Kindergrab ist Afrikas ältestes menschliches Begräbnis

Die Überreste des Kindes waren wohl einst in ein Leichentuch gehüllt, sein Kopf auf ein Kissen gebettet. Der Fund aus Kenia wirft neues Licht auf den Ursprung ritueller Bestattungspraktiken.

Veröffentlicht am 7. Mai 2021, 12:16 MESZ
Mtoto skull

Dieser Schädel, der auf etwa 78.000 Jahre datiert wurde, gehört zu den Überresten eines frühen Menschen, der in einer Höhle in Kenia vergraben wurde. Nach monatelanger mühsamer Arbeit identifizierten die Wissenschaftler den Körper eines zwei bis drei Jahre alten Kindes und gaben ihm den Spitznamen Mtoto, der auf Suaheli „Kind“ bedeutet. Diese Ansicht zeigt die linke Seite des Schädels mit intaktem Kieferknochen, einschließlich zweier nicht durchgebrochener Zähne mit ungeformten Wurzeln, unten links.

Bild María Martinón-Torres, National Research Center on Human Evolution (CENIEH)

Es war eine archäologische Glanzleistung, wie sie im Buche steht: Mit der Entdeckung, Bergung und Analyse dieses Fundes hat ein interdisziplinäres Forschungsteam die früheste bekannte menschliche Bestattung in Afrika dokumentiert. Das Grab, das rund 15 Kilometer landeinwärts der Meeresstrände an Kenias Südostküste gefunden wurde, enthielt die Überreste eines zwei- bis dreijährigen Kindes. Es wurde vor etwa 78.000 Jahren mit außergewöhnlicher Sorgfalt von einer Gemeinschaft früher Homo sapiens begraben. Auch wenn im Nahen Osten und Europa ein paar noch ältere Bestattungen gefunden wurden, stellt der Fund in Afrika eines der frühesten eindeutigen Beispiele für einen Leichnam dar, der in einer zu diesem Zweck vorbereiteten und mit Erde bedeckten Grube bestattet wurde.

„Dies ist zweifelsfrei eine Bestattung, eindeutig datiert. Sehr früh. Sehr beeindruckend“, sagt Paul Pettitt von der Durham University in England. Der Experte für paläolithische Bestattungen war nicht an der Forschung beteiligt.

Die Überreste bieten auch einen seltenen Einblick in den frühen menschlichen Geist – und das Herz. Die entsprechende Studie wurde in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht und offenbart auch, dass das Fossil den Spitznamen Mtoto erhielt – Suaheli für „Kind“. Der Fund ist nun eine von insgesamt drei prähistorischen Grabstätten in Afrika, die allesamt Kinder enthielten. Während drei Fälle auf einem ganzen Kontinent kaum eine beachtliche Stichprobe darstellen, findet Pettitt das Alter der Verstorbenen besonders aufschlussreich für das Verständnis der Entwicklung einer rituellen Bestattungspraxis.

Aufgrund der Lageveränderung der Überreste vermuten die Forscher, dass ein verderbliches Material bei der Bestattung als Kissen unter den Kopf des Kindes gelegt wurde und sich später zersetzte.

Bild Fernando Fueyo (Illustration)

Eine virtuelle Rekonstruktion der Überreste wurde über ein transparentes Skelett gelegt, wie es im Boden von Panga ya Saidi gefunden wurde. Die mikroskopische Analyse der Knochen und des umgebenden Bodens bestätigte, dass das Kind kurz nach seinem Tod absichtlich begraben wurde.

Bild Jorge González García, University of South Florida & Elena Santos, University Complutense of Madrid

„Moderne Gruppen von Jägern und Sammlern glauben, dass der Tod natürlich und unvermeidlich ist“, sagt er. „Aber es gibt zwei Ausnahmen: Tod durch traumatische Ereignisse und der Tod von Säuglingen und Kindern. Vielleicht können wir hier das schemenhafte Aufkommen des Gefühls erkennen, dass ein zu früher Tod unnatürlich ist und auf irgendeine Weise bedacht werden muss, die von der Norm abweicht.“

Grabfund geschah „gerade noch rechtzeitig“

Mtotos Grab wurde in Panga ya Saidi gefunden, einem riesigen Höhlensystem, das sich entlang eines Steilhangs parallel zur kenianischen Küste ausbreitet. Das System wird seit 2010 von einem Team unter der Leitung der National Museums of Kenya in Nairobi und dem Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena ausgegraben.

Bislang wurden Zehntausende von Steinwerkzeugen, Muschelperlen, tierischen Schlachtabfällen und andere Artefakte gefunden. Sie bezeugen eine kontinuierliche menschliche Nutzung des Ortes von heute bis vor 80.000 Jahren während einer Periode in Afrika, die als Middle Stone Age bezeichnet wird. Der englische Begriff wird auch im Deutschen verwendet, um die Epoche von der europäischen Mittelsteinzeit abzugrenzen.

„Dieser Ort lud seit jeher zur Besiedlung ein“, sagt Michael Petraglia vom Max-Planck-Institut. „Die Menschen verschwanden nie ganz von hier.“

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Im Jahr 2013 entdeckte das Team eine grubenähnliche Struktur etwa drei Meter unter dem heutigen Boden der Höhle. Weitere Arbeiten im Jahr 2017 enthüllten etwas, das wie zersetzter Knochen aussah. Das pulverige Material erwies sich als zu zerbrechlich, um es vor Ort auszugraben. Daher beschloss das Team, die Knochen und das umgebende Sediment in einen Gipsguss einzuschließen und den Block zur weiteren Untersuchung nach Nairobi zu transportieren.

So begann eine bemerkenswerte Reise. Bei ersten Ausgrabungen im Labor des Nationalmuseums wurden nahe der Oberfläche des Blocks zwei Zähne gefunden, die menschlich zu sein schienen.

„Da wussten wir, dass wir an etwas Großem dran waren“, sagt Emmanuel Ndiema, Leiter der archäologischen Abteilung des Museums und Mitglied des Forschungsteams. „Aber das Exemplar war extrem empfindlich. Es überstieg unsere Möglichkeiten der Präparation.“

Galerie: Homo naledi - Einer von uns?

Ndiema übergab das Fossil persönlich an Kollegen am Max-Planck-Institut in Jena. Von dort reiste es zum Nationalen Forschungszentrum für menschliche Evolution (CENIEH) in Burgos, Spanien. Das Exemplar wurde mehr als ein Jahr lang präpariert und analysiert. Dabei kamen Mikro-Computertomographie, optische Mikroskopie und andere nicht-invasive bildgebende Verfahren zum Einsatz. Wo es der empfindliche Zustand der Knochen erlaubte, wurden Teile auch manuell freigelegt.

Allmählich kam das ganze Ausmaß des Präparats zum Vorschein: zuerst eine artikulierte Wirbelsäule, dann die Schädelbasis, dann der Unterkieferknochen und die juvenilen Zahnwurzeln. In einem anderen Abschnitt des Blocks fand das Team Rippen und Schulterknochen in ihrer natürlichen anatomischen Lage.

„Alles war an seinem Platz“, sagt CENIEH-Direktorin María Martinón-Torres, die die Forschung leitete. „Es war nicht nur irgendein Fossil. Wir hatten einen Körper vor uns. Wir hatten ein Kind.“

Neben dem artikulierten Zustand des Skeletts deuteten mehrere andere Indizien darauf hin, dass das Kind kurz nach seinem Tod absichtlich begraben worden war. Die Sedimente in der Grube unterschieden sich deutlich von den umgebenden Sedimenten und enthielten eine Fülle von Muscheln. Außerdem fand man Spuren von Schnecken, die sich von Regenwürmern ernähren, welche in der Nähe von Leichen gefunden werden, die in nackter Erde vergraben sind.

Die geochemische Analyse zeigte auch Chemikalien im Boden, die durch die Wirkung fleischfressender Bakterien produziert wurden, was den stark zersetzten Zustand der Knochen erklärte. Während sich das Fleisch und die Organe des Kindes zersetzten, füllten sich die zurückgelassenen Räume allmählich mit Sediment, sodass der Brustkorb seine dreidimensionale Form behielt. Aber die oberen Rippen hatten sich um 90 Grad gedreht. Das kann passieren, wenn der Körper in einer sehr engen Grube lag oder, was wahrscheinlicher ist, fest in ein Leichentuch eingewickelt war. Dieses bestand wahrscheinlich aus irgendeinem Material, das sich längst zersetzt hat, wie Tierhaut oder große Blätter.

Um die Knochen zu konservieren, haben die Wissenschaftler einen Block aus der Höhle entnommen und im Labor sorgfältig gereinigt. Hier wurde die gebogene Wirbelsäule mit den Wirbeln und Rippen freigelegt, die sich von oben Mitte nach unten rechts wölben. Auch einige Zähne, links zu sehen, sind teilweise freigelegt.

Bild María Martinón-Torres, National Research Center on Human Evolution (CENIEH)

Schließlich deutete die Position des Kopfes und der Halswirbel im Verhältnis zum Körper darauf hin, dass das eingehüllte Kind mit dem Kopf auf eine Art Kissen gelegt worden war. Es war ein ergreifender Moment im Leben einer frühen menschlichen Gemeinschaft, den das Team festhielt, kurz bevor alle Spuren des Kindes verschwanden. 

„Die Knochen waren buchstäblich dabei, zu Staub zu zerfallen“, sagt Martinón-Torres. „Wir kamen gerade noch rechtzeitig, bevor sie endgültig verschwanden.“

Gedenken an die Toten

Die beiden anderen frühen menschlichen Kindergräber, die in Afrika bekannt sind, sind etwas jünger: Eines gehört einem acht- bis zehnjährigen Kind an einer Fundstelle namens Taramsa Hill in Ägypten, das vermutlich etwa 69.000 Jahre alt ist. In dem anderen liegt ein Säugling in der Border Cave in Südafrika, der vor geschätzten 74.000 Jahren bestattet wurde. (Bei beiden Fossilien ist die Datierung weniger eindeutig als bei der Bestattung in Panga ya Saidi.)

Sowohl der 1941 gefundene Säugling aus der Border Cave als auch die neu entdeckte Bestattung in Panga ya Saidi verdeutlichen eine enge Beziehung zwischen den toten Kindern und denjenigen, die sie zur Ruhe gelegt haben. In Kenia scheint es, als hätte man Mtoto mit einem Leichentuch und einem Kissen ausgestattet, während die Familie in Südafrika ein Muschelschmuckstück ins Grab legte, das mit Pigmenten bemalt war. Das wirft die Frage auf, warum die Menschen überhaupt begannen, ihre Toten zu begraben.

„Wir können ihre Gedanken nicht lesen“, sagt Martinón-Torres. „Aber in gewisser Weise verlängert man das Leben eines Menschen, wenn man ihn begräbt. Man sagt: Ich will dich nicht ganz gehen lassen. Das ist eines der Dinge, die uns einzigartig machen: das Bewusstsein für den Tod, das Bewusstsein für das Leben.“ 

Das Kind wurde direkt unter einem geschützten Überhang am Eingang der Höhlenstätte Panga ya Saidi nahe Kenias tropischer Küste gefunden.

Bild Mohammad Javad Shoaee, Max Planck Institute for the Science of Human History

Pettitt denkt, dass die Kinderbestattungen eine Tradition darstellen könnten, verstorbene Kinder bereits im Middle Stone Age besonders zu behandeln. Natürlich werden noch mehr Beweise benötigt – und das wirft eine weitere Frage auf: Es wurden reichlich prähistorische Bestattungen in Europa und im Nahen Osten gefunden, sowohl von Neandertalern als auch von modernen Menschen. Einige davon sind bis zu 120.000 Jahre alt. Warum fand man in Afrika bislang nur drei?

Eine Antwort liegt in der wissenschaftlichen Praktik selbst. Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts, als die meisten Fossilien von Neandertalern und des frühen modernen Menschen in Europa und Westasien entdeckt wurden, fehlten den Archäologen noch die heutigen strengen Standards für Ausgrabungen. Die Forscher waren eher geneigt, aus spärlichen Beweisen Rückschlüsse auf ritualisiertes Bestattungsverhalten zu ziehen.

Laut Pettitt sind viele der nicht afrikanischen Stätten, die gemeinhin als Bestattungen angesehen werden, eher als Beispiele für eine Art Grabversteck zu sehen. Leichname wurden also in Spalten oder Höhlen gelegt, jedoch ohne Hinweise auf rituelles Prozedere. Ein solcher Ort ist Sima de los Huesos – die „Knochengrube“ – in der spanischen Sierra de Atapuerca. Dort wurden Dutzende von Skeletten eines Neandertaler-Vorfahren entdeckt, die auf ein Alter von etwa 430.000 Jahren datiert wurden.

Ein weiteres Beispiel sind womöglich 15 Skelette einer relativ neu entdeckten Hominini-Art namens Homo naledi. Sie wurden in einer Kammer tief in einem Höhlensystem in Südafrika gefunden und auf etwa 250.000 Jahre datiert. Lee Berger, der Leiter des Entdeckungsteams und ein National Geographic Explorer, hat argumentiert, dass Homo naledi seine Toten gezielt dort abgelegt hat. Aber wie genau die Körper tatsächlich in die Kammer gelangten, bleibt ungewiss.

Teile der Knochen des Kindes wurden bei Ausgrabungen in Panga ya Saidi im Jahr 2013 gefunden, aber erst 2017 wurde die kleine Grube mit den Knochen vollständig freigelegt. Die flache, kreisförmige Grube etwa drei Meter unter dem aktuellen Höhlenboden enthielt eng gruppierte, aber stark zersetzte Knochen, die vor Ort stabilisiert und eingegipst werden mussten.

Bild Mohammad Javad Shoaee, Max Planck Institute for the Science of Human History

Selbst wenn man Stätten außer Acht lässt, die eher Beispiele für Grabverstecke sind: In Europa und dem Nahen Osten sind die gefundenen prähistorischen Grabstätten älter und zahlreicher als in Afrika, wo sich der Homo sapiens zuerst entwickelte.

Vielleicht haben wir in Afrika nicht mehr Bestattungen gefunden, weil wir nicht an genügend Stellen gesucht haben. Seit der letzten Jahrhundertwende durchkämmen Wissenschaftler die Höhlen und Felsspalten Europas und des Nahen Ostens. Im Gegensatz dazu hat sich die Forschung in Afrika auf relativ wenige Orte konzentriert, hauptsächlich in Südafrika und im Großen Afrikanischen Grabenbruch im Osten. Die Fossilfunde in Afrika beschränken sich derzeit auf nur etwa 10 Prozent der Fläche des Kontinents, bemerkt Chris Stringer. Der Paläoanthropologe am Natural History Museum in London beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Ursprüngen des modernen Menschen.

„Wir haben es quasi mit kleinen Informationsinseln zu tun“, sagt Stringer. „Dieser Fund ist wirklich nur ein Hinweis auf das, was uns im restlichen Afrika noch fehlt.“

Eine afrikanische Stätte, die weitere Enthüllungen verspricht, ist Panga ya Saidi selbst. Die Ablagerungen dort setzen sich noch weit unterhalb der von Mtotos Grab fort. Einige Schichten könnten bis zu 400.000 Jahre alt sein. Die Arbeiten wurden im letzten Jahr wegen der COVID-19-Pandemie unterbrochen, aber das Forschungsteam ist bestrebt, die Ausgrabungen wiederaufzunehmen, sobald die Sicherheitsvorkehrungen es erlauben.

„Wir wissen immer noch nicht, wie weit wir in die Tiefe gehen können“, sagt Ndiema. „Wir sind noch nicht bis zum Keller vorgedrungen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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