Schmelzende Eisfläche legt 6.000 Jahre an Artefakten frei

Im norwegischen Langfonne-Eisfeld entdeckten Archäologen ein Sammelsurium an Pfeilen – und Hinweise auf die Jagdtraditionen der Wikinger.

Veröffentlicht am 30. Nov. 2020, 15:59 MEZ
Ein Forscher untersucht einen hölzernen Pfeilschaft, der in dem Eisfeld von Langfonne in Norwegen freigelegt wurde. ...

Ein Forscher untersucht einen hölzernen Pfeilschaft, der in dem Eisfeld von Langfonne in Norwegen freigelegt wurde. Mit Hilfe der Radiokarbondatierung wird das Alter vieler Objekte bestimmt, die einst in dem nun schmelzenden Eis eingeschlossen waren.

Bild Glacier Archaeology Program, Innlandet County Council

Archäologen in Norwegen haben Dutzende von teils 6.000 Jahre alten Pfeilen entdeckt. Die Geschosse ragten aus einem knapp 25 Hektar großen, schmelzenden Eisfeld im Hochgebirge.

Expeditionen zur Erkundung des Langfonne-Eisfeldes in den Jahren 2014 und 2016 – beide hatten besonders warme Sommer – förderten außerdem zahlreiche Rentierknochen und Geweihe zutage. Beides zusammen deutet darauf hin, dass Jäger das Eisfeld im Laufe der Jahrtausende genutzt haben. Ihre Jagdtechnik blieb dabei dieselbe, während ihre Waffen eine Evolution durchmachten: Steinerne Pfeilspitzen wurden von Muscheln und schließlich von Eisenspitzen abgelöst.

Das Forschungsteam offenbarte seine Funde in einer Studie, die in „Holocene“ veröffentlicht wurde. Insgesamt fand das Team 68 vollständige und partielle Pfeile (und fünf Pfeilspitzen) auf dem schmelzenden Eis und in dessen Umkreis. Das sind mehr Pfeile als an jeder anderen eisigen Fundstätte der Welt. Einige der Geschosse stammen aus der Jungsteinzeit, während die „jüngsten“ Funde auf das 14. Jahrhundert datiert wurden.

Der obere Teil des schmelzenden Langfonne-Eisfeldes aus einem Hubschrauber fotografiert. Forscher schätzen, dass Langfonne heute nur noch halb so groß ist wie Ende der 1990er Jahre.

Bild Glacier Archaeology Program, Innlandet County Council

Während allein die schiere Anzahl der historischen Geschosse überwältigend ist, stellen die Entdeckungen von Langfonne auch die allgemeinen Annahmen in dem relativ neuen Spezialgebiet der Eisflächen-Archäologie in Frage. Sie liefern neue Hinweise auf das Potenzial des Eises, Belege aus der Vergangenheit über Tausende von Jahren zu erhalten – oder zu zerstören.

Das Eis als Zeitmaschine?

Seit Archäologen vor 15 Jahren mit der systematischen Untersuchung schmelzender Eisflächen begannen, haben Eisfelder von Norwegen bis Nordamerika nahezu perfekt erhaltene Artefakte aus längst vergangenen Zeiten preisgegeben. Die einzelnen Funde liefern Informationen über historisches Handwerk und lange Jagdtraditionen.

Langfonne war tatsächlich eine der ersten Eisflächen, die archäologisch erschlossen wurden. Ein Wanderer aus der Gegend hatte im Sommer 2006 einen 3.300 Jahre alten Lederschuh am Rand der Eisfläche entdeckt und dem Archäologen Lars Pilø davon berichtet. Mittlerweile arbeitet Pilø als Forscher in der Abteilung für Kulturerbe des Innlandet County Council und ist Mitautor der neuen Studie.

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Seit diese Entdeckung Pilø auf die Möglichkeit von konservierten Artefakten in Eisfeldern aufmerksam gemacht hat, treibt Forscher in Norwegen und anderswo die Frage um: Kann die Verteilung der Objekte auf und um das Eis Aufschluss darüber geben, wie und wann die Eisflächen genutzt wurden und wie sie mit der Zeit wuchsen? Denn ähnliche Fundorte wie in Norwegen gibt es auch im kanadischen Yukon, in den Rocky Mountains und in den Alpen.

Im Gegensatz zu Gletschern, bei denen es sich im Wesentlichen um langsam fließende, gefrorene Flüsse handelt, sind Eisflächen feste Ablagerungen von Schnee und Eis, die mit der Zeit wachsen und schrumpfen können. Fundorte wie Langfonne, so nahmen die Forscher an, ähneln einem Schneehaufen am Ende des Winters: Wenn die Temperaturen steigen, treten die im Inneren eingeschlossenen Artefakte in genau der Reihenfolge zum Vorschein, in der sie abgelagert wurden.

Ein in Langfonne gefundener Pfeilschaft aus der Wikingerzeit weist eine eiserne Pfeilspitze mit Sehnen- und Birkenrindenzurrungen auf.

Bild Museum of Cultural History/University of Oslo

Ein weiterer Langfonne-Pfeil aus der Wikingerzeit weist ebenfalls eine eiserne Pfeilspitze mit Sehnen- und Birkenrindenzurrungen auf.

Bild Museum of Cultural History/University of Oslo

„Die Grundidee war, dass das Eis wie eine Zeitmaschine funktioniert. Alles, was darin landet, verbleibt darin und ist geschützt“, sagt Pilø.

Das bedeutete, dass man die ältesten Gegenstände im tiefsten Kern des Eisfeldes finden müsste. Und da man davon ausging, dass die Eisflächen mit dem Schneefall jedes Winters stetig wuchsen, würden neuere Funde näher an den Rändern der Eisfläche liegen.

(Wie datiert man archäologische Funde?)

Die Theorie der Archäologen besagte also, dass Artefakte auf Eisflächen genau dort einfroren, wo sie verloren gingen. In dem Fall könnten diese Gegenstände dabei helfen zu rekonstruieren, was Menschen in der Vergangenheit dort taten, wie groß die Eisflächen zu bestimmten Zeitpunkten in der Vorgeschichte waren und wie schnell sie im Laufe der Zeit wuchsen und schrumpften.

Chaos in den Eisschichten

Die Pfeile von Langfonne schienen eine gute Gelegenheit zu sein, um diese Theorie der eisigen Zeitmaschine zu testen.

Die Pfeile und Rentierknochen bestätigten frühere Vermutungen, dass die Eisflächen im Hochgebirge Norwegens Hotspots für die Rentierjagd waren: Als sich die kälteliebenden Tiere in den Sommermonaten auf das Eis zurückzogen, um lästigen Insekten aus dem Weg zu gehen, folgten die Menschen mit Bogen, Pfeilen und Jagdmessern.

Aber nachdem sie alle Pfeile datiert und Dutzende weitere Daten von den Überresten der Rentiere aus dem Eis gesammelt hatten, erkannten die Forscher, dass die Zeitmaschinentheorie zumindest in Langfonne unzuverlässig war. Die Forscher hatten erwartet, dass die ältesten Gegenstände genau dort, wo sie verloren gingen, an Ort und Stelle eingeschlossen und erhalten geblieben waren. Gleiches galt für Artefakte, die erst in späteren Jahrhunderten im Eis eingeschlossen wurden. Aber die ältesten Artefakte in Langfonne, die bis ins Neolithikum zurückreichen, waren fragmentiert und stark verwittert – als wären sie vom Eis zerdrückt oder jahrelang Sonne und Wind ausgesetzt gewesen.

Dann gab es Pfeile aus späteren Epochen, wie den 1.500 Jahre alten Pfeil, dessen Spitze eine geschärfte Muschelschale war, die aus einem mindestens 80 Kilometer entfernten Fluss stammte. Diese Pfeile sahen aus, als wären sie erst gestern abgeschossen worden. „Das lässt den Verdacht aufkommen, dass etwas im Inneren des Eises passiert ist“, wodurch die älteren Gegenstände freigelegt und wieder eingefroren wurden, sagt Pilø.

Außerdem schienen die Pfeile nicht in einer bestimmten Reihenfolge freigelegt zu werden, wie man es erwarten würde, wenn das Eis im Laufe der Zeit perfekte Schichten bilden würde. Pfeile, deren Alter Tausende von Jahren auseinanderlag, lagen nicht weit voneinander entfernt entlang der Eiskante. „Diese Vorstellung, dass man die ältesten Artefakte entlang der kleinsten Ausdehnung der Eisfläche findet – die stimmt einfach nicht“, sagt die Archäologin Rachel Reckin des Montana State Parks, die nicht zum Forschungsteam gehörte. „Es sieht so aus, als ob die Schwerkraft und das Wasser die Artefakte sehr stark nach unten bewegen.“

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Laut dem Co-Autor Atle Nesje, einem Glaziologen an der Universität Bergen, wurden vor Tausenden von Jahren in warmen Sommern wahrscheinlich ältere Artefakte freigelegt. Diese wurden dann von Schmelzwasserströmen an den Rand des Eisfeldes getragen, bevor sie wieder zufroren. Das Gewicht des Eises, das auf die unteren Schichten drückte, könnte dazu geführt haben, dass sie sich verschoben und ihren gefrorenen Inhalt mit sich trugen. Oder leichte hölzerne Pfeilschäfte könnten von heftigen Winden über die Oberfläche geweht worden sein, bevor sie zwischen Felsen stecken blieben oder wieder von Schnee bedeckt wurden. Pfeile, die erst vor relativ kurzer Zeit im Schnee verloren gingen, könnten in der Zwischenzeit an Ort und Stelle geblieben sein.

Da alte Pfeile vom Schmelzwasser weggespült werden und dann wieder einfrieren könnten, ist ihr Fundort vermutlich oft weit von der Stelle entfernt, an der sie ursprünglich gelandet sind. Das heißt also, dass man radiokarbondatierte Pfeile nicht nutzen kann, um die Größe der Eisfläche im Laufe der Jahrhunderte zu kartieren. „Glaziologen und Eisflächenarchäologen hatten gehofft, dass Artefakte uns eine Vorstellung davon vermitteln könnten, wie sich die Größe im Laufe der Zeit veränderte. Aber das ist nicht der Fall“, so Reckin.

Wikinger und Vielfraße

Die Forscher waren aber zumindest positiv überrascht davon, dass die einmal datierten Langfonne-Pfeile nützliche Hinweise darauf geben könnten, wie die Menschen das Eisfeld im Laufe der Zeit genutzt haben. Für bestimmte Zeitabschnitte fand das Team zum Beispiel viele Rentierknochen, aber nur sehr wenige Pfeile. Das deutet darauf hin, dass die Menschen damals nicht auf dem Eis jagten. Stattdessen wurden die Rentiere wahrscheinlich von Vielfraßen getötet, die ihre Kadaver im Schnee vergruben, um sie später zu fressen.

Zwischen 600 und 1300 n. Chr. – also ungefähr dem Zeitalter der Wikinger – ergab die Radiokarbondatierung jedoch eine andere Art von Aktivität auf der Eisfläche von Langfonne. „Es gibt eine Menge Pfeilfunde, aber kaum Rentiermaterial“, sagt Pilø. „Das ist kein Zufall.“ Die Menschen transportierten ihre erlegten Rentiere vom Eis, aßen ihr Fleisch und verkauften ihre Geweihe und Felle als Handelsware.

Das Verständnis des Eises und der Geheimnisse, die es birgt, wächst rapide – ebenso rapide, wie das Eis selbst verschwindet. „Ich erforsche die norwegischen Gletscher seit 40 Jahren. Da hat sich eine Menge verändert“, sagt Nesje. „Es ist ziemlich erschreckend zu sehen, wie schnell die Eisflächen von einem Tag auf den anderen abschmelzen können.“

Anhand des Flechtenwachstums auf den Felsen um das Eisfeld schätzt Nesje, dass Langfonne heute nur noch halb so groß ist wie Ende der 1990er Jahre. Und es hat nur noch ein Zehntel seiner Ausdehnung während der Kleinen Eiszeit, jener kühlen Klimaperiode, die vom 15. bis ins 19. Jahrhundert andauerte.

Das stete Schmelzen bedeutet für die Archäologen, dass sie schnell arbeiten und gleichzeitig so viele Informationen wie möglich erhalten müssen. „Die Zeit ist von entscheidender Bedeutung, und wir versuchen, gute Wissenschaft zu betreiben und gleichzeitig das Beste aus den Daten zu machen, die wir haben“, sagt Reckin. „Jedes Teil dieses Puzzles, das uns hilft, die Komplexität dieser Prozesse zu verstehen, ist wirklich hilfreich.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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