Thailand: Affen schuften für die Kokosernte

Schon 2020 veröffentlichte PETA einen Bericht über das Leid der Ernte-Affen, die den weltweiten Hunger nach Kokosprodukten stillen. Nun zeigte eine Folgeuntersuchung, dass sich in Thailand seither wenig geändert hat.

Veröffentlicht am 24. Feb. 2021, 15:20 MEZ, Aktualisiert am 24. Feb. 2021, 16:22 MEZ
Schweinsaffe

Schweinsaffen werden auf Farmen in Südthailand darauf trainiert, auf Bäume zu klettern und Kokosnüsse zu pflücken. Wenn sie nicht arbeiten, werden sie oft in Ketten gehalten.

Bild Dukas Presseagentur GmbH / Alamy Stock Foto

Bauern in Thailand setzen immer noch Affen als Arbeitskräfte ein, um den internationalen Markt mit Kokosnüssen zu beliefern. Das geht aus neuen Informationen des Asien-Zweiges von People for the Ethical Treatment of Animals (PETA) hervor. 

Das Statement erfolgte rund sechs Monate, nachdem die Tierrechtsorganisation die Ergebnisse einer verdeckten Untersuchung aus dem Jahr 2019 veröffentlicht hat. Der Bericht veranlasste Hersteller von Kokosprodukten, Supermarktketten und die thailändische Regierung zu Zusicherungen, dass Affen nicht mehr zur Ernte von Kokosnüssen gezwungen würden.

Thailand ist der weltweit drittgrößte Exporteur von Kokosnüssen, nach Indonesien und den Philippinen. 2019 lieferte die Nation mehr als 500.000 Tonnen in die ganze Welt. Die Beliebtheit von Kokosmilch als Alternative zu Milchprodukten ist in den letzten fünf Jahren stetig gewachsen, sagt Avinash Desamangalam, der Forschungsleiter bei Mordor Intelligence. Das Unternehmen mit Sitz in Indien erforscht den Markt für Alternativen zu Milchprodukten. Er sagt, dass sich die Wachstumsrate der Branche in den nächsten fünf Jahren fast verdoppeln soll.

Babyfieber bei den Goldstumpfnasen
Es ist Frühling – und alle Tanten der Affenfamilie lassen nichts unversucht, um mit der Erstgeborenen zu kuscheln.

Doch seit PETAs erster Untersuchung haben einige Einzelhändler bei Produkten auf Kokosnussbasis einen Umsatzrückgang von bis zu 30 Prozent gemeldet, sagt Desamangalam. In der Zwischenzeit haben Unternehmen wie Target und Costco angekündigt, dass sie keine Produkte von Unternehmen mehr führen, die Affen zur Arbeit einsetzen.

„Es gibt hier ein Paradoxon“, sagt Desamangalam. Die Verbraucher erwarten, dass für Kokosmilch kein Tierleid verursacht wird, da sie nicht von Tieren stammt. Aber in Wirklichkeit „steckt eine Menge Grausamkeit im Hinblick auf die Affenarbeit darin“.

PETA hat dokumentiert, wie Schweinsaffen trainiert werden – mitunter in „Affenschulen“ –, um auf Bäume zu klettern und Kokosnüsse zu pflücken. Wenn die Affen gerade nicht arbeiten, werden sie oft angekettet und in Käfigen transportiert, die zu klein sind, um sich darin umzudrehen, wie in den PETA-Aufnahmen zu sehen ist. Viele wurden wahrscheinlich als Babys illegal in der Wildnis gefangen, sagt PETA. Die Ermittler der Organisation fanden die Affen allein und verzweifelt vor: Sie schrien und liefen ruhelos umher – ein Zeichen von Angst. Einigen fehlten die Eckzähne. Sie wurden entfernt, damit die Tierpfleger nicht verletzt werden können, erklärten die Bauern gegenüber PETA.

PETA „hat Recht, wenn sie behaupten, dass sich seit ihrer ersten Untersuchung nichts geändert hat“, sagt Edwin Wiek, ein Tierschutzberater des thailändischen Parlaments. Wiek, ist auch der Direktor und Gründer der Wildlife Friends Foundation, einer Auffangstation für Wildtiere. Er schätzt, dass bis zu 3.000 Affen auf Kokosnussfarmen im Süden Thailands eingesetzt werden, der Hauptlieferregion für die Kokosmilchindustrie.

Schweinsaffen sind in Thailand eigentlich gesetzlich geschützt. Ihr Besitz ist illegal – es sei denn, sie werden in Gefangenschaft gezüchtet. Wer dagegen verstößt, kann zu einer Geldstrafe oder zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt werden. Allerdings wurde eine solche Strafe noch nie verhängt, sagt Wiek. Er glaubt, dass etwa die Hälfte der Affen, die von Kokosnussbauern eingesetzt werden, aus der Wildnis gefangen wurde und daher illegal gehalten wird.  

Einige Kokosnussbauern erzählten den Ermittlern, dass die Inspektoren ihre Besuche im Voraus ankündigen würden oder dass die Affen außerhalb des Betriebsgeländes gehalten würden.

Bild Pius Koller, Getty

Nach PETAs Untersuchung, die im letzten Sommer veröffentlicht wurde, entfernte die Tourismus-Website der thailändischen Regierung Seiten, die für Affenschulen werben. Ansonsten unternahm sie aber „keine bedeutenden Schritte“, um die Affenarbeit zu beenden, so Jason Baker, der Senior-Vizepräsident von PETA Asia, der beide Untersuchungen leitete. Einige Regierungsabteilungen behaupten, dass Affen nicht für die Kokosnussernte eingesetzt werden, andere sagen, dass sie daran arbeiten, die Affenarbeit abzuschaffen, und wieder andere sagen, dass der Einsatz von Affen zum Pflücken von Kokosnüssen Teil der Kultur ist, so Baker.

Vertreter des thailändischen Ministeriums für Nationalparks, Wildtier- und Pflanzenschutz und des Handelsministeriums reagierten nicht auf Anfragen nach einem Kommentar bezüglich PETAs Behauptungen und der Reaktionen der Regierung.

Tierschutzgesetze greifen nicht

Nach den Anschuldigungen von PETA im letzten Sommer schickten mehrere Hersteller von Kokosnussprodukten, darunter auch der große Hersteller Chaokoh, freiwillig Inspektoren zu den Farmen ihrer Lieferanten.

Während einer unabhängigen Prüfung behauptete Chaokoh, keine Beweise für Affenarbeit gefunden zu haben. Aber laut der Einschätzung der Prüfer besuchten die Inspektoren nur 64 Farmen – weniger als 8 Prozent der 817, die ihre Kokosnüsse liefern. Das sei „erbärmlich“, sagt Baker. 

Selbst wenn sie Affenarbeit gemeldet hätten, so gelten Thailands Tierschutzgesetze nur für Haustiere, sagt Wiek. „Wir haben wenig bis gar keine Möglichkeit, gegen Leute vorzugehen, die [Wildtiere] misshandeln.“

Während der zweiten PETA-Untersuchung wurden 14 Kokosnussfarmen, zwei Affenschulen und ein Kokosnusspflückwettbewerb besucht. Dabei erzählten einige Bauern den Ermittlern, dass die Chaokoh-Inspektoren ihre Besuche im Voraus ankündigen würden, damit die Affen versteckt werden könnten. Andere Bauern erzählten, dass sie ihre Affen außerhalb des Geländes halten, bis sie sie brauchen. Das macht es weniger wahrscheinlich, dass die Affen überhaupt anwesend sind, wenn die Inspektoren kommen.

Chaokoh antwortete nicht auf die Bitte um einen Kommentar zu den Inspektionen seiner Kokosnusslieferanten. Aber in einer Erklärung, die am 10. Juli 2020 in den sozialen Medien geteilt wurde, schrieb das Unternehmen: „Wir und unsere Partner unterstützen den Einsatz von Affenarbeit bei der Ernte von Kokosnüssen nicht.“ Es sagte auch, dass von nun an Inspektionen für alle seine Lieferanten verpflichtend sein würden.

Sofern Kokosnussproduzenten und Hersteller von Kokosprodukten die Affenarbeit nicht beenden, könnten Verbraucher und größere Einzelhändler einen Wandel erzwingen, sagt Desamangalam. Er rechnet damit, dass vor allem westliche Kunden auf milchfreie Alternativen zu Kokosmilch umsteigen werden, beispielsweise Soja- oder Mandelmilch. 

„Unsinn“, sagen die Affenschulen

„Fast der gesamte ursprüngliche PETA-Artikel ist Unsinn“, schrieb Arjen Schroevers in einer E-Mail. Seine Frau, Somjai Saekhow, ist die Inhaberin der First Monkey School im Süden Thailands.

Schroevers, der PETA als „militante Veganer-Organisation“ bezeichnet, sagte, die Affen würden sich darüber freuen, trainiert zu werden. „Sie genießen die Aufmerksamkeit und sie arbeiten gerne. Es ist absolut keine Gewalt oder Nötigung im Spiel. Die vielen Affenbesitzer, die wir kennen, arbeiten alle sehr ruhig mit ihren Affen. Kein Schreien, keine Schläge.“

“Ich möchte, dass jeder auch über das Leben dieser Affen nachdenkt – nicht nur über die Tatsache, dass sie eine Kokosnuss pflücken ”

von JASON BAKER, SENIOR-VIZEPRÄSIDENT VON PETA ASIA

Schroevers bestritt, dass den Affen die Zähne entfernt werden. Außerdem würden die Tiere zu ihrer Sicherheit in engen Käfigen transportiert, sagt er. Zu PETAs Videoaufnahmen erklärte er, dass die Affen ängstlich werden, wenn sich Fremde mit Kameras nähern. Das „macht es sehr einfach, Bilder von verängstigten Affen zu machen“.

Unter anderem besuchte PETA die First Monkey School, die Affen zum Pflücken von Kokosnüssen ausbildet. Gegen eine Gebühr von 150 Baht (etwa 5 Dollar) dürfen auch Besucher die Schule besichtigen. Die Ermittler dokumentierten dort angekettete Affen, die für Touristen eine Vorführung abhielten; Affen, die auf Bäume kletterten, um vor den Augen von Menschenmassen Kokosnüsse zu pflücken; und einen Affen, der mit Touristen auf einem Motorroller fuhr.

Es sei falsch, Affen dazu zu bringen, Kokosnüsse zu pflücken, sagt Baker. Aber noch schlimmer ist „die Einsamkeit und die Abgeschiedenheit, die diese Tiere erleben und die sie die ganze Zeit durchmachen“. Er nennt es eine „mentale Folter“ für die Tiere, wenn sie in der Wildnis von ihren Familien getrennt werden, extremen Wetterbedingungen ausgesetzt sind und alleine gehalten werden, ohne Sozialisierung. Studien zeigen, dass Makaken – wie auch andere Primaten – soziale Tiere sind, die die Gesellschaft ihrer Artgenossen brauchen.

„Ich möchte, dass jeder auch über das Leben dieser Affen nachdenkt – nicht nur über die Tatsache, dass sie eine Kokosnuss pflücken“, sagt er.

Lange Wartelisten bei den Rettungsstationen

Nach den Enthüllungen über die Affenarbeit und durch die finanzielle Not, die durch die Coronavirus-Pandemie verursacht wurde, haben einige Kokosnusszüchter ihre Affen abgegeben – entweder an staatliche Zentren oder an die Wildlife Friends Foundation von Wiek.

In den letzten Monaten hat die Auffangstation – die bereits fast 300 Makaken beherbergt, von denen mehr als 40 aus Kokosnussfarmen gerettet wurden – vier weitere Tiere aufgenommen, und ein weiterer Neuzugang wird bald erwartet. Noch mehr Affen stehen auf der Warteliste, aber aufgrund von pandemiebedingten Finanzierungsengpässen kann die Auffangstation sie derzeit nicht aufnehmen, sagt Wiek.

Während vor 15 Jahren noch bis zu 15.000 Affen auf Kokosnussfarmen arbeiteten, sind es heute nur noch etwa 3.000.

Bild Henry Ausloos, Alamy Stock Photo

Wiek befürchtet, dass einige Kokosnusszüchter nervös wurden und die Affen in die freie Wildbahn entlassen haben. Nach einem Leben in Gefangenschaft haben sie dort aber schlechte Überlebenschancen.

Seine vier neuesten geretteten Affen kommen von Personen, die sie zum Ernten von Kokosnüssen für den Eigenbedarf verwendeten. Zwei von ihnen waren noch sehr jung und wahrscheinlich noch nicht darauf trainiert, Kokosnüsse zu pflücken. Aber die anderen beiden – Saen und Mhuen – waren älter und „in einem schlechten Zustand“, so Wiek.

Als er sie abholen wollte, fand er sie an einen Pfosten gekettet, ohne Schutz vor Regen oder Sonne – und sie hatten kein Trinkwasser. Außerdem fehlten ihnen ihre Eckzähne, sagt Wiek, und Saen hatte einen Eingeweidebruch, der sofort behandelt werden musste.

Mittlerweile gewöhnen sie sich gut an ihr neues Leben, genießen eine gesündere Ernährung – Obst und Gemüse statt Hühner- und Reisresten – und interagieren mit den anderen Affen. Nach einem Leben, in dem sie allein und angekettet waren, ist es ein „Kulturschock“, sagt Wiek. Aber Saen sei „ein extrem freundlicher Kerl“.

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Die thailändische Praxis, Affen für das Pflücken von Kokosnüssen einzusetzen, stirbt langsam aus, so Wiek. Wie beim Elefantenreiten und Stierkämpfen beginnen die Menschen, alte kulturelle Praktiken zu überdenken, die mit Tierleid verbunden sind. Er schätzt, dass vor 15 Jahren bis zu 15.000 Affen auf Kokosnussfarmen arbeiteten, während es heute eher um die 3.000 sind.

Um diese Zahl noch weiter zu senken, hat Kent Stein, PETAs Beauftragter für Unternehmensverantwortung, einen Vorschlag: Die thailändische Regierung könnte den Kauf von Geräten zur Kokosnussernte subventionieren, sodass Bauern und angeheuerte Arbeiter die Arbeit einfach selbst erledigen könnten.

Wenn Thailands Kokosnussproduzenten und -exporteure überleben wollen, so Desamangalam, muss die Regierung ein zuverlässiges System für die unabhängige Prüfung von Kokosnussfarmen einführen. Nur so kann sie sicherzustellen, dass keine Affen für die Arbeit eingesetzt werden. Vergleichbare Qualitätskontrollverfahren und Vorschriften gelten auch für Bio-Farmen. Er räumt ein, dass die Erntekosten dadurch steigen werden, aber die Verbraucher seien bereit, mehr für Produkte zu zahlen, bei deren Erzeugung keine Tiere leiden mussten.

„Es ist für alle Beteiligten sinnvoll, die Affenarbeit komplett zu eliminieren“, sagt Desamangalam.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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