Riesenwanzen fressen Schildkröten, Entenküken und Giftschlangen

Für den furchtlosen Jäger mit dem Riesenhunger scheint Größe keine Rolle zu spielen.Donnerstag, 4. April 2019

Eine Riesenwanze der Art Lethocerus deyrollei greift in der japanischen Stadt Saitama einen Fisch an.
Eine Riesenwanze der Art Lethocerus deyrollei greift in der japanischen Stadt Saitama einen Fisch an.
bild Yasuda Mamoru, Minden Pictures

Riesenwanzen sind unersättliche Räuber, die auch auf Entenküken und Giftschlangen Jagd machen. Ihr bemerkenswerter Speiseplan kam im Rahmen einer Studie ans Licht, die Jahrzehnte der Forschung zu den im Wasser lebenden Insekten auswertete.

Sie sind „Lauerjäger“, erklärt Charles Swart, ein Dozent am Trinity College in Connecticut, der sich schon länger mit Riesenwanzen beschäftigt.

„Sie bringen sich einfach an einer Pflanze im Wasser in Position und versuchen, alles zu schnappen und zu fressen, was direkt vor ihrer Nase vorbeikommt.“

Die Forschungsergebnisse wurden im Fachmagazin „Entomological Science“ veröffentlicht und beleuchten die Ökologie von Riesenwanzen genauer. Die Vertreter der Insektenfamilie, von der derzeit etwa 150 Arten bekannt sind, kommen vor allem in den Tropen und Subtropen vor. Die größten Arten, Lethocerus grandis und Lethocerus maximus, leben in Südamerika und können mehr als zehn Zentimeter lang werden.

Der Studienautor Shin-ya Ohba, ein Entomologieprofessor der japanischen Universität Nagasaki, ist von den Insekten fasziniert, seit er mit sieben Jahren zum ersten Mal eine Riesenwanze in einem Zoofachgeschäft sah.

„Japanische Entomologen mögen Riesenwanzen wegen ihrer coolen Morphologie“, sagt er. Ihre Vorderbeine erinnern ihn beispielsweise an Popeye, wenn er seine Muskeln anspannt.

XXL-Menü der Riesenwanzen

Für seine eigene Studie las Ohba bereits veröffentlichte Forschungsarbeiten zu Riesenwanzen. Die vier in Japan heimischen Arten hat er selbst erforscht, darunter auch Kirkaldyia deyrolli, den Räuber der Reisfelder und Feuchtgebiete.

Dabei fiel ihm eine Gemeinsamkeit auf: Die Insekten schienen sich bei der Jagd keinesfalls von der Größe ihrer Beute beeindrucken zu lassen. 2011 berichtete Ohba beispielsweise von einer Riesenwanze, die eine Schildkröte erlegen wollte.

Ein Vertreter der Art Kirkaldyia deyrolli macht Jagd auf eine Schildkröte – ein seltener Anblick.
Ein Vertreter der Art Kirkaldyia deyrolli macht Jagd auf eine Schildkröte – ein seltener Anblick.
bild Shin-ya Ohba

Trotz ihrer Größe sind die braunen Käfer an den Pflanzen gut getarnt, an denen sie kopfüber hängen und über einen „Schnorchel“ an ihrem Hinterleib atmen.

Sobald irgendeine Beute in Reichweite kommt, klammern sich die Vorderbeine der Wanze fest an den Pflanzenstängel, während ihre anderen Beine das Opfer packen. Dann durchbohren die Wanzen ihre Beute mit ihrem dolchartigen Stechrüssel und injizieren ihnen Enzyme und womöglich betäubende Chemikalien.

Swart, der an der Studie nicht beteiligt war, merkt an, dass die Zusammensetzung der Riesenwanzentoxine bisher nicht genau bekannt ist. Auch, ob sie wirklich giftig sind, muss noch erforscht werden.

Galerie: Fleischfressende Pflanze stiehlt Insekten von ihren Nachbarn

„Sie zersetzen das Gewebe und dann saugen es die Wanzen auf“, erklärt er. Bei größeren Beutetieren könne das ein paar Stunden dauern – und zumindest für einen Teil dieser Zeit lebt das Opfer noch.

Swart beurteilt die neue Studie als „eine wirklich umfassende Bestandsaufnahme des gesamten Wissens über [Riesenwanzen]“.

Mordende Wanzenmütter

Riesenwanzen fallen aber noch durch eine weitere Besonderheit auf: Es sind die Männchen, die größtenteils für das Wohl der Eier verantwortlich sind.

Bei manchen Arten bewachen sie teils bis zu fünf Gelege gleichzeitig und verteidigen sie vor Fressfeinden wie Ameisen. Bei anderen Arten legen die Weibchen ihre Eier direkt auf den Rücken des Männchens. Dort reist der Nachwuchs dann huckepack mit, bis er schlüpft.

Ohba merkt an, dass die Weibchen einiger Arten – zum Beispiel K. deyrolli – bei ihrer Partnersuche auch nicht davor zurückschrecken, die Gelege anderer Weibchen zu fressen.

„Indem es die Eier der Konkurrentinnen zerstört, kann sich ein Weibchen den Partner einer Rivalin schnappen und sicherstellen, dass er sich um ihre Eier kümmert“, schreibt Ohba.

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Die frisch geschlüpften Larven, die bis zu 60 Tage lang in diesem Entwicklungsstadium bleiben, müssen schon genau so verwegen sein wie ihre Eltern. Bei den meisten Arten schlüpfen sie zu einer Zeit, in der gerade nur wenige kleine Beutetiere vorhanden sind. Daher bleibt ihnen nichts anderes übrig, als scheinbar überlegene Beute zu jagen, beispielsweise Kaulquappen und kleine Fische.

Die Larven verfügen über lange, gebogene Vorderbeine, mit denen sie ihre Beute besser greifen können, wie Ohba erklärt.

Nichtsdestotrotz haben auch Riesenwanzen Fressfeinde und fallen oft größeren Fischen, Enten und womöglich auch Waschbären und Schildkröten zum Opfer, wie Swart hinzufügt. In Südostasien werden sie mancherorts auch frittiert oder gekocht gegessen.

Großes Insekt mit großer Wirkung

So gruselig die Vorstellung räuberischer Riesenwanzen für manchen auch klingen mag – sie zählen zu den wichtigsten Jägern ihres Ökosystems und spielen damit eine Schlüsselrolle für dessen Erhalt.

Aber die Verschmutzung von Gewässern kann ihren Bestand ebenso schädigen wie invasive Arten wie Flusskrebse und Ochsenfrösche.

Das bedeute, dass Wissenschaftler sich für saubere Gewässer ohne Neozoen einsetzen sollten, um diese wichtige Art zu erhalten, wie Ohba findet.

„Durch den Schutz von Riesenwanzen können wir ganze Ökosysteme erhalten.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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