Tiere

Neue seltene Papageienart klingt wie ein Habicht

Laut einer neuen Studie entging der leuchtend bunte und laute Vogel in den Wäldern Yucatáns der Aufmerksamkeit zahlloser Experten – aber es gibt auch Zweifel. Freitag, 3 November

Von Traci Watson

Jahrzehntelang sind Vogelliebhaber auf der Halbinsel Yucatán umhergestreift, immer auf der Suche nach seltenen Arten. Nun scheint es so, als hätten sie alle eine übersehen – und dazu auch noch eine leuchtend bunte und laute.

Laut einer neuen Studie wurde auf Yucatán ein bunter Papagei entdeckt, der ein wenig wie ein Habicht klingt. Die Art wurde auf den Namen Blauflügelamazone (Amazona gomezgarzai) getauft und war der Wissenschaft bis vor wenigen Jahren völlig unbekannt.

Das macht das Tier zu einer Kuriosität: Die neuen Papageienarten, die in den letzten Jahren beschrieben wurden, waren tendenziell eher Unterarten, denen erst später – meist infolge einer DNA-Analyse – der Status einer eigenständigen Art zugesprochen wurde. 

„Das ist zweifelsfrei ein Beweis dafür, dass wir noch immer in Zeiten ornithologischer Entdeckungen leben“, sagt Miguel Gómez Garza von der Autonomen Universität von Nuevo León. Er war der erste, der den neuen Papagei 2014 entdeckte. „Wir müssen unsere Augen einfach [...] weit offen halten.“

Andere Experten hegen jedoch Zweifel daran, dass die Blauflügelamazone tatsächlich eine eigene Art ist.

SELTSAM TÖNT ES DURCH DEN WALD

Garza ist ein Tierarzt, der sich um Wildtiere kümmert, die von mexikanischen Behörden konfisziert wurden. Er erkundete gerade die Wälder Yucatáns, als er einen ungewöhnlichen Vogelruf hörte. Er stammte von einer Gruppe Papageien, die ungefähr die Größe von Stadttauben hatten. Durch ihre auffallenden blauen Flügel und ihre flammend rote Stirn unterschieden sie sich von anderen bekannt Arten.

Mit der Hilfe von mexikanischen Behörden konnte Garza ein männliches und ein weibliches Exemplar beschaffen und ließ sie in einem großen Gehege in seinem Haus frei. Dann rief er Tony Silva an. Der unabhängige Vogelexperte aus Florida ist der Co-Autor der neuen Studie.

„Als ich sie zum ersten Mal durch das Telefon hörte, fragte ich: ‚Hast du dir ein paar Habichte geholt?‘“, erinnert sich Silva. Im Gegensatz zu anderen Papageien zeichnet sich die neue Art durch ihren kurzen, lauten und monotonen Ruf aus, der an den eines Greifvogels erinnert.

Der laute Ruf des Vogels scheint auch zu seinem lebhaften Gemüt zu passen. „Sie klettern, sie knabbern, sie putzen sich, sie zerren aneinander“, sagt Silva über Garzas Vögel. „Sie sind einfach sehr aktiv.“

Ein anderer  Papagei, der in derselben Region lebt, die Goldzügelamazone, ist deutlich ruhiger und gelassener.

Das charakteristische Verhalten der zwei Exemplare, ihr Gefieder und ihre DNA führten dazu, dass die Forscher sie zu einer neuen Art erklärten: Amazona gomezgarzai, zu Ehren von Garza. Ihre Studie erschien am 27. Juni im Fachmagazin „PeerJ“.

DNA-Analysen des neuen Papageis offenbarten außerdem, dass er sich erst vor 120.000 Jahren entwickelte. Den Forschern zufolge entstand er vermutlich infolge eines Klimawandels, der neue Lebensräume schuf.

VOR LAUTER BÄUMEN NICHT GESEHEN

Man ist sich nicht sicher, wie Vogelexperten den Papagei so lange übersehen konnten, aber vermutlich hat seine Seltenheit dazu beigetragen.

Die Forscher schätzen, dass es nur etwa hundert Blauflügelamazonen in der Wildnis gibt, und dass sie dringend vor der Abholzung des Waldes und vor illegalem Tierhandel geschützt werden müssen. (Silva selbst verbüßte in den 1990ern eine Gefängnisstrafe wegen Papageienschmuggels.)

Camila Ribas, eine Papageienexpertin des Amerikanischen Naturkundemuseums in New York City, glaubt, dass die Blauflügelamazone tatsächlich eine neue Art sein könnte. Allerdings würde sie gern genetische Analysen von mehr Vögeln als nur den beiden aus der Studie sehen.

Das würde auch John Bates gern, ein Kurator des Field Museum in Chicago. Er merkt an, dass die spezifischen Gene, die in der Studie untersucht wurden, „sehr schwach“ für diese Art von Analyse seien.

„Persönlich würde ich gern mehr Arbeit im Bereich der Genetik sehen, bevor ich daraus irgendwelche Schlüsse ziehe.“

Die genetische Analyse der Studie zeige Bates zufolge zum Beispiel, dass die Blauflügelamazone einer Unterart namens Weißstirnamazone sehr ähnlich sei.

„DIE VOLLSTÄNDIGSTE, DIE JE GEMACHT WURDE“

Auch andere Forscher hegen Zweifel. Obwohl die Studie ein „guter Anfang“ ist, seien die Beschreibungen des Verhaltens der Vögel vage, sagt Donald Brightsmith. Der Biologe, der auf den Artenschutz von Papageien spezialisiert ist, arbeitet am Texas A&M College für Tiermedizin.

Die Autoren die Studie antworteten damit, dass es unethisch sei, mehr Exemplare der seltenen Art für Studienzwecke zu fangen. Silvas Co-Autor Pawel Mackiewicz, ein Genetiker von der polnischen Universität von Worclaw, sagt, dass sich das Team dieselben Gene angesehen hat, die auch in anderen Studien zur Genetik von Papageien untersucht wurden. Ein neue Art könne zudem genetische Ähnlichkeiten zu anderen Arten aufweisen.

„Ich denke, unsere genetische Studie ist die vollständigste, die je gemacht wurde“, sagt Silva, „und ich bin zuversichtlich, dass die Art den Anforderungen der wissenschaftlichen Prüfung genügen wird.“