Kampf in der Tiefe: Hai wehrt Riesenkalmar ab

Eine Reihe heller Narben von den Saugnäpfen des Kalmars zieht sich über die Seite des Hais. Es ist das weltweit erste Foto dieser Art – und ein Beleg für ungeahnte Beziehungen im Meer.

Veröffentlicht am 9. Juni 2020, 15:27 MESZ, Aktualisiert am 5. Nov. 2020, 05:58 MEZ
Ein Weißspitzen-Hochseehai (nicht das Exemplar aus dem Artikel) vor den Bahamas. Diese Haie jagen für gewöhnlich ...

Ein Weißspitzen-Hochseehai (nicht das Exemplar aus dem Artikel) vor den Bahamas. Diese Haie jagen für gewöhnlich in der Nähe der Wasseroberfläche, weshalb die Entdeckung umso spannender ist.

Bild Brian J. Skerry, Nat Geo Image Collection

In den dunklen Tiefen des Pazifiks vor Hawaii kam es zu einem Kampf auf Leben und Tod zwischen einem Hai und einem mutmaßlichen Riesenkalmar. Dass Forscher darüber Bescheid wissen, liegt daran, dass der Hai die Begegnung überlebte – und die Spuren davon noch an seinem Körper trägt.

Die Saugnäpfe an den Armen des gewaltigen Kopffüßers hinterließen golfballgroße Abdrücke auf dem über zwei Meter langen Weißspitzen-Hochseehai.

Das Exemplar ist laut Forschern der weltweit erste Beleg für Interaktionen zwischen Haien und Riesenkalmaren, die in mehr als 300 Metern Tiefe leben.

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Die epischen Kämpfe zwischen Pottwalen und Riesenkalmaren sind hingegen berühmt – es wurden zahlreiche Exemplare der großen Meeressäuger gefunden, deren Haut von einer solchen Begegnung zeugt.

Im Sommer 2019 fiel dem Fotografen Deron Verbeck vor der Konaküste in Hawaii ein Hai auf, über dessen eine Körperseite sich ein merkwürdiges Muster aus weißen Punkten zog. Da er wusste, dass Wissenschaftler Haie anhand ihrer Narben identifizieren, schoss er ein paar Bilder.

An seinem PC vergrößerte er den Bildausschnitt mit den Narben dann und entdeckte, dass es sich um große Saugnapfspuren handelte.

„Ich dachte nur: Heilige Scheiße!“, sagt Verbeck, der das Foto auf Facebook postete.

An der Seite eines etwa zwei Meter langen Weißspitzen-Hochseehais befinden sich golfballgroße Abdrücke von Saugnäpfen. Sie zeugen anscheinend von einer Begegnung mit einem Riesenkalmar, der in den Tiefen des Pazifiks lebt.

Bild Deron Verbeck

Dort entdeckte es auch der Hai-Ökologe Yannis Papastamatiou von der Florida International University in Miami und kontaktierte Verbeck sofort.

„Er sagte mir, ich solle das Foto sofort offline nehmen, weil sowas noch nie zuvor jemand gesehen hätte“, erinnert sich Verbeck.

Papastamatiou und seine Kollegen beschrieben die augenscheinliche Interaktion und veröffentlichten ihre Arbeit im „Journal of Fish Biology“. Sie können nicht sagen, welche Art von Riesenkalmar die Narben hinterlassen hat. Es gibt mehrere Arten, die groß genug sind, um dafür infrage zu kommen – aber „es muss ein ziemlich großer gewesen sein“, ist sich Papastamatiou sicher.

Galerie: Imagewandel für Haie: Liebeserklärung eines Fotografen

Solche Entdeckungen sind besonders nützlich für die Schutzkonzepte für Weißspitzen-Hochseehaie, die aufgrund der kommerziellen Fischerei und dem Handel mit Haifischflossen vom Aussterben bedroht sind. Wenn Wissenschaftler beispielsweise herausfinden, dass diese Haie in größeren Tiefen jagen als gedacht, können sie politische Entscheidungsträger besser zu den Ausmaßen von Schutzgebieten beraten.

Ungeahnte Kämpfe in der Tiefe

Papastamatiou warnt jedoch davor, zu viele Schlüsse aus einem Foto zu ziehen. „Ich bereue sehr, dass wir nie sehen werden, was da passiert ist“, sagt er.

Womöglich kam es zu einer Auseinandersetzung, als die beiden Raubtiere sich zufällig begegneten. Allerdings hält er es für wahrscheinlicher, dass der Hai den Kalmar verfolgte – womöglich, um ihn zu fressen.

Weißspitzen-Hochseehaie sind keine wählerischen Esser und machen Jagd auf eine ganze Reihe unterschiedlicher Fisch- und Kalmararten. Obwohl sie in der Lage sind, in größere Tiefen abzutauchen, jagen sie meist in der Nähe der Wasseroberfläche.

Es lässt sich nicht ganz ausschließlich, dass der Riesenkalmar den Kampf initiierte. Allerdings hat die Co-Autorin Heather Bracken-Grissom noch nie von einem Fall gehört, bei dem ein Kalmar Jagd auf einen Hai machte. Die Biologin arbeitet an der Florida International University.

„Es ist wahrscheinlicher, dass der Kalmar von dem Hai angegriffen wurde und sich gewehrt hat“, schrieb sie in einer E-Mail. Anhand der Saugnapfspuren auf dem Hai vermutet sie, dass der Körper des Kalmars mindestens einen Meter lang war. Zusammen mit seinen Fangarmen könnte er es auf etwa acht Meter gebracht haben. Die weißen Narben stammen vermutlich von kleineren Saugnäpfen am Ende der Arme.

Die Doktorandin und Meereswissenschaftlerin Grace Casselberry von der University of Massachusetts Amherst war an der Studie nicht beteiligt. Sie erzählt, dass auch sie noch nie zuvor von einer solchen Begegnung zwischen einem Hai und einem Riesenkalmar gehört hat – geschweige denn, dass sie solchen Narben an einem Hai gesehen hätte.

Prinzipiell sind Haie mit Narben natürlich nichts Ungewöhnliches, „aber es kommt nicht oft vor, dass man darauf schließen kann, wie sie entstanden sind“, sagt sie. „Es ist wirklich cool, dass man diese Interaktion einzig durch die Spuren auf der Haut dokumentieren kann.“

Calamari im „Haicafé“

Die Studie könnte eventuell auch Licht in andere Hai-Mysterien bringen.

Die Forscherin Shaili Johri von der Hopkins Marine Station der Stanford University in Kalifornien fragt sich schon lange, warum Weiße Haie einen scheinbar leeren Teil des Ozeans frequentieren, den sie und ihre Kollegen als „Haicafé“ bezeichnen.

Laut einer ihrer Theorien machen die Haie in der Tiefe womöglich Jagd auf Riesenkalmare.

„Diese Erkenntnis über Weißspitzen-Hochseehaien ist wirklich bedeutsam und passt zu unserer Vermutung über die Weißen Haie“, sagt Johri.

Begegnung mit einem Riesenkalmar
Am 25. Juni 2019 filmten NOAA-Wissenschaftler einen lebenden 3 bis 3,5 m langen Riesenkalmar (Architeuthis dux) in der Wildnis. Es sind die ersten Aufnahmen dieser Art aus US-Gewässern.

Sie glaubt, dass eine DNA-Analyse von Wasserproben offenbaren könnte, welche Tiere in dem Bereich vor Hawaii leben oder ihn durchquerten. So ließe sich herausfinden, welche Art von Kalmar in diesem Teil des Meeres lebt und womöglich an der Auseinandersetzung mit dem Hai beteiligt war.

Die Begegnung zwischen den beiden Meerestieren verdeutlicht, „wie dreidimensional der Ozean ist“, sagte Casselberry. „Wir denken nicht immer daran, wie Arten in unterschiedlichen Meerestiefen miteinander interagieren.“

Tiere in der Nähe der Oberfläche oder in der Tiefsee galten einst als relativ isoliert voneinander. Sie könnten allerdings Beziehungen pflegen, die uns bislang unbekannt sind, glaubt auch Papastamatiou.

Solche unerwarteten Begegnungen zwischen Meerestieren können verdeutlichen, wie die Nahrungsnetze des Meeres miteinander verwoben sind. Letztendlich helfen diese Erkenntnisse auch dabei, die Meeresökosysteme besser zu schützen.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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