Es ist noch nicht zu spät, um die größte Eule der Welt zu retten

Der Riesen-Fischuhu lebt in den alten Primärwäldern im Osten Russlands, doch seine Lebensweise wird durch Holzernte und Klimawandel gefährdet.

Von Jon Letman
Veröffentlicht am 12. Feb. 2021, 15:00 MEZ
Riesen-Fischuhu

Ein weiblicher Riesen-Fischuhu blickt im März 2008 kurz vor seinem Abflug aufmerksam umher.

Bild JONATHAN C. SLAGHT

Rada Surmach saß regungslos auf einem umgestürzten Baumstamm und lauschte angestrengt auf das klagende Echo der nistenden Eulen, tief im Tal des Flusses Tunscha im Osten Russlands.

In der Dämmerung hörte sie es endlich: Das Duett der Riesen-Fischuhus, einer vom Aussterben bedrohten Spezies. Mit einer Flügelspannweite von 1,80 Metern ist sie die größte Eule der Welt.

Diese unheimlichen Duette, die bei Eulenarten selten sind, festigen die Paarbindung. Es ist, als ob das Männchen seiner Partnerin zuruft: „Ich bin hier!“, worauf das Weibchen in einem tieferen Ton antwortet: „Ich bin auch hier!“

Tanzen Fuchs und Schneeeule hier zusammen?
Es wirkt ein bisschen so, als würden diese Schneeeule und der Polarfuchs miteinander spielen.

Hoch in den Baumkronen singen die Fischuhu-Paare ein vierstimmiges Duett von synchronisierten Rufen, das bis zu zwei Stunden dauern kann. Diese Raubvögel, die für ihre intensiven gelben Augen und auffälligen Ohrbüschel bekannt sind, nisten in Höhlen alter Bäume in den bewaldeten Flusstälern des russischen Ostens, wo boreale und gemäßigte Regenwälder auf das Japanische Meer und das Ochotskische Meer treffen.

Es werden zwei Unterarten des Riesen-Fischuhus anerkannt, der nach dem englischen Naturforscher Thomas W. Blakiston aus dem 19. Jahrhundert benannt wurde: Bubo blakistoni doerriesi, die auf dem russischen Festland und wahrscheinlich im Nordosten Chinas vorkommt, und Bubo blakistoni blakistoni, die im japanischen Hokkaido und auf den südlichen Kurilen Russlands lebt.

In Hokkaido legen die Menschen Futter für die Riesen-Fischuhus aus und kümmern sich um ihre Populationen. In der russischen Provinz Primorje sind die verbleibenden Paare – weniger als 200 – hingegen noch wirklich wild. Die weltweite Population der Uhus wird auf 1.000 bis 1.900 Individuen geschätzt.

Rada Surmach ist eine Doktorandin und Forscherin am Föderalen Wissenschaftlichen Zentrum der terrestrischen Biodiversität Ostasiens in Wladiwostok. Sie hat einen langfristigen Plan zum Erhalt der Art erstellt, der auch die Züchtung des Fischuhus in Gefangenschaft einschließt. Ziel ist es, die Tiere im Leopardenland-Nationalpark im südlichen Primorje wiederanzusiedeln – eine Region, in der der Fischuhu einst lebte.

Surmach glaubt, dass der beeindruckende Greifvogel das Potenzial hat, als Vorzeigetierart das öffentliche Bewusstsein für den Artenschutz zu schärfen – ähnlich wie es der Sibirische Tiger oder der Amurtiger tun.

„Jedes Mal, wenn ich erkläre, dass das die größte Eule der Welt ist und sie in unserem Wald lebt, sind die Leute richtig begeistert.“

Verheerende Stürme und schlechtes Frosch-Timing

Die Uhus sind vor allem zwei Bedrohungen ausgesetzt: dem Verlust von Lebensraum und den Auswirkungen des Klimawandels.

Getreu ihrem Namen jagen die Riesen-Fischuhus im Winter in eisigen Flüssen nach Lachsen, Forellen und Neunaugen. Im Frühling fügt der männliche Fischuhu Amphibien zum Speiseplan hinzu, um seine Partnerin und ihr einziges flauschiges Küken zu füttern.

Doch durch den Klimawandel könnte sich der Frühlingsbeginn verschieben, sodass Frösche zu früh oder zu spät aktiv werden, um die hungrigen Küken der Fischuhus zu ernähren, sagt der Wildtierbiologe Jonathan C. Slaght, Koordinator der Wildlife Conservation Society für Russland und Nordostasien. Die Folgen einer solchen Verschiebung könnten katastrophal sein: Uhuküken könnten verhungern und die Population noch weiter schrumpfen, sagt Slaght. Er veröffentlichte ein Buch über die Riesen-Fischuhus in der Hoffnung, das öffentliche Interesse an dieser einzigartigen Art zu wecken.

 

Da die Temperaturen der Meeresoberfläche im nordwestlichen Pazifik steigen, haben in den letzten Jahren auch zunehmend zerstörerische Stürme und Taifune Primorje heimgesucht. Diese Naturgewalten sind eine weitere potenzielle Bedrohung für die Nistplätze und den Lebensraum der Uhus, sagt Slaght. Im Jahr 2016 verursachte der Taifun Lionrock massive Schäden an alten Primärwäldern, indem er mächtige Ulmen, Weiden und Kiefern umriss und nichts als ausgewaschenen Kies am Flussufer zurückließ.

Holzernte gefährdet den Riesen-Fischuhu

Das bei weitem größte Problem für die Fischuhus von Primorje sind laut Slaght mittlerweile die Holzabfuhrstraßen. Diese Straßen werden zwar legal gebaut, aber seit den 1980ern ist ihre Zahl um mehr als das 17-fache gestiegen. Obwohl Fischuhus meist in hohen, toten Bäumen nisten, die keinen kommerziellen Wert haben, ermöglichen Holzabfuhrstraßen auch Wilderern, illegalen Holzfällern und Pinienkernsammlern den Zugang zu entlegeneren Teilen des Waldes.

Solche Eindringlinge können eine ernsthafte Bedrohung für Fischuhus und andere gefährdete Arten darstellen, wenn sie beispielsweise Tiere überfahren oder unbeabsichtigt Waldbrände verursachen.

Darüber hinaus fällen Holzfäller oft alte Bäume, die von nistenden Fischuhus bevorzugt werden, um behelfsmäßige Brücken durch den Wald zu bauen. Um die Holzfirmen zu ermutigen, andere Alternativen zu finden, haben Slaght und Sergey Surmach – der Vater von Rada Surmach, der seit drei Jahrzehnten Fischuhus studiert – 2010 eine fünfjährige Studie über den Lebensraum der Riesen-Fischuhus abgeschlossen.

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Die Wissenschaftler rieten den Abholzungsunternehmen, bestimmte Baumarten in Primärwäldern wie Ulme, Chosenia und Pappel zu meiden. Stattdessen sollten sie häufiger vorkommende Bäume ernten, die von Fischuhus nicht genutzt werden, wie Dahurische Lärchen und Espen. Sie drängten die Holzfäller auch dazu, ungenutzte Straßen zu sperren, um illegale Holzfäller und Wilderer fernzuhalten. Selbst wenn die Straßen nicht dauerhaft blockiert werden, verschaffen solche Sperrungen den Wildtieren zumindest eine Atempause, sagt Slaght.

TerneyLes, das größte in Primorje tätige Holzfällerunternehmen, reagierte nicht auf zwei E-Mail-Anfragen nach einem Kommentar zu seiner Rolle beim Schutz der Uhus.

Nachzucht und Schutzprogramme

Aber es gibt auch Gutes zu berichten: Naturschützer sagen, dass Primorje bereits etwa 28 Millionen Quadratkilometer – oder 17 Prozent – seiner gesamten Landmasse geschützt hat, entweder in föderalen oder lokalen Schutzgebieten. Allein in den letzten 15 Jahren hat die Provinz vier neue Schutzgebiete mit einer Gesamtfläche von etwa 16.000 Quadratkilometern etabliert.

Die Provinzregierung blickt außerdem auf eine lange Geschichte des Umweltschutzes und der Zusammenarbeit mit Naturschützern zurück, insbesondere in Bezug auf Sibirische Tiger und Amurleoparden, sagt Victor Bardyuk, der Direktor des Leopardenland-Nationalparks.

„Die Erhaltung dieser Tiere, einschließlich des Riesen-Fischuhus, ist ein anschauliches Beispiel für die Einstellung der Menschen zur Natur und die effektive Arbeit des Staates zu ihrem Erhalt“, sagt Bardyuk.

Ein Riesen-Fischuhu der Unterart Bubo blakistoni blakistoni fliegt in der Nähe von Rausu in Japan.

Bild MARIO NONAKA

Er fügt hinzu, dass Abholzungsverbote in „hochrangigen Schutzgebieten“, die Festlegung von Quoten für die Holzernte und die Satellitenüberwachung von Abholzungsaktivitäten dazu beigetragen haben, den vom Aussterben bedrohten Amurleoparden zu schützen. Von dieser Art gibt es in der Wildnis nur noch etwa 100 Exemplare.

Swetlana Soutyrina ist die Direktorin des Biosphärenreservats Sikhote-Alin, dem größten Schutzgebiet in Primorje. Sie sagt, dass ihr Reservat in den letzten Jahren den illegalen Holzhandel und die Wilderei besser unter Kontrolle gebracht hat. Und das Engagement von gemeinnützigen Organisationen wie der Wildlife Conservation Society, dem WWF Russland und dem Amur Tiger Center haben die Bedingungen für die Wildtiere der Region verbessert – auch für den Fischuhu.

Obwohl das noch Jahre in der Zukunft liegt, hoffen Rada Surmach und ihre Kollegen, ein Zuchtprogramm für die Uhus zu starten. So könnten sie eine Reservepopulation schaffen, die eines Tages in die Wildnis entlassen werden könnte. Im Jahr 2018 startete der Moskauer Zoo ein Zuchtprogramm für den Riesen-Fischuhu, das derzeit aus zwei Weibchen der Unterart B. b. blakistoni besteht – eines in Moskau und ein weiteres im Zoo auf der Insel Sachalin.

Die Könige des Waldes

Solche Bemühungen kommen nicht nur den Fischuhus zugute: Lebensräume, die wild genug bleiben, um dem Vogel als Lebensraum zu dienen, erfüllen mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Bedürfnisse unzähliger Lebewesen, darunter Buntmarder, Rotwild, Baunbären, Elche, Eurasische Luchse und viele mehr, sagen Naturschützer.

„Primorje ist ein Ort, an dem es noch Wildnis gibt“, sagt Slaght. „Dort gibt es etwas, das es wert ist, geschützt zu werden – und das kann gelingen.“

Rada Surmach erinnert sich noch an ihre erste Begegnung mit Fischuhus in freier Wildbahn. Es sei gewesen, als hätte sie Tigerspuren im Schnee entdeckt.

„Man begreift, dass man nicht allein in diesem Wald ist. Es gibt wilde Tiere um einen herum“, sagt sie. „Es ist ihr Wald, und sie herrschen hier.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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