Zurück zur Schallplatte? So nachhaltig ist Musikstreaming

Download statt Tonträger: Ist die neue Art Musik zu konsumieren umweltfreundlich oder war früher alles besser?

Thursday, June 18, 2020,
Von Julia Graven
Umweltbilanz Streaming

Die Kosten für Musikfans waren noch nie so niedrig wie heute. Doch die Umweltkosten waren dafür noch nie so hoch.

Bild Lena Kudry/ unsplash.com

Die Plastiktüte vom Schallplattenladen – in den Siebzigern war sie eine Kostbarkeit, die noch wochenlang als Schulranzen-Ersatz im Einsatz war. Ein Großteil des Taschengelds ging für LPs, Maxis oder Raubpressungen drauf. In den Neunzigern war der CD-Schrank im Wohnzimmer das Aushängeschild für individuellen Stil und Geschmack. Heute gibt es für den Preis eines Fastfood-Menüs eine Flatrate für den unendlichen Musikkonsum aus der Cloud. Jeder fünfte Deutsche nutzt solche kostenpflichtigen Abos, gerade mal 15 Prozent kaufen noch CDs. Vinyl ist nur in einer kleinen Nische bei DJs und Hipstern gefragt.

Weniger Kunststoff, mehr Rechenleistung

Musik auf Abruf ist günstig und bequem – aber ist sie auch besser für die Umwelt? Das könnte man meinen, schließlich müssen keine CDs oder Hüllen aus Kunststoff hergestellt werden. Und kein Tonträger muss in Plattenläden auf der ganzen Welt geliefert und am Ende wieder entsorgt werden. Die Autoren einer Studie der Universitäten Glasgow und Oslo kommen zu einem anderen Schluss: Die Kosten für Musikfans waren noch nie so niedrig wie heute. Die Umweltkosten waren dafür noch nie so hoch. Die Forscher rechneten den Kunststoffverbrauch der Branche aus dem Jahr 2000, der Hochzeit der CD, in Treibhausemissionen um und verglichen diese mit der Energie, die 2016 für Speicherung und Übertragung von Audiodateien verbraucht wurde. Sie kamen für die USA auf eine Steigerung von 157 Millionen Kilogramm im Jahr 2000 auf geschätzte 200 bis 350 Millionen Kilogramm in 2016. Dabei noch nicht eingerechnet sind die Milliarden von YouTube-Videos, die Tag für Tag von Jugendlichen gestreamt werden, die kein kostenpflichtiges Abo haben. Sie sind für viele Experten das eigentliche Problem. Schließlich sind Videos Schätzungen zufolge für rund 80 Prozent des weltweiten Datenverkehrs verantwortlich. Das belastet die Umweltbilanz enorm – solange Rechenzentren mit Kohlestrom laufen.

Ist Musikstreaming also das neue Fliegen?

Ist Musikstreaming also das neue Fliegen? Nicht ganz. Denn trotz des ständig wachsenden Datenverkehrs steigt der Energieverbrauch der Rechenzentren nur gering. Der Grund: Sie arbeiten immer energieeffizienter. Laut Forschern der Northwestern University sind Rechenzentren konstant für etwa ein Prozent des weltweiten Energieverbrauchs verantwortlich. Laut Greenpeace liegen die Cloud-Rechenzentren von Apple (Apple Music) und Google (YouTube Music und Spotify) bei der Ökobilanz vorn. Allerdings nutzen sie häufig CO2-Zertifikate statt echtem Ökostrom.

Unser Fazit Die Rückkehr zum Vinyl ist keine Alternative zur virtuellen Musik. Wer seine Klimabilanz verbessern will, sollte Songs herunterladen, auf Musikvideos verzichten und die Autoplay-Option ausschalten. Wer Musik im WLAN-Netz hört statt mit mobilen Daten und dafür Handy oder MP3-Player statt des Laptops nutzt, spart ebenfalls Energie.

 

Der Artikel wurde ursprünglich in der Mai 2020-Ausgabe des deutschen National Geographic Magazins veröffentlicht. Jetzt ein Abo abschließen!

 

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