Der Luzifer-Effekt: Warum das Böse in jedem steckt

Was bringt gute Menschen dazu, Böses zu tun? Eines der berühmtesten und umstrittensten Experimente der Sozialpsychologie liefert eine mögliche Erklärung.

Von Jens Voss
Veröffentlicht am 1. Sept. 2022, 10:03 MESZ
Eine alte Darstellung von Luzifers Vertreibung und Fall aus dem Himmelreich.

Gefallener Engel: Luzifer wird aus dem Himmel verbannt.

Foto von Adobe Stock

Selbst der Herrscher der Hölle war einst ein himmlisches Wesen. Dann aber rebellierte Luzifer gegen Gott und er wurde verstoßen. Hochmut kommt vor dem Fall. Und so fiel der Lichtengel schnurstracks ins Reich der Finsternis, wo er sich vollends dem Bösen verschrieb.

Wo liegt die Grenze zwischen Gut und Böse? Wie können scheinbar aufrichtige Menschen dazu verleitet werden, Unmoralisches zu tun – oder sogar wie aus heiterem Himmel heraus sadistisch zu handeln? Eine mögliche Antwort liefert ein schauriges Experiment, dass sich 1971 an der kalifornischen Eliteuniversität Stanford zugetragen hat.

Der amerikanische Sozialpsychologe Philip Zimbardo wollte menschliches Verhalten unter den extremen Bedingungen einer Gefangenschaft erforschen. Dazu baute er Teile des Universitätskellers in eine Gefängnisattrappe um – mit vergitterten Zellen, einem Gefängnishof und Gemeinschaftsduschen.

„Wir wollten herausfinden, welche psychischen Auswirkungen es hat, ein Gefangener oder ein Strafvollzugsbeamter zu sein“, sagt Zimbardo. „Deshalb entschlossen wir uns, ein Gefängnis nachzustellen und sorgfältig zu beobachten, welche Effekte diese Einrichtung auf das Verhalten aller sich innerhalb ihrer Mauern befindenden Menschen hat.“

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Angst und Furcht mögen nicht angenehm sein, aber beides sind wichtige Emotionen, die die menschliche Evolution prägten. Unser Gehirn reagiert auf Bedrohungen und bereitet unseren Körper auf das vor, was da kommen könnte – so wie wir es vor Hunderttausenden von Jahren gelernt haben. Aber wie sieht die Wissenschaft hinter dieser angeborenen Reaktion aus und wie gehen wir in der modernen Welt damit um?

Die Natur des Bösen

Über eine Zeitungsannonce rekrutierte er 25 Studenten, die als Versuchsteilnehmer für 15 Dollar zwei Wochen lang in den Gefängnistrakt einziehen sollten. Per Zufall wurde einer Hälfte die Rolle der Gefangengen zugewiesen, die andere Hälfte übernahm die Wärterrolle.

„Unsere Studie des Gefängnislebens startete mit einer durchschnittlichen Gruppe von gesunden, intelligenten Männern aus der Mittelschicht“, so der US-Psychologe. „Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass zu Beginn der Untersuchung keine Unterschiede zwischen den Gefangenen und den Strafvollzugsbeamten bestanden.“

Die Gefangenen mussten kurze Krankenhaushemden, Strumpfmützen und Fußketten tragen. Statt mit ihrem Namen wurden sie mit Nummern angesprochen. Die Wärter dagegen bekamen glänzende Khakiuniformen, schicke Sonnenbrillen und einen Gummiknüppel. Zimbardo selbst trat als leitender Vollzugsbeamter auf.

Galerie: Reise in unser Gehirn

Wenn die dunkle Seite erwacht

Die Studenten wussten, dass alles nur ein Spiel war. Trotzdem begannen sie, sich zu verändern. Zunächst probierten sie den simulierten Gefängnisalltag aus. Doch bald legten sie ihre eigentliche Identität ab und gingen völlig in ihrer neuen Rolle auf. Die Wärter begannen damit, ihre Insassen zu schikanieren. Sie führten willkürliche Bestrafungen durch und demonstrierten permanent ihre Macht. Schon am zweiten Tag kam es zum Aufstand. Die Wärter schlugen die Revolte nieder, indem sie mit Feuerlöschern eisiges Kohlendioxid in die Zellen sprühten.

Fortan bestimmten Einschüchterungen und Quälereien das Rollenspiel. Die Wärter brachen die Zellen auf, zogen die Gefangenen nackt aus, entfernten die Betten und sperrten die rebellierenden Anführer in Einzelhaft. Sogar der Toilettengang wurde ihnen verweigert. Kooperierende Gefangene erhielten dagegen eine Vorzugsbehandlung. So brach schließlich die Solidarität unter den Gefängnisinsassen zusammen.

Zimbardo filmte die Geschehnisse durch kleine Löcher in den Wänden. Dabei machte er eine weitere unheimliche Entdeckung: Vor allem nachts zeigten einige der Wärter sadistisches Verhalten, sobald sie vermuteten, dass die Kameras nicht aktiv waren. Nach wenigen Tagen musste Zimbardo das Experiment abbrechen. Innerhalb kürzester Zeit waren aus unauffälligen Mittelschichtsstudenten brutale Schergen geworden.

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Menschliche Monster

Zimbardo fasste seine Ergebnisse 2007 in dem Buch „Der Luzifer-Effekt“ zusammen. Er gelangte zu folgender These: Nicht die Veranlagung bringt Menschen dazu, Böses zu tun. Es ist die Situation, in der sie sich befinden. Der Mensch wird nicht böse geboren. Die Macht der Umstände schafft Täter und Opfer. Jeder kann sich in ein menschliches Monster verwandeln. Die Geschichte liefert zahllose Beispiele.

Zimbardo nennt eine Reihe von psychologischen Faktoren, die solche Gewaltexzesse begünstigen. Eine Bedrohungslage, die Macht von Vorschriften, Gruppendruck, Anonymität und die Reduzierung der komplexen Persönlichkeit auf zugewiesene Rollen sind nur einige davon.

Bis heute bleibt das „Stanford Prison Experiment“ umstritten. Vor allem Methode und Forschungsethik sind kontrovers diskutiert worden. Zimbardo selbst zeigte sich erschüttert von den Ergebnissen und seinem eigenen Verhalten im Experiment. Erst viel später habe er bemerkt, wie tief er selbst in seiner Rolle steckte. „Ich dachte wie der Leiter einer Justizvollzugsanstalt und nicht wie ein wissenschaftlich arbeitender Psychologe.“

Zugleich erhob er Vorwürfe gegen das bestehende Strafjustizsystem: „Nachdem wir unser simuliertes Gefängnis nur sechs Tage lang beobachtet hatten, konnten wir verstehen, wie Gefängnisse Menschen dehumanisieren, aus ihnen Objekte machen und ihnen Gefühle der Hoffnungslosigkeit einflößen. Und was Strafvollzugsbeamte anbetrifft, so stellten wir fest, wie leicht normale Menschen vom guten Dr. Jekyll zum schlechten Mr. Hyde verwandelt werden können.“

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