Ältester Beleg für Haschkonsum auf Friedhof entdeckt

Spuren potenter Cannabispflanzen wurden in 2.500 Jahre alten Artefakten nachgewiesen, die als Grabbeigaben auf einem Friedhof an der Seidenstraße dienten.Donnerstag, 13. Juni 2019

Von Michelle Z. Donahue

Auf einem 2.500 Jahre alten Friedhof in Zentralasien haben Forscher die ältesten Belege für den menschlichen Konsum von Cannabis entdeckt, wie sie in einem Forschungsbericht darlegen, der in „Science Advances“ erschien.

Zuvor waren bereits Samen und andere Teile von Hanfpflanzen aus archäologischen Stätten derselben Region und Zeit bekannt, darunter auch ein Leichentuch aus Hanf, das 2016 entdeckt wurde. Allerdings war im jeweiligen Kontakt unklar, ob die vielseitige Pflanze aufgrund ihrer psychoaktiven Wirkung genutzt wurde oder andere rituelle Zwecke erfüllte.

Ein internationales Forscherteam analysierte schließlich die Innenseite und den Inhalt zehn hölzerner Schalen aus Gräbern im Friedhof Jirzankal. Die Grabungsstätte befindet sich auf dem Pamir-Plateau im heutigen Westen Chinas. In den Schalen befanden sich kleine Steine, die großer Hitze ausgesetzt worden waren. Archäologen schlossen daher, dass es sich um Feuerschalen zur Verbrennung von Weihrauch und anderem Pflanzenmaterial handeln musste.

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Die chemische Analyse der Schalen offenbarte, dass in neun von zehn Schalen Cannabis vorhanden war. Die Forscher verglichen die chemische Signatur der Proben mit denen von Hanfpflanzen, die im 1.600 Kilometer weiter östlich liegenden Jiayi-Friedhof in Gräbern aus dem 6. bis 8. Jahrhundert v. Chr. gefunden wurden.

Da entdeckten sie, dass der Jirzankal-Hanf etwas hatte, das der Jiayi-Hanf nicht hatte: molekulare Rückstände von Tetrahydrocannabinol, kurz THC – jene chemische Verbindung, die für die psychoaktive Wirkung von Cannabis verantwortlich ist. Die Hanfsorte in Jiayi enthielt kein THC und wurde daher wohl hauptsächlich als Faser für die Herstellung von Kleidung und Seil sowie zur Ölgewinnung genutzt.

Hinweis auf frühe Cannabis-Kultivierung

Der Jirzankal-Hanf hingegen enthielt die größte Konzentration der psychoaktiven Verbindung, die bislang aus archäologischen Stätten bekannt ist. Das lässt vermuten, dass die Menschen rund um Jirzankal bestimmte Hanfsorten bewusst auf diese Wirkung hin selektiert und womöglich sogar gezüchtet haben.

Hanf ist für seine „Plastizität“ bekannt: Neue Generationen der Pflanze können Merkmale ausbilden, die sich von denen ihrer Elterngeneration je nachdem unterscheiden, welchen Umwelteinflüssen (Sonne, Temperatur, Höhenlage) sie ausgesetzt sind. Wilde Hanfsorten können beispielsweise einen höheren THC-Gehalt aufweisen, wenn sie in größeren Höhen wachsen.

Die Forscher konnten den tatsächlichen Ursprung der Hanfpflanzen aus den Jirzankal-Begräbnissen zwar nicht ausfindig machen, aber vermuten, dass Jirzankals Lage auf dem etwa 3.000 Meter hohen Pamir-Plateau das Vorhandensein von wilden Hanfsorten mit einem erhöhten THC-Gehalt begünstigt haben könnte. Womöglich wurde der Friedhof auch bewusst in der Nähe dieser Sorten angelegt.Robert Spengler, der Direktor der Labore für Paläobotanik am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und Co-Autor der Studie, erklärt, dass lokale Hanfsorten auf dem Pamir-Plateau – ein bedeutender Verbindungspunkt zwischen Zentralasien und China, über den Handelswege verliefen – womöglich mit anderen Hanfsorten aus anderen Regionen gekreuzt wurden. Auch durch so eine Hybridisierung kann der THC-Gehalt in Hanfpflanzen erhöht werden. Allerdings ist ebenfalls unklar, ob solche Kreuzungen bewusst vorgenommen wurden oder zufällig entstanden.

Laut Spengler zeigt die aktuelle Studie, dass Menschen womöglich schon vor 2.500 Jahren ganz bewusst bestimmte Pflanzen aufgrund ihrer chemischen Eigenschaften kultivierten.

„Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie eng verbunden Menschen mit der biologischen Welt um sich herum waren und sind, und dass sie auf die Pflanzen in ihrer Umgebung einen Selektionsdruck ausübten“, sagt er.

Drogenkonsum in der Antike

Die Entdeckung in Jirzankal ist auch der früheste Beleg dafür, dass Menschen den Rauch erhitzter Hanfpflanzen einatmeten, um deren psychoaktive Wirkung auszunutzen. Bisher gibt es keine Belege für Haschpfeifen oder ähnliche Geräte aus Asien vor dem Kontakt mit Amerika in der Neuzeit. Aber das Einatmen von Cannabisrauch aus Hitzequellen wurde bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. beschrieben.

Der griechische Geschichtsschreiber Herodot erzählte in seinen „Historien“, wie die Skythen – ein Nomadenstamm aus den eurasischen Steppen – sich nach dem Begräbnis ihrer Angehörigen mit Cannabisrauch reinigten: „Die Skythen nehmen dann die Samen des Hanfs, verkriechen sich unter ihren Matten und werfen sie auf die rot glühenden Steine, wo sie schwelen und solchen Rauch produzieren, dass kein griechisches Dampfbad mithalten könnte. Die Skythen johlen vor Freude über ihr Dampfbad.“

Herodot erwähnt auch, dass die Hanfpflanze „sowohl von selbst wächst als auch, wenn sie gesät wurde“. Der Altertumsexpertin Emily Baragwanath von der University of Northern Carolina zufolge wird diese Aussage für gewöhnlich so interpretiert, dass die Pflanze kultiviert wurde. Das wiederum würde die Vermutungen der Forscher über die bewusste Hybridisierung der Hanfpflanzen stützen.

„Viele Leute betrachten Herodots Ethnografien fremder Völker mit Skepsis“, fügt sie hinzu, „aber je genauer sich die Archäologie damit befasst, desto mehr Ähnlichkeiten findet sie zwischen der echten Welt und der Welt aus den ‚Historien‘.“

Der Ethnobotaniker Mark Merlin von der University of Hawaii findet, dass die große Vielfalt der weltweiten Hanfsorten davon zeugt, wie lange sich die Menschen schon mit dieser Pflanze und ihren Verwendungsmöglichkeiten beschäftigen. „Das ist ein echter Hinweis darauf, wie lange die Menschen schon Einfluss auf Hanfpflanzen nehmen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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