Tiere

"Niedlichkeit" von Hundewelpen könnte evolutionär mit Menschen zusammenhängen

Hundewelpen sind zwischen der sechsten und achten Lebenswoche am niedlichsten. Diese Erkenntnis könnte neue Hinweise darüber liefern, wie sich Hunde zusammen mit dem Menschen entwickelt haben. Freitag, 18 Mai

Von Elaina Zachos

Es gibt rund eine Milliarde Hunde auf der Erde. Hunde und Menschen sind zwar schon seit Zehntausenden von Jahren ein Team, doch Experten gehen davon aus, dass 85% aller Hunde weltweit verwildert leben. Diese Tiere streifen durch Straßen und Dörfer und obwohl sie keine domestizierten Haustiere sind, bleiben sie in der Nähe von Menschen.

Im Alter von zwei bis drei Monaten verlässt die Mutter ihren Nachwuchs mitunter, was unterschiedliche Ursachen haben kann. Ohne ihren Schutz liegt die Sterblichkeitsrate der Welpen, die jünger als ein Jahr sind, bei 90 Prozent. Es überleben also nur etwa 10 Prozent aller mutterlosen Welpen, die kein Zuhause haben.

Wie also sollen diese verlassenen Welpen ohne ihre Mütter überleben? Die Wissenschaft meint, dass die Welpen das schaffen können, wenn sie nur niedlich genug sind - und Menschen so dazu bringen können, sich um sie zu kümmern. Eine neue Studie, die in der Fachzeitschrift Anthrozoös veröffentlicht wurde, erläutert diese Erkenntnis. Sie könnte neue Hinweise darüber liefern, wie sich Hunde zusammen mit dem Menschen weiterentwickelt haben.

PERFEKTE WELPEN

Im Rahmen der Studie luden die Forscher Clive Wynne von der Arizona State University, Nadine Chersini von der Universität Utrecht und Nathan Hall von der Texas Tech University 51 Collegestudenten und -studentinnen ein. Sie zeigten ihnen Porträtfotos von Welpen verschiedenen Alters und baten die Probanden, diese danach zu sortieren, wie sehr sie ihnen gefielen. Die Welpen, deren Alter zwischen wenigen Stunden und sieben Monaten lag, gehörten drei beliebten Hunderassen an: Jack Russell Terrier, Cane Corso Italiano und Weißer Schäferhund.

Die Teilnehmer wurden gebeten, die „Attraktivität“ der Welpen zu beurteilen, der Begriff „Niedlichkeit“ wurde nicht verwendet. Damit wollten „wir möglichst viel Neutralität schaffen“, erklärt Wynne gegenüber National Geographic. „Wir wollten die Leute nicht schon in Richtung Kindchenschema schubsen.“

Die Wissenschaftler gingen davon aus, dass die Befragten die Welpen im Alter von zwei bis drei Monaten am attraktivsten finden würden. In diesem Alter werden sie abgesetzt und von ihren Müttern verlassen. Ab dann brauchen sie anderweitige Betreuung, um zu überleben. Sie behielten Recht.

Das genaue Alter variierte, aber alle Welpen wurden in einem Alter zwischen sechs und acht Wochen als besonders niedlich bewertet. Bei Jack Russel Terrier waren es 7,7 Wochen, bei Cane Corso Italianos 6,3 Wochen und bei Weißen Schäferhunden 8,3 Wochen. Alle drei Rassen zeigten mit 30 Wochen noch einmal einen kleinen Sprung auf der Niedlichkeitsskala, der Grund dafür ist jedoch unklar.

Harold Herzog, ein Experte für Mensch-Tier-Beziehungen an der Western Carolina University, setzt sich auf seinem Wissenschaftsblog mit der Studie auseinander. Er meint, dass die Studie „brillant“ sei, aber vielleicht noch etwas wackelig.

„Ich glaube, dass man die Studie wiederholen sollte, und zwar mit Fotos, die die fragliche Entwicklungsphase bei denselben Hunden dokumentieren“, sagt Herzog. Seiner Meinung nach würde die Wiederholung die Ergebnisse untermauern. Wynne gibt an, dass einige der Fotos von denselben Hunden in verschiedenem Alter stammen, die meisten jedoch unterschiedliche Hunde zeigen.

Herzog fügt hinzu, dass eine weitere Studie mit Wölfen als Kontrollgruppe dienen könnte. Im Gegensatz zu Hunden kümmern sich bei Wölfen beide Elternteile zwei Jahre lang um ihren Nachwuchs. Diese Spezies sollte also nicht den gleichen „Entwicklungsverlauf der Niedlichkeit“ zeigen.

Wynne gibt an, dass die Forscher den Teilnehmern im nächsten Schritt 20 bis 30 Sekunden lange Videos von Welpen zeigen. Damit wollen sie herausfinden, ob etwas in den Bewegungen der Tiere Menschen anspricht. Die Studie wurde von einer Forschungsreise auf die Bahamas inspiriert, wo es unzählige Straßenhunde gibt.

„Wenn irgendetwas eine Bedeutung für das Leben von Hunden und Menschen hat, ist es das sich bewegende Tier, das die Menschen direkt vor sich sehen“, sagt Wynne.

EIN KAMPF JEDER GEGEN JEDEN

Gerade verlassene Welpen stehen in Konkurrenz miteinander um die menschliche Gunst. Daher sollten sie den Regeln der Evolution zufolge im Alter von sechs bis elf Wochen am niedlichsten sein. Zu dieser Zeit werden sie abgesetzt und von ihren Müttern im Stich gelassen.

„Clive [Wynne] argumentiert, dass sie sterben, wenn sie nicht süß sind“, sagt Herzog.

Einige Charakteristika finden Menschen bei allen Tierarten niedlich: große, nach vorne gerichtete Augen, unkoordinierte, unsichere Gliedmaßen und weiche, rundliche Körperformen. Wir finden es auch entzückend, wenn Tiere einen im Vergleich zu ihrem Körper großen Kopf haben. Diese Reaktion ist evolutionär bedingt.

Das sogenannte Kindchenschema gibt es auch bei menschlichen Babys und ist für deren Überleben notwendig. Die Charakteristika aktivieren den Teil des Gehirns, der für Entscheidungen zuständig ist, um den Menschen dazu zu bringen, das Kind zu schützen und es zu  versorgen. Gleichzeitig schüttet das Belohnungszentrum des Hirns Dopamin aus. Das Gehirn sorgt also dafür, dass man das Kin schützen will und belohnt einen im Anschluss dafür. Durch diesen Schutz kann das Kind überleben.

Die Studie wurde im Labor und mit Fotos durchgeführt und nicht draußen in der Welt mit echten Hunden. Herzog vermutet dennoch, dass die Ergebnisse in einer natürlichen Umgebung ähnlich ausgefallen wären. Im Jahr 1998 gingen die Wissenschaftler Alan Fridlund und Melissa MacDonald mit einem Golden Retriver namens Goldie über den Campus. Sie wollten die Reaktionen der Studenten beobachten. Sie begannen damit, als der Welpe 10 Wochen alt war und führten das Ganze über fünf Monate fort. Zuerst zog die süße Goldie zahlreiche Studenten an. Als sie jedoch schließlich 33 Wochen alt war, hatte die Niedlichkeit ihren Zenit überschritten und sie bekam weniger Liebe.

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