Familientauchgang mit Walhai-Rettung

Beim Freitauchen vor der Küste Hawaiis entdeckte eine Familie einen Walhai, der sich in einem Seil verfangen hatte.Freitag, 10. August 2018

Von Jason Bittel
Freitaucher rettet Walhai
Freitaucher rettet Walhai
Beim Freitauchen vor der Küste von Lānaʻi entdeckte eine hawaiianische Familie diesen Walhai. Zunächst waren sie von der Sichtung des seltenen und gefährdeten Riesen begeistert. Dann bemerkten sie ein schweres Seil, das sich um seinen Hals geschlungen hatte.

Beim Freitauchen vor der Küste der hawaiianischen Insel Lānaʻi entdeckte eine hawaiianische Familie etwas, das sie noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte: einen jungen Walhai.

Selbst für Menschen, die viel Zeit im kristallklaren Meerwasser rund um Hawaii verbringen, ist dieses gefährdete Tier – der größte Fisch der Erde – ein seltener und erfreulicher Anblick.

Aber das anfängliche Staunen verschwand schnell, als Kapua Kawelo und ihr Ehemann Joby Rohrer bemerkten, dass sich ein schweres, dickes Seil um den Hals des Tieres gewickelt hatte. Beide arbeiten im O‘ahu Army Natural Resources Program mit gefährdeten Tierarten.

„Das sah richtig wund aus“, sagt Rohrer. „Da waren drei Narben, wo das Seil in die Kämme auf seinem Rücken eingeschnitten hatte. Das Seil hatte um die sieben oder acht Zentimeter in seine Brustflosse geschnitten.“

Nachdem sie den Hai eine Weile gefilmt hatte, beschloss die Familie, einen Rettungsversuch zu starten und das Seil mit einem Tauchermesser durchzuschneiden. Mit nichts weiter als seiner Taucherfahrung und dem kleinen, gezahnten Messer schwamm Rohrer wieder und wieder 15 bis 18 Meter tief zu dem Tier hinab und blieb jeweils bis zu zwei Minuten am Stück bei ihm.

Nach etwa einer halben Stunde sorgfältigen Arbeitens und ein wenig Unterstützung von seinem Sohn Kanehoalani und dem Wildtiermanager für Pūlama Lānaʻi, Jon Sprague, war der Hai endlich frei.

Die fünfzehnjährige Tochter der Familie, Ho’ohila, schwamm mit dem fast 70 Kilogramm schweren Seil dann zurück ans Ufer.

„Es ist eine Familiengeschichte“, so Kapua.

ÜBERLEBENSCHANCE?

Der Wal hat ohne seinen „unzerstörbaren Blumenkranz aus Seil“ nun definitiv bessere Chancen als zuvor, wie Kapua es formuliert. Aber wird sich das Tier von den Strapazen auch erholen?

Der National Geographic Explorer und führender Walhai-Experte Brad Norman erklärt, dass das Seil das Tier schon seit mindestens ein paar Monaten stranguliert haben muss, wie man an all den Rankenfußkrebsen sieht, die sich darauf bereits angesiedelt hatten. Hawaiis Department of Land and Natural Resources wurde schon Mitte Juni von Tauchern auf den Zustand des Hais aufmerksam gemacht und hatte die Öffentlichkeit darum gebeten, künftige Sichtungen sofort zu melden.

Alles in allem schien sich das Tier laut Norman aber in einem recht guten Zustand zu befinden. Seinen Schätzungen zufolge war der Walhai mindestens 20 Jahre alt und habe daher ausgezeichnete Überlebenschancen.

„Auch wenn Walhaie global gesehen allesamt gefährdet und vom Aussterben bedroht sind“, fügt er an. „Wenn wir den rückläufigen Trend ihrer Zahl nicht umkehren, sieht es für die gesamte Art schlecht aus.“

Vergessene oder weggeworfene Fischereiausrüstung schadet zudem nicht nur Haien. Laut einem Bericht der Organisation World Animal Protection landen jedes Jahr mehr als 700.000 Tonnen Fischereiausrüstung in den Weltmeeren.

BITTE UM HILFE?

Für gewöhnlich schwimmen Walhaie weg, wenn man sie berührt, wie Norman erklärt. Dass das Tier an Ort und Stille blieb, nachdem Rohrer mit der Arbeit an dem Seil begann, zeigt, dass es sich in der Situation wohlfühlte.

„Der Hai scheint dem Taucher zu gestatten, ihm zu helfen“, so Norman. „Er scheint zu wissen, dass er hilft.“

Kapua betont die Gelassenheit ihres Mannes und seine Fertigkeiten im Freitauchen. Beides habe es ihm ermöglicht, den Hai zu befreien.

„Wir wollten alle helfen, aber keiner von uns konnte seinen Atem so lange anhalten“, sagt sie.

Die Erfahrung hat sie aber noch an etwas anderes erinnert, wie sie erzählt. In der hawaiianischen Mythologie kommen Vorfahren manchmal als Schutztiere zurück, die ʻaumakua genannt werden. Diese Hüter wachen über Familien, welche wiederum die Tiere schützen müssen.

„Wir hatten vorher noch nie einen Walhai gesehen. Aber genau wie indigene Völker auf der ganzen Welt spürt man einfach eine besondere Verbindung zu den natürlichen Ressourcen, die einen selbst und die eigene Familie umgeben“, sagt Kapua.

„Ich möchte glauben, dass wir aus einem bestimmten Grund dort waren. Dass wir diesem wunderschönen Tier beim Überleben geholfen haben, war das Mindeste, was wir für diese unglaubliche Erfahrung, ihn zu sehen, tun konnten.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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