Mysteriöses Verhalten von Walen erklärt den Ursprung von Seeungeheuern in alten Sagen

Eine Fangmethode, die erst vor Kurzem bei Walen beobachtet wurde, wurde möglicherweise schon vor langer Zeit beschrieben – in altnordischen Mythen.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 6. März 2023, 09:39 MEZ
Darstellung eines Apsidochelon im isländischen Physiologus, einem Naturgeschichtsbuch aus dem 12. Jahrhundert.

Darstellung eines Apsidochelon im isländischen Physiologus, einem Naturgeschichtsbuch aus dem 12. Jahrhundert. 

Foto von Public Domain

Im Jahr 2011 wurde bei Walen auf der ganzen Welt eine bis dahin unbekannte Jagdstrategie beobachtet: Die Tiere, die sich normalerweise aktiv auf ihre Beute stürzen, warteten stattdessen mit rechtwinklig geöffnetem Maul an der Wasseroberfläche auf ihre Beute und fraßen die Fischschwärme, die arglos in die Falle schwammen. Zehn Jahre später verbreitete sich eine Videoaufnahme dieses Verhaltens über Instagram rasant im Internet.

Doch ist diese Jagdmethode wirklich neu? Forschende haben bereits die Vermutung geäußert, dass das Verhalten zuvor einfach nur nie beobachtet wurde und Drohnen und andere moderne Technologien der Überwachung es jetzt sichtbar gemacht haben.

Diese Theorie wird durch eine Entdeckung gestützt, die John McCarthy, Meeresarchäologe an der australischen Flinders University in Bedford Park, gemacht hat. In einer Studie, die in der Zeitschrift Marine Mammal Science erschienen ist, zieht er eine faszinierende Parallele zwischen Meeresbiologie und historischer Literatur und findet einen Zusammenhang zwischen dem Verhalten der Wale und den Beschreibungen von Seeungeheuern in nordischen Sagen.

Alles begann mit der Feststellung, dass die Wale in den Videos, die die neu beobachtete Fangmethode zeigen, an Hafgufa erinnern: Ein Seemonster, das in altnordischen Texten sein Unwesen in der Grönlandsee treibt.

„Ich hielt das zunächst nur für einen interessanten Zufall“, sagt McCarthy. „Doch als ich anfing, die Sache genauer zu untersuchen und mit Kollegen darüber sprach, die sich auf mittelalterliche Literatur spezialisiert haben, stellten wir fest, dass die ältesten Versionen dieser Mythen keine Seeungeheuer beschreiben, sondern ausdrücklich eine Walart.“

Diese Abbildung zeigt einen Buckelwal beim sogenannten Trap feeding, einem erst kürzlich festgestellten Jagdverhalten, bei dem das Tier passiv an der Wasseroberfläche darauf wartet, dass ihm die Beute ins Maul schwimmt. 

Foto von J. McCarthy

Erzählungen von Hafgufa finden sich bis ins 18. Jahrhundert in isländischen Mythen, ihr Ursprung liegt jedoch in mittelalterlichen Bestiarien, also Tierdichtungen, aus dem 13. Jahrhundert. Diese beschreiben eine Vielzahl realer und fantastischer Tiere, darunter auch Kraken und Meerjungfrauen und eine dem Hafgufa ähnliche Kreatur namens Aspidochelon. Der Sage nach sollen diese beiden Seeungeheuer einen besonderen Duft verströmen, mit dem sie Fische in ihre Mäuler locken. Vermutlich wird damit ein Vorgang beschrieben, bei dem die Wale gefilterte Beute aus dem Maul ausstoßen, um damit neue Beute zu ködern.

Fachübergreifende Forschung

„Das ist spannend, denn die Frage, wie lange Wale diese Technik schon nutzen, ist der Schlüssel zum Verständnis einer Reihe von Verhaltens- und sogar evolutionären Fragen“, sagt Erin Sebo, Mitautorin der Studie und Professorin für mittelalterliche Literatur und Sprache an der Flinders University.

Ihr zufolge ist die Studie ein weiteres Beispiel dafür, wie Überlieferungen aus der Zeit vor der modernen Wissenschaft dabei helfen können, heutigen Rätseln der Natur auf die Spur zu kommen – und umgekehrt. Denn auch auf Seiten der Literaturwissenschaft kann über die tatsächlichen Ursprünge der Beschreibungen in mittelalterlichen Schriften meist nur spekuliert werden.

Erzählungen von Hafgufa und Aspidochelon wurden bisher mit Phänomenen wie Unterwasservulkanen und optischen Täuschungen erklärt. „Tatsächlich handelt es sich bei dem in den mittelalterlichen Texten beschriebenen Verhalten einfach um ein Verhalten der Wale, das wir in der heutigen Zeit nicht beobachtet haben“, sagt Sebo. „Die Menschen des Mittelalters und der Antike aber schon.“

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