Todsünde Neid: Warum wir anderen nichts gönnen

Niemand mag Neid. Doch die Forschung zeigt: Er hat auch seine guten Seiten.

Von Jens Voss
Veröffentlicht am 8. Juli 2024, 08:29 MESZ
Neid. Ausschnitt aus dem Gemälde „Die Sieben Todsünden und Die vier letzten Dinge» von Hieronymus Bosch ...

Neid. Ausschnitt aus dem Gemälde „Die Sieben Todsünden und Die vier letzten Dinge“, Hieronymus Bosch um 1500

Foto von Gemeinfrei

Der Neid gönnt dem Teufel nicht die Hitze in der Hölle, heißt ein Sprichwort. Nur wenige Verhaltensweisen sind gesellschaftlich so sehr geächtet. Neid zählt zu den sieben Todsünden. Kaum jemand wird wohl zugeben, selbst ein Neider zu sein. Neid gilt als hässliche Angewohnheit. Und doch kennen wir ihn alle nur zu gut.

Der Duden definiert Neid als „Empfindung, Haltung, bei der jemand einem andern dessen Besitz oder Erfolg nicht gönnt und selbst haben möchte“. Es ist ein Gefühl, in dem Unzufriedenheit, Ärger, Wut und Missgunst mitschwingen. Oft auch Trauer, Leid und Selbstzweifel.

Forschende gehen davon aus, dass Neid ein Teil unserer DNA ist. Unsere Vorfahren mussten oft mehr als andere besitzen, um zu überleben. Schon der österreichische Philosoph und Soziologe Gustav Ratzenhofer (1842-1904) sprach vom „Brotneid“ als „Urkraft“ – als einen wesentlichen Antrieb des sozialen Handelns. Demnach ist Neid ein emotionales Grundbedürfnis des Menschen, ein Faktor des Überlebens. 

Auch der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) hielt Neid für etwas Natürliches – als etwas, das in allen Menschen steckt. Dennoch sei er „Laster und Unglück zugleich“. Man solle ihn daher als „den Feind unseres Glückes betrachten und als einen bösen Dämon zu ersticken suchen“. Warum aber können wir diesen Dämon nicht einfach abschütteln? Liegt es vielleicht daran, dass Neid nicht unbedingt schlecht sein muss?

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Neid: Missgunst oder Motivation?

Tatsächlich beschreibt die Psychologie unterschiedliche Arten von Neid. Die niederländischen Forscher Niels van de Ven, Marcel Zeelenberg und Rik Pieters etwa beschreiben in ihren Studien zwei Formen: böswilligen (destruktiven) und gutartigen (konstruktiven) Neid. Beide Arten haben eines gemeinsam: Sie entstehen, wenn wir uns mit anderen Menschen vergleichen. Und zwar vor allem mit denjenigen, die uns in irgendeiner Weise ähnlich sind. Nachbarn und Kolleginnen etwa – ja sogar Freunden. 

Böswilliger Neid lässt sich mit Missgunst gleichsetzen. Er wird ausgelöst, wenn andere Menschen glauben, dass die beneidete Person ihren Erfolg nicht verdient hat. Man versucht, sie schlecht zu machen und sich damit selbst aufzuwerten. Böswilliger Neid ist destruktiv. Er bringt negative Gedanken. Er zieht uns runter, statt uns zu motivieren.

Gutartiger Neid entsteht dagegen, wenn wir überzeugt sind, dass die beneidete Person ihren Erfolg sehr wohl verdient hat. Wir anerkennen die Leistung eines anderen Menschen. Gutartiger Neid motiviert. Er ist konstruktiv, weil er uns zu besseren Leistungen anspornt. 

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    „Es gibt nichts, was sich nicht beneiden lässt“

    Der deutsche Neidforscher Rolf Haubl liefert ein Beispiel: „Geht ein US-Amerikaner mit seinem Freund spazieren. Kommt ein großer Cadillac vorbei. Sagt der Amerikaner zu seinem Freund: ‚So einen Wagen fahre ich auch noch mal!‘ Geht ein Deutscher mit seinem Freund die Straße entlang, fährt ein BMW vorbei. Sagt der Deutsche zu seinem Freund: ‚Der Typ geht auch noch mal zu Fuß!‘“

    Ob Besitz und Reichtum, Aussehen und Ansehen, Fähigkeiten und Charaktereigenschaften: „Es gibt prinzipiell nichts, was sich nicht beneiden lässt“, sagt Haubl. Materielle Dinge hätten in unserer Gesellschaft aber meist einen höheren Wert als ideelle Güter. Am Ende ginge es um mehr als nur um Äußerlichkeiten.

    Der BMW ist nur ein Stellvertreter. Er verkörpert all das, worum wir die andere Person beneiden: Status, Anerkennung, Geld, Glück. Wovon aber hängt es ab, ob wir beim Anblick von Nachbars neuem Auto eher konstruktiven oder destruktiven Neid empfinden?

    Neid frisst seinen eigenen Herrn

    Letztlich geht es um unser eigenes Selbstwertgefühl. Sind wir innerlich gelassen, mit uns selbst im Reinen, dürfte es uns leichter fallen, anderen etwas zu gönnen. Im Moment des Neids fühlen wir uns zwar unterlegen. Doch wir besitzen den Ehrgeiz, dies ändern zu wollen. Wir betrachten die Errungenschaften anderer als Ansporn für eigene Leistungen. Das setzt natürlich voraus, dass dieser Weg machbar ist.

    Fehlt es uns dagegen an Selbstbewusstsein, können oder wollen wir unseren Status Quo nicht ändern, neigen wir zu destruktivem Neid. Vermutlich hoffen wir, dass die Person das Objekt wieder verliert, um das wir sie beneiden. Destruktiver Neid reicht also so weit, dass wir anderen etwas Schlechtes wünschen. All das in der bitteren Hoffnung, dass wir uns dadurch besser fühlen. Doch das ist ein Trugschluss. Der Neid frisst seinen eigenen Herrn, lautet ein anderes Sprichwort.

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