Gesunde Ernährung: Sollte Junkfood-Werbung verboten werden?

Ärzteverbände und Gesundheitsorganisationen fordern ein weitreichendes Werbeverbot für ungesundes Essen. Sie sind davon überzeugt: Junkfood-Werbung macht krank. Vor allem Kinder sollen besser geschützt werden.

Von Jens Voss
Veröffentlicht am 6. Feb. 2023, 09:08 MEZ
Nahaufnahme einer Schale Currywurst mit Pommes Firtes

Beliebt, aber ungesund: Currywurst mit Pommes

Foto von Adobe Stock

Jamie Oliver führt eine erbitterte Schlacht. Seine Gegner: Zuckerbomben und fettige Snacks. Der britische Starkoch kämpft seit Jahren für die gesunde Ernährung von Kindern. In seiner Heimat hat er inzwischen einen Teilsieg errungen. Ab 2024 soll in Großbritannien ein weitreichendes Verbot von Junkfood-Werbung in Kraft treten. Im Internet könnte dann Reklame für ungesunde Lebensmittel komplett untersagt und im TV nur noch nachts ausgestrahlt werden. Jahrelang hatte Oliver mit Ärzteverbänden und Elternorganisationen für ein solches Gesetz gekämpft.

Jetzt soll das Modell aus dem Königreich auch hierzulande Schule machen. Ein Bündnis aus Ärzteverbänden, Gesundheitsexperten sowie Ernährungs- und Kinderschutzorganisationen will Werbung für ungesunde Lebensmittel in Deutschland stark eindämmen. Vor allem Kinder sollen besser geschützt werden. 

In einem Appell an die Bundesregierung fordert die Gruppe, Junkfood-Werbung in TV, Radio und Streamingdiensten zwischen 6 und 23 Uhr zu verbieten. Außerdem schlagen die 39 Beteiligten eine 100-Meter-Bannmeile für solche Werbeplakate um Schulen, Kitas und Spielplätze vor. Auch Jamie Oliver hat den offenen Brief unterzeichnet.

„Tag für Tag bombardiert die Lebensmittelindustrie unsere Kinder mit Werbung für Zuckerbomben und fettige Snacks“, sagt er. „Um Kinder und Jugendliche vor den perfiden Marketing-Tricks zu schützen, haben wir in Großbritannien ein weitreichendes Gesetz erkämpft. Wenn Deutschland einen ähnlichen Weg beschreitet – oder sogar noch weiter geht, um Kinder angemessen zu schützen, wäre das ein Meilenstein.“

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Kampf gegen Zuckerbomben

Tatsächlich haben die Ampel-Parteien in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel einschränken zu wollen. Demnächst will die Regierung einen Gesetzesentwurf vorlegen. 

Der Zentralverband der Werbewirtschaft lehnt dies ab. Er setzt stattdessen auf Eigenverantwortung der Verbraucher und Selbstregulierung der Industrie. Es gebe kein einziges Land, in dem sich nach der Einführung eines Werbeverbots die Übergewichtszahlen nach unten bewegt hätten. 

Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen kommen zu einem anderen Ergebnis. Sie zeigen etwa, dass Werbung das Essverhalten von Kindern und Jugendlichen beeinflusst. Und sie tatsächlich krank machen kann. Laut einer Langzeitstudie mehrerer US-Universitäten verdoppelt Werbung den Fastfood-Konsum bei Kindern. Auch dann, wenn die Eltern selbst gar keine Fans davon sind.

Einer Studie der Universität Hamburg zufolge sieht jedes Kind zwischen drei und 13 Jahren pro Tag im Schnitt 15 Werbespots für ungesunde Lebensmittel. Die Forschenden haben festgestellt, dass es heute viel mehr TV-Spots für Junkfood gibt als noch vor 15 Jahren. Und auch im Internet beobachten sie eine Flut an Werbemaßnahmen, die sich gezielt an Minderjährige richten. Die Schlussfolgerungen des Forschungsteams aus Hamburg: Weil dieses Ausmaß an Werbung die ungesunde Ernährung von Kindern begünstige, „sollte Kindermarketing gesetzlich verboten werden“.

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Jeder siebte Deutsche stirbt infolge schlechter Ernährung

Stellt sich die Frage: Wie schlimm ist Junkfood überhaupt? Fakt ist: Kinder und Jugendliche essen etwa doppelt so viel Süßes, aber nur halb so viel Obst und Gemüse wie empfohlen. Auch der Fleisch- und Wurstverzehr ist deutlich zu hoch. Der Gesundheitsbericht der EU kommt zu einem klaren Ergebnis: Dennach trägt eine ungesunde Ernährung „in Deutschland erheblich zur Sterblichkeit bei“. Mehr als jeder fünfte Jugendliche sei übergewichtig oder gar fettleibig. Damit drohen Diabetes, Gelenkprobleme, Bluthochdruck, Herzerkrankungen bis hin zum vorzeitigen Tod. Jeder siebte Todesfall in Deutschland sei auf Junkfood zurückzuführen.

Ein Verbot von Junkfood-Werbung kann die Gefahren offenbar reduzieren. Das berichten britische Forschende der University of Sheffield und der London School of Hygiene & Tropical Medicine. Demnach haben die seit 2019 geltenden Werbeverbote für Junk-Food im Londoner Nahverkehr fast 100.000 Fälle von Fettleibigkeit verhindert. Außerdem kam es im Zeitraum von drei Jahren zu weniger Diabetes und schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Ein wichtiger Erfolg im Kampf gegen ein riesiges Problem: London hat europaweit eine der höchsten Übergewichtsraten bei Kindern: Fast 40 Prozent bringen zu viel Gewicht auf die Waage. Auch Jamie Oliver hatte sich seinerzeit für die Verbannung von Junkfood-Werbung im Londoner Nahverkehr stark gemacht. Heute sagt er: „Werbebeschränkungen sind ein zentraler Baustein zum Schutz der Kindergesundheit.“

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