Biozönose: Das Netz des Lebens

Die ökologische Gemeinschaft ist wie ein engmaschiges Netz miteinander verknüpft.  An einigen Stellen droht dieses Geflecht zu zerreißen. Der Ökologe Dr. Josef Settele erklärt im Interview, warum es Zeit ist zu handeln.

Thursday, April 2, 2020,
Von Anna-Kathrin Hentsch
Biozoenose Netz des Lebens
Sinnbild für vernetzte Natur: Geschlungene Flussläufe (Wadi) bilden dichte Netzwerke in der kargen Landschaft im Südosten Jordaniens. Die trockenen Bachbetten führen nach starken Regenfällen Wasser und sorgen für Leben.
Bild United States Geological Survey/ Unsplash.com

In seinem Bericht 2019  im Auftrag der Vereinten Nationen warnte der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) davor, dass unser Wirtschaften nicht so weitergehen kann, wenn wir die Ökosysteme und damit die Artenvielfalt und uns selbst in eine nachhaltige Zukunft führen wollen. Einer der drei Hauptautoren des Berichts ist Prof. Dr. Josef Settele, Ökologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle.

Herr Dr. Settele, Sie beschäftigen sich beruflich mit Biozönosen - den Lebensgemeinschaften von Pflanzen und Tieren in Ökosystemen. Worum geht es dabei?

Es geht um die Interaktion von Lebewesen in Ökosystemen. Die englische Bezeichnung Community Ecology trifft es vielleicht noch besser. Ich selbst konzentriere mich dabei auf die Rolle von Insekten in agrarischen wie auch naturnahen Ökosystemen und wie Insekten durch Nutzung und Management beeinflusst werden. Es geht dabei sowohl um Möglichkeiten unerwünschte Arten wie z.B Schädlinge an Kulturpflanzen zu unterdrücken, als auch Optionen für den Schutz gefährdeter Arten.

In dem IPBES-Bericht sprechen Sie von einem unverzichtbaren, alles miteinander verbindenden Netz des Lebens auf der Erde, das immer kleiner wird und zusehends zerfranst.

Jede Art steht mit vielen anderen Arten in einem Beziehungsgeflecht, bzw. Nahrungsnetz. Es gibt die sogenannte Produzenten, vor allem die Pflanzen mit ihrer Fähigkeit zu Photosynthese, die die Nahrungsgrundlage für die sogenannten Konsumenten erstellen. Konsumenten sind Tiere oder auch Mikroorganimsen, die von den Pflanzen leben. Diese Tiere wiederum sind die Grundlage für die Existenz anderer Tiere, wie zum Beispiel der Räuber oder Parasiten, die sich von den Pflanzenkonsumenten ernähren.

Gibt es in diesem Netz wichtigere Stränge als andere?

Die Wichtigkeit der Stränge liegt im Auge des Betrachters. Wir als Menschen hängen von bestimmten Strängen direkter ab als von anderen. Zum Beispiel sind Bestäuber-Netzwerke wichtig für die Sicherung der Erträge bei Obst und Gemüse. Denn fast 90 Prozent aller Blütenpflanzen plus 75 Prozent aller wichtigen Nutzpflanzen werden weltweit vor allem von Insekten bestäubt. Rüsselkäfer, Hummeln, Schwebfliegen, Honig- und Wildbienen sind eine Art Versicherung für unsere Ernte. Ein anderer wichtiger Strang beinhaltet Schädlinge, die uns bezüglich unserer Nahrung Konkurrenz machen. Doch Räuber, wie zum Beispiel Vögel oder Laubkäfer, und Parasiten, wie zum Beispiel Schlupfwespen, sind wiederum unsere Verbündeten, wenn es um die Reduktion der Schadorganismen geht.

Der Mensch nutzt das Netz und ist sich seiner Abhängigkeit von ihm dennoch oft nicht bewusst.
Bild Will Cornfield/ Unsplash.com

Welche Rolle spielt der Mensch für und in diesem Netz?

Der Mensch spielt eine zentrale Rolle. Insbesondere wenn wir das Netz, dessen Teil wir sind,  für uns nutzen. Letztlich sind wir auf der lokalen wie globalen Ebene der wesentliche Faktor, der die Interaktion von Arten und damit die Netze des Lebens gefährdet. Offensichtlich wird es bei der Ausrottung von Arten. Machen wir so weiter, sind in den nächten Jahrzehnten eine Million Arten vom Aussterben bedroht – und damit etwa jede achte Art!

Welche Stränge im Netz sind besonders gefährdet?

Gefährdete Arten die an der Spitze des Nahrungsnetzes stehen sind besonders in Gefahr. Die Tatsache, dass solche Arten gefährdet sind, ist ein Indikator für den kritischen Zustand des Netzes. Wir drohen große Wirbeltiere zu verlieren, darunter Nashörner, Raubkatzen und Meeresräuber.

Kann man dieses Netz flicken oder an zerfransten Enden wieder anknüpfen?

Durch den Schutz der Arten besteht eine zentrale Möglichkeit das Netz zu flicken und die zerfransten Enden wieder anzuknüpfen. Dadurch würden die Funktionen im Ökosystem aufrechterhalten. Je weniger Arten wir sowohl innerhalb bestimmter Systeme, wie auch global verloren haben und noch verlieren, desto höher ist die Chance, den Trend aufzuhalten.

Warum ist die Natur so unverzichtbar für die menschliche Existenz?

Der Mensch ist Teil der Natur und somit des Netzes. Von dieser Grundphilosophie sind wir auch bei dem Globalen Bericht des Weltbiodiversitätsrates ausgegangen. Wir leben von der Natur. Alles was wir zu uns nehmen sind Elemente der globalen Biodiversität. Unsere Anbausysteme folgen den Gesetzmäßigkeiten natürlicher Prozesse, die wir uns zunutze gemacht haben und die wir nicht überstrapazieren dürfen.

Sind die Menschen sich darüber bewusst, wie alles zusammenhängt?

Je weiter entfernt wir von der Natur lebten und leben, umso mehr ging dieses Bewusstsein verloren. Solange im Supermarkt alles verfügbar ist, braucht man sich keine Gedanken zur Herkunft der Güter machen, von denen wir abhängen. Doch ich habe den positiven Eindruck, dass dieses Bewusstsein, das übrigens bei der Landbevölkerung und insbesondere bei den Landwirten stets sehr ausgeprägt war und ist, wieder deutlich zunimmt. Wir erfahren eine Rückbesinnung auf die essentiellen Elemente des Lebens. Auch der Kontext der Corona-Krise trägt sicherlich dazu bei unseren Lebensstil kritisch zu hinterfragen.

Am 22. April ist Earth Day. Was können und müssen wir heute dringend für die Erde tun, damit es uns morgen auch noch gut geht?

Wir müssen uns gemeinsam für einen transformativen Wandel unserer Gesellschaft einsetzen. Die Kernelemente eines solchen Wandels stellt unser globaler Bericht heraus. Es geht um nicht weniger als eine grundlegende, systemweite Reorganisation über technologische, wirtschaftliche und soziale Faktoren hinweg, einschließlich Paradigmen, Ziele und Werte. Das klingt zunächst sehr abgehoben, ist aber dem Ausmaß der Krise angemessen. Es sind so gut wie alle Lebensbereiche betroffen, von Bildung über Energie und den Finanzsektor bis zur Städteplanung. Im Bericht finden sich viele Beispiele

Galerie: Die magischen Gesichter der Erde in 43 Fotos

Was kann jeder Einzelne im Kleinen tun?

Wir müssen auf allen Ebenen aktiv sein. Es reicht nicht, nur im Kleinen oder nur im Großen zu handeln. Das muss Hand in Hand gehen. Im Kleinen ist es wichtig, dass wir uns der Probleme bewusst werden, in unserem Umfeld Bewusstsein dafür schaffen und darauf aufbauend agieren. Das fängt bei der Vermeidung von Pestiziden oder einer viel zu häufigen Rasenpflege an. Hier wird aus Gründen der Ästhetik gedüngt, das sollte man hinterfragen. Ganz wesentlich können wir über unser Konsumverhalten dazu beitragen, indem wir nachhaltig und/oder biologisch erzeugte Produkte regionaler Herkunft bevorzugen. Das trägt auch zum Schutz der Natur bei, weil wir nicht mit unserer Ernährung den Verlust tropischer Regenwälder verursachen. Dazu gehört auch der bewusstere und wesentlich reduzierte Konsum von Fleisch.

Was kann jeder Einzelne für das große Ganze tun?

Hier geht es darum, sich vom gesellschaftlichen Umfeld über die lokale, nationale und schließlich internationalen Politik für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen stark zu machen. Das geht über jene Volksvertreter in der Politik, die bemerken, dass die Menschen ein begründetes Anliegen haben, eine lebenswerte Welt für kommende Generationen zu erhalten. Über die Teilnahme an Demonstrationen kann man das gut artikulieren. Egal ob Fridays for Future oder die Demonstrationen der Landwirtschaft – das sind für mich die beiden Seiten derselben Medaille. Oder durch Engagement in Vereinen oder in Glaubensgemeinschaften. Die Wirkung solcher Aktionen sieht man zum Beispiel am Erfolg des Volksbegehrens in Bayern. Ganz essenziell ist für mich dabei der respektvolle Umgang miteinander. Wir müssen die Menschen mitnehmen und die Anliegen aller bei der Lösungsfindung berücksichtigen.

(Hier findest du die deutschsprachige Zusammenstellung des Summary for Policymakers)

Wo sehen Sie die Welt in 50 Jahren, wenn wir nichts unternehmen?

Die natürlichen Lebensgrundlagen sind zum Teil nicht mehr vorhanden und wir kämpfen vor allem um die wichtigen Ressourcen für die eigene Ernährung. Durch die Degradierung vieler Ökosysteme hatten und haben wir globale Wanderbewegungen in die Regionen mit einst besseren Lebensbedingungen. Selbst die Verteidigung mit Waffengewalt dieser Regionen, wie zum Beispiel Europa eine ist, wird in solchen Zukunftsvisionen real. Wir werden viele Arten verloren haben und in einer insgesamt verarmten Umwelt leben. Durch die starken klimatischen wie ökosystemaren Veränderungen sind bereits große Bereiche der Welt nicht mehr bewohnbar. Die Weltbevölkerung hat durch Hungersnöte und Kriege wieder abgenommen, ist aber für die noch existenten Systeme immer noch zu hoch.

Wie sieht die Welt in 50 Jahren im Idealfall aus?

Im Idealfall sind wir auf dem Weg die klimatische Erwärmung zwischen zwei und drei Grad zu stabilisieren. Was immer noch einen gewaltigen Unterschied zur Gegenwart darstellen würde. Jahre wie 2018 und 2019 wären dann der Normalfall, einzelne Jahre können deutlich davon abweichen. Es ist gelungen den oben beschriebenen transformativen Wandel sehr weit voranzubringen. Über internationale und nationale Politik und durch die Veränderung des Konsumverhaltens wurde beispielsweise erreicht, die Nahrungsressourcen besser zu verteilen, nachhaltiger zu produzieren und eine Weltbevölkerung von dann 9 Mrd. Menschen zu ernähren. Dadurch dass wir erkannten, dass wir keinen zweiten Planeten haben, ist es gerade noch gelungen, unsere Lebensgrundlagen zu sichern.

Was treibt Sie an?

Zum einen, bezogen auf das Große und Ganze, dazu beizutragen, dass die Menschheit in 50 Jahren in einer Welt wie der eben beschriebenen zu überleben vermag. Zum anderen, bezogen auf meine eigene kleine Geschichte, die Faszination für die Vielfalt der Natur. Bereits im Alter von 6 Jahren ließ sie mich zum „Insektenforscher“ werden und ich begeistere mich bis heute für die komplexen Interaktionen zwischen Mensch und Natur, also für das Netz des Lebens!

Prof. Dr. Josef Settele, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Bild Sebastian Wiedling/UFZ

Prof. Dr. Josef Settele arbeitet am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle/Saale, wo er die AG „Tierökologie und sozial-ökologische Systeme“ im Department Biozönoseforschung leitet. Er ist promovierter Agrarwissenschaftler und Professor für Ökologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seit vielen Jahren in internationale Assessments involviert, war er u.a. Koordinierender Leitautor (CLA) im 5. Sachstandsbericht des IPCC und CLA im IPBES Bestäubungs-Assessment. Er war/ist Co-Chair des Globalen Assessments von IPBES, gemeinsam mit Prof. Sandra Diaz (Argentinien) und Prof. Eduardo Brondizio (USA/Brasilien). Er ist auch Leiter des Tagfalter-Monitoring Deutschland (TMD), dem einzigen deutschlandweiten Langzeitmonitoring für Insekten.

 

Lest auch die Reportagen zum 50. Jahrestag des Earth Day in Heft 4/2020 des National Geographic-Magazins!

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