Reinhold Messner über Angst, Versagen und echte Abenteuer

„Ich glaube, ich bin ein ziemlich guter Höhenbergsteiger geworden, weil ich so oft gescheitert bin.“Donnerstag, 15. August 2019

„Bergsteigen ist für mich mehr als ein Sport“, schreibt der weltbekannte Bergsteiger Reinhold Messner in seinem Buch „Mein Leben am Limit“. „Beim Bergsteigen dreht sich alles um die Freiheit – die Freiheit, sich über alle Regeln hinwegzusetzen und ein Risiko einzugehen, etwas Neues zu erleben und einen Einblick in die menschliche Natur zu gewinnen […] Für mich ist die Vorstellungskraft beim Bergsteigen wichtiger als Muskeln oder waghalsige Eskapaden.“

Tatsächlich kann Messner auf Jahrzehnte voller Errungenschaften in diesem Bereich zurückblicken. In den Sechzigern, als er noch ein Teenager war, meisterte er bereits bahnbrechende Free-Solo-Aufstiege an den Wänden seiner Heimatberge, den Dolomiten. In den Siebzigern und Achtzigern ging er mit legendären Solo- und Alpinstilaufstiegen ohne Sauerstoffgerät an den 8.000er-Gipfeln des Himalaya und Karakorum in die Geschichte ein. Während der Neunziger, in der letzten Phase seiner Abenteurerkarriere, durchquerte er erfolgreich Grönland, die Wüste Gobi und die Antarktis.

Reinhold Messner über Angst, Versagen und echte Abenteuer
Reinhold Messner gilt als einer der größten Bergsteiger der Geschichte. Im Interview mit National Geographic erzählt er, was für ihn ein echtes Abenteuer ausmacht und warum das Scheitern für ihn dazugehört.

Es ist leicht, sich in den empirischen Proportionen seiner Erfolge zu verlieren und dabei seine Entschlossenheit und Kunstfertigkeit zu übersehen, die ihm stets der größte Antrieb waren. Praktisch gesehen sprechen wir über einen Mann, der als Jugendlicher der Elitekletterer Alex Honnold war, in seinen Zwanzigern dann zum Extrembergsteiger Ueli Steck wurde, sich später zum 8.000-Meter-Mann Ed Viesturs entwickelte und sich in seinen späteren Jahren schließlich zum Polarforscher Ernest Shackleton wandelte.

Mittlerweile scheint sich Messner gut mit der letzten Rolle in seiner Karriere arrangiert zu haben: eine Art Botschafter. Er hat über ein Jahrzehnt damit verbracht, eine Reihe von Museen aufzubauen, die sich der Beziehung zwischen dem Menschen und den Bergen widmen. In New York City hielt er kürzlich eine Rede auf einer Veranstaltung des American Alpine Club und sprach bei dieser Gelegenheit auch mit National Geographic.

Dass Messner das ein oder andere über Berge weiß – und wie man in ihnen überlebt –, ist wohl jedem bekannt. Besonders faszinierend war allerdings, wie er über seine größten Leistungen gesprochen hat – beispielsweise die Besteigung des Everest ohne Sauerstoffgerät. Für ihn schien es sich dabei eher um die Lösung eines kreativen Problems zu handeln. „Es beginnt mit einer Idee“, sagte er. „Und aus dieser Idee wird eine Vision.“

Galerie: Alex Honnold: Free Solo auf dem El Capitan

Im 21. Jahrhundert wird langsam deutlich, dass echte Entdeckungen von den begrenzten geografischen Proportionen unserer Erde beschränkt werden. Niemand kann die Uhr zurückdrehen und den Weg zum Gipfel des Everest neu entdecken. Auch deshalb hat Reinhold Messner gute Chancen, der größte Höhenbergsteiger aller Zeiten zu bleiben. Er hatte einfach das Glück, genau zum richtigen Zeitpunkt der Geschichte aufzutauchen. Messner selbst ist sich dieses Umstandes durchaus bewusst – und er hilft dabei zu erklären, warum er im Laufe seines Lebens immer wieder eine neue Richtung eingeschlagen hat.

„Ein Abenteuer ist ein privates, persönliches Erlebnis“, sagt Messner. „Aber die Möglichkeiten! Es gibt Millionen unbestiegener Gipfel. Im Osten Tibets habe ich 6000er und 6500er gesehen mit vertikalen Wänden doppelt so hoch wie die Nordwand des Eiger. Aber da geht niemand hin, weil das keine berühmten 8000er sind.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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