfutter der Zukunft sein.“ Vilcinskas ist Professor am Institut für Insektenbiotechnologie an der Universität Gießen. Zugleich leitet er den Forschungsbereich für Bioressourcen am Fraunhofer-Institut in der hessischen Hochschulstadt. Seit Jahren arbeitet er mit seinem Team daran, die Schwarze Soldatenfliege als Tierfutter zu etablieren. Denn sie ist nicht nur eine Nährstoffbombe. Sie hat auch eine gute Ökobilanz. Ihre Aufzucht stößt wenig CO2 aus. Und statt wertvolle Ackerfrüchte zu fressen, verdingt sie sich auch noch als Abfallentsorger.

Mit Fliegenlarven zur Kreislaufwirtschaft

Kann der geflügelte Sechsbeiner vielleicht sogar noch mehr? In einer Pilotanlage am Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB in Stuttgart soll nun das gesamte Potenzial der Schwarzen Soldatenfliege erforscht werden. Gemeinsam mit verschiedenen Partnern entsteht dort eine sogenannte Insekten-Bioraffinerie. Projektleitern Susanne Zibek will gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Zibeks Ziel: „Insektenlarven auf Abfallstoffen zu züchten und daraus im großen Maßstab sekundäre Rohstoffe zu gewinnen, die sich dann in hochwertige chemische Produkte umwandeln lassen.“ Mit Insekten zur Kreislaufwirtschaft, lautet der Plan. Zibeks Team füttert die Insektenlarven mit Bioabfällen und abgelaufenen Lebensmitteln. Im Labor wird die Biomasse in hochreine Proteine und Fette aufgetrennt. Sie sollen dann als neue Ausgangsstoffe für eine Vielzahl hochwertiger Produkte zur Verfügung stehen.

Insekten wie aus einer anderen Welt
Eine Fangschrecke schlägt blitzschnell aus dem Hinterhalt zu – das Opfer hat keine Chance.

Folien aus Insektenhaut

Zibek hat dabei nicht nur proteinreiches Tierfutter im Sinn. Aus dem Larvenfett lässt sich beispielsweise ein Ersatz für Palm- oder Kokosöl produzieren. „Die Idee ist, dass wir hier in der Region ein Fett generieren können, dass man sonst nur in tropischen Regionen herstellen kann“, erklärt die Biotechnologin. Von Kosmetika bis zu Schmierstoffen: Die Einsatzmöglichkeiten seien vielfältig.

Aus den chitinhaltigen Häuten, welche die Larven beim Übergang ins nächste Stadium abwerfen, will man hochwertiges Chitosan gewinnen. Der Stoff wird unter anderem als Ausgangsmaterial in für Fasern, Schaumstoffe, und Folien genutzt. Selbst der Abfall, der bei der Insektenzucht anfällt, lässt sich aufbereiten und beispielsweise als organischer Dünger verwenden.

Die Häute der Larven enthalten Chitin, das extrahiert und in wertvolles Chitosan umgewandelt werden kann.

Foto von © Fraunhofer IGB

Insektenfarmen: Bauernhöfe 2.0

Ökonomisch sind Insektenfarmen deshalb äußerst interessant. Auch Kai Hempel, Henrik Reichstein und Jonas Finck haben das Potenzial erkannt. Angefangen hat alles vor rund fünf Jahren in einer kleinen Garage. Heute betreiben sie in Pegau südlich von Leipzig nach eigenen Worten auf 2.500 Quadratmetern die größte Insektenzucht in Deutschland. Weitere Anlagen, auch in anderen Ländern, sollen folgen.

Produziert wird nach dem Vertikal-Farming-Prinzip. Hierbei wachsen die Soldatenfliegen platzsparend in einer Halle in übereinander gestapelten Schiffscontainern auf. „Wir benötigen daher kein fruchtbares Ackerland“, erklären die drei Jungunternehmer. Als Futter für die Larven nutzen sie nach eigenen Worten Lebensmittelabfälle aus der Region.

Insektenburger aus Buffalowürmern

Gut 145.000 Kilo Larven hat das Team in Pegau bislang produziert. Verkauft werden nicht nur die frischen und getrockneten Insekten. Im Onlineshop gibt es auch Proteinmehl, Insektenfett und einen Naturdünger. Hauptabnehmer sind private Tierhalter und die Futtermittelindustrie. In Zukunft sei aber auch „eine Produktion für die Lebensmittelindustrie denkbar, wenn die Nachfrage und Akzeptanz steigen“.

Weltweit ernähren sich immerhin mehr als zwei Milliarden Menschen von Insekten. Die Tiere sind gesund und haben eine gute Ökobilanz. Warum also nicht auch hier? Seit 2018 sind Insekten als Lebensmittel in der EU zugelassen. Schon wenig später gab es die ersten Burger und Proteinriegel aus Buffalowürmern.

Noch hält sich die Begeisterung der Verbraucher in Grenzen. Doch auch Insektenforscher Vilcinskas glaubt, dass die kleinen Krabbler früher oder später die deutsche Lebensmittelindustrie erobern werden. Er ist sicher: „Von Insekten lernen, heißt siegen lernen.“

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