Die Tiermumien-Industrie des Alten Ägypten

Heilige Ibisse wurden millionenfach mumifiziert und geopfert. Neue Forschungen könnten zeigen, warum die Tiere aus den Nilsümpfen verschwanden. Dienstag, 19. November 2019

Zwischen 650 und 250 v. Chr. opferten die alten Ägypter eine gewaltige Menge an Ibissen, die für Toth bestimmt waren – den Gott der Weisheit und Magie, der mit einem menschlichen Körper und dem Kopf eines Ibisses dargestellt wurde, gut erkennbar an dem charakteristischen langen Schnabel. Archäologen haben in altägyptischen Nekropolen Millionen dieser geweihten Opfergaben gefunden. Dort wurden die Vogelmumien bestattet, nachdem sie Toth dargeboten worden waren, um Beistand bei Krankheit, ein langes Leben oder sogar Hilfe in Liebesdingen zu erbeten.

„Ich vergleiche das oft mit Kerzen, die in christlichen Kirchen entzündet werden“, sagt der Archäologe Francisco Bosch-Puche von der Oxford University. Er war Teil eines Teams, das Tausende von Ibismumien in der Nekropole Dra Abu el-Naga ausgegraben hat. „Die Mumie [des Ibisses] erinnerte den Gott daran, dass er sich um einen kümmern muss.“

Aufgrund der schieren Größe der Ibismumienindustrie nahmen viele Ägyptologen an, dass die Vögel – speziell der Heilige Ibis (Threskiornis aethiopicus) – gezielt in großen, zentralisierten Anlagen gezüchtet wurden. Eine Studie, die im Fachmagazin „PLOS ONE“ erschien, deutet jedoch darauf hin, dass die meisten Ibisse in der Wildnis gefangen und vor ihrer Opferung und Mumifizierung nur für kurze Zeit auf Farmen gehalten wurden. Diese neue Erkenntnis könnte das Bild der Forscher von der altägyptischen Tiermumienindustrie verändern und Hinweise darauf liefern, wie und warum der Heilige Ibis in Ägypten ausstarb.

Die Studie wurde von der Paläogenetikerin Sally Wasef vom Australischen Forschungszentrum für menschliche Evolution der Griffith University geleitet. Das Team analysierte die DNA von 40 Ibismumien, die auf einen Zeitraum um das Jahr 481 v. Chr. zurückdatiert wurden. Die Mumien stammten aus sechs ägyptischen Katakomben, darunter Sakkara (wo mehr als 1,5 Millionen Ibismumien lagern) und Tuna el-Gebel (mit etwa 4 Millionen Ibismumien). Die alte DNA wurde dann mit 26 genetischen Proben Heiliger Ibisse aus heutigen afrikanischen Populationen außerhalb Ägyptens verglichen.

Wissen kompakt: Das Alte Ägypten
Die Zivilisation des Alten Ägypten ist für ihre Pyramiden, Pharaonen, Mumien und Gräber bekannt und hatte über Tausende Jahre hinweg Bestand. Aber wie hat sie unsere Welt nachhaltig beeinflusst? Erfahrt mehr über den kulturellen Einfluss dieser Gesellschaft, speziell im Bereich der Sprache und Mathematik.

Die DNA-Analyse offenbarte, dass die altägyptischen Ibismumien eine ähnliche genetische Vielfalt aufwiesen wie heutige Populationen in anderen Teilen Afrikas. Wären sie auf großen Farmen gezüchtet worden, so das Argument der Forscher, wäre ihr Genpool von Generation zu Generation geschrumpft und sie wären anfälliger für Krankheiten geworden – ein Problem, das auch in heutigen großen Vogelzuchtanlagen auftritt.

„Die genetischen Variationen deuteten nicht auf eine langfristige Farmzucht hin, wie das bei heutigen Geflügelhöfen der Fall ist“, sagt Wasef. Wenn die Ibisse tatsächlich auf Farmen gehalten wurden, geschah das ihr zufolge wohl nur für die kurze Zeit bis zu ihrer Opferung.

Der Archäologe Bosch-Puche, der an der Studie nicht beteiligt war, glaubt dennoch, dass die Vögel gezielt gezüchtet wurden. Einige der Ibismumien weisen Spuren verheilter Knochenbrüche und Infektionskrankheiten auf, die denen heutiger Zuchtpopulationen mit einer geringen genetischen Vielfalt nicht unähnlich sind. Solche verletzten und kranken Vögel hätten in der Wildnis laut Bosch-Puche nicht jagen oder vor Fressfeinden fliehen können.

Ihm zufolge war ganz Ägypten zwischen 650 und 250 v. Chr. im Grunde eine Mumienfabrik. „Es gab sogar Jungtiere, die das Erwachsenenalter gar nicht erst erreichten, weil sie direkt mumifiziert wurden, da man so eine riesige Menge der Tiere brauchte“, fügt er hinzu.

In Anbetracht der neuen Erkenntnisse hält er es für möglich, dass wilde Ibisse von dem Futter auf den Ibisfarmen angelockt wurden. Das hätte es für die Ägypter einfacher gemacht, sie zusätzlich zu ihren Zuchttieren in großer Zahl zu jagen.

„Aber wir sprechen immer noch von Millionen Tieren von verschiedenen Orten aus ganz Ägypten. Sich da nur auf die Jagd wilder Exemplare zu stützen, das überzeugt mich nicht“, sagt er.

Aidan Dodson, ein Honorarprofessor für Ägyptologie an der Bristol University, ist offen für die neue Theorie. Obwohl die neuen genetischen Daten ihm zufolge den traditionellen Vorstellungen darüber widersprechen, wie die alten Ägypten so viele Vögel opfern und mumifizieren konnten, sei die DNA-Studie die erste objektive Analyse dieses Themas.

„Die Vorstellung der Ibisfarmen ist nur eine Spekulation, um ihre große Anzahl zu erklären. Sie basiert auf keinerlei archäologischen oder schriftlichen Belegen“, so Dodson. Falls sie die Ibisse tatsächlich aus der Wildnis holten, anstatt sie zu züchten, müsste man über ein „anderes soziales Konstrukt“ für die Ägypter nachdenken, sagt er.

Die neue DNA-Studie könnte eventuell auch die Frage beantworten, weshalb der Heilige Ibis Mitte des 19. Jahrhunderts aus Ägypten verschwunden war. Bisher gingen die Forscher davon aus, dass die Vögel, die sumpfige Feuchtgebiete bevorzugen, mit der Zeit aus Ägypten abwanderten, als das Land immer trockener wurde, erklärt Wasef.

„Der Verlust von Lebensraum kann aber nicht der einzige Grund sein, weil sich diese Vögel anpassen und beispielweise in menschlichen Müllkippen Futter finden. Warum also geschah das?“, sagt Salima Ikram, eine Archäologin der American University in Kairo und Co-Autorin der Studie. „Das ist Teil eines größeren Rätsels rund um die Interaktionen zwischen Menschen und Tieren und deren Einfluss auf die Umwelt.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

Das alte Ägypten

Artefakte zu Ehren Ägyptens mächtiger Herrscherinnen

Pharaonin, Regentin, Große königliche Gemahlin – die mächtigen Frauen trugen viele Titel und herrschten auf ebenso unterschiedliche Weise.
Wei­ter­le­sen