Liger, Zorse und Pizzly: Kuriose Hybride in der Tierwelt

Ungewöhnliche Kreuzungen sind in der Natur keineswegs eine Seltenheit. Doch wer kann sich mit wem fortpflanzen und warum sind Hybrid-Tiere für die Evolutionsforschung so interessant?

Von Jason Bittel
Veröffentlicht am 14. Okt. 2022, 08:33 MESZ
Weil sich die Territorien von Eis- und Grizzlybären aufgrund der Erderwärmung zunehmend überschneiden, könnte es in ...

Weil sich die Territorien von Eis- und Grizzlybären aufgrund der Erderwärmung zunehmend überschneiden, könnte es in Zukunft mehr Pizzlys geben.

Foto von Philippe Clement, Arterra, Universal Images Group, Getty

Im Sommer des Jahres 2020 wurde im US-Bundesstaat Pennsylvania ein Tier entdeckt, das zuvor noch nie jemand gesehen hatte: Ein Vogel, der wie ein Rosenbrust-Kernknacker aussah, aber sang wie ein Scharlachtangar. Ergebnis einer eingehenden Untersuchung war, dass es sich bei dem Tier um einen Hybrid handelt: Das Ergebnis der erfolgreichen Paarung zweier verschiedener Spezies.

„Als ich das sah, sagte ich nur ‚Oh Gott!‘“, erinnert sich Bob Mulvihill, Ornithologe der National Aviary in Pittsburgh. Er war es, der den Vogel gefangen und ihm eine Blutprobe für die Genanalyse entnommen hatte.

Im Vergleich zu bekannten Tier-Hybriden wie dem Maultier – einer Kreuzung aus Hauspferdstute und Hauseselhengst – ist die Entdeckung in Pittsburgh aufgrund der verschiedenartigen Färbung der Elternspezies sehr viel ungewöhnlicher. Rosenbrust-Kernknacker sind schwarz-weiß und haben einen roten Fleck auf ihrer Brust. Das Gefieder des Scharlachtangars hingegen ist leuchtend orange und schwarz.

Erst seit dem Jahr 2020 ist die Kreuzung aus Rosenbrust-Kernknacker und Scharlachtangar bekannt. Das Exemplar auf diesem Bild wurde im Columbus Zoo in Delaware, Ohio, fotografiert.

Die beiden Vogelarten sind nicht sonderlich eng miteinander verwandt. Bob Mulvihill vermutet, dass sich die Spezies auf dem Evolutionsbaum vor über 10 Millionen Jahren voneinander trennten. Rätselhaft ist, warum es bis zu diesem Zeitpunkt keine anderen Hinweise auf diese Kreuzung gab. Denn eigentlich ist sie naheliegend, teilen sich die Spezies doch an vielen Orten Nordamerikas ihren Lebensraum.

Seit es möglich ist, das Genom zu sequenzieren und Genanalysen durchzuführen, haben Hybrid-Tiere an Relevanz gewonnen, denn ihre Erforschung könnte wichtige Hinweise zur Lösung der großen Geheimnisse der Evolution liefern.

Erst kürzlich konnte wissenschaftlich belegt werden, dass es auf dem amerikanischen Kontinent sieben verschiedene Skunkarten gibt – darunter der hier abgebildete Östliche Fleckenskunk.

Was sind Hybrid-Tiere?

Laut Erica Larson, Evolutionsbiologin an der University of Denver, Texas, ist ein Hybrid-Tier genetisch betrachtet das Ergebnis der erfolgreichen Paarung zwischen Angehörigen zweier divergenter Linien.

Demnach müssen die Eltern eines Hybridtiers nicht zwingend verschiedenen Spezies zuordenbar sein. Kreuzungen entstehen auch dann, wenn sich zwei Tiere aus verschiedenen Unterarten oder aus verschiedenen Populationen derselben Tierart, die sich aber durch bestimmte Merkmale voneinander unterscheiden, erfolgreich paaren.

„Solche Unterschiede könnten verschiedene Paarungszeiten sein oder Unterschiede im Verhalten, die es unwahrscheinlich machen, dass Angehörige verschiedener Populationen sich miteinander paaren“, erklärt Larson. „Kommt es aber trotzdem zu einer Paarung, kann dadurch ein Hybrid-Tier entstehen, das völlig gesund und lebensfähig ist.“

Das trifft zum Beispiel auf den Fleckenskunk zu. Vor Kurzem gelang es Wissenschaftlern, die Tierart in sieben verschiedene Spezies zu unterteilen, die teilweise identisch aussehen und in denselben Gebieten leben, sich jedoch zu vollkommen unterschiedlichen Zeiten paaren.

„Ein anderes wunderbares Beispiel ist die Koralle“, sagt Larson. „Viele Korallenarten verteilen ihre Gameten zu einer bestimmten Zeit im Jahr. Weil sie sich alle am selben Ort befinden, wäre es eigentlich wahrscheinlich, dass dabei Hybride entstehen.“ Doch weil verschiedene Arten mit einer Zeitverzögerung von Stunden oder Tagen zueinander ablaichen, geschehe dies kaum. Anders sei das in Gefangenschaft oder unter Laborbedingungen, wo solche natürlichen Hindernisse nicht bestehen oder umgangen werden können.

Der Liger – hier ein Exemplar aus dem Taman Safari-Park in West Java, Indonesien – ist das Ergebnis der erfolgreichen Paarung eines männlichen Löwen mit einem weiblichen Tiger.

Welche Tierarten können hybridisieren?

Eines der bekanntesten Beispiele für ein Hybrid-Tier ist der sogenannte Liger, eine Kreuzung aus männlichem Löwen und weiblichem Tiger. Während dieser eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, haben nur die wenigsten Menschen bisher etwas vom Tigon gehört, dem Nachwuchs einer Löwin und eines männlichen Tigers.

Weil die Reviere von wilden Löwen und Tigern kaum Berührungspunkte haben, sind beide Hybridformen in der Natur höchst unwahrscheinlich. Aus demselben Grund sind auch Camas so selten, eine Kreuzung aus Lama und Dromedar: Unter natürlichen Umständen ist es ausgeschlossen, dass die beiden Spezies sich begegnen, weil sie auf unterschiedlichen Seiten des Atlantiks beheimatet sind. In Gefangenschaft ist es Wissenschaftlern aber gelungen, die Tierarten erfolgreich miteinander zu verpaaren.

Equidae, also Tiere aus der Familie der Pferde, bringen besonders häufig Hybride hervor. Neben den Maultieren gibt es zum Beispiel auch das Zorse – Kofferwort aus Zebra und horse, dem englischen Wort für Pferd – und einige andere Hybridformen.

Im Jahr 2019 gelang es Wissenschaftlern nachzuweisen, dass Narwale sich manchmal mit Belugawalen fortpflanzen. Das Ergebnis: der Narluga. Außerdem gab es bisher mindestens 20 Berichte von Hybriden verschiedener Delfin- und Walarten, die sowohl in Gefangenschaft als auch in freier Wildbahn entstanden.

Nicht nur Säugetiere bringen Hybride hervor. Dokumentiert sind zum Beispiel Kreuzungen zwischen Wald- und Texas-Klapperschlange, Kuba- und Spitzkrokodil, Russischem und Löffelstör sowie Cutthroat und Regenbogenforelle. Auch Insektenarten wie Ameisen, Bienen, Wespen und Termiten verpaaren sich untereinander. Besonders oft und vermutlich sehr viel häufiger als im Tierreich entstehen aber in der Pflanzenwelt Hybridformen.

Eine der bevölkerungsreichsten Hybridspezies, die derzeit auf der Erde lebt, ist der moderne Mensch. In unseren Genen gibt es deutliche Hinweise auf die Kreuzung mit alten Hominini wie dem Neandertaler und dem Denisova-Menschen.

Kamilah, das weltweit zweite weibliche Cama, war das Ergebnis der Kreuzung zwischen einem männlichen Dromedar und einem weiblichen Lama. Dieses Foto aus dem Jahr 2002 zeigt sie neben ihrer Mutter im Camel Reproduction Centre in Dubai.

Foto von Reuters, Alamy

Wie selten sind Tier-Hybride?

Hybrid-Tiere sind zwar ungewöhnlich, vermutlich aber nicht so selten, wie man annehmen könnte.

Bei den Vögeln sind Kreuzungen besonders gut dokumentiert: Von erstaunlichen zehn Prozent der mehr als 10.000 bekannten Arten weiß man, dass sie Hybride hervorbringen. Laut Bob Mulvihill ist das kein Zufall, sondern hängt wohl damit zusammen, dass es so viele Vogelbeobachter gibt, die Fotos von interessanten Sichtungen machen und diese in entsprechenden Foren verbreiten.

„Auch bei Schmetterlingen kommt es häufig zu Kreuzungen“, sagt Mulvihill. Doch anders als bei Vögeln seien die Zeichen der Hybridisierung bei den Insekten nicht so leicht zu erkennen.

Manche Wissenschaftler gehen davon aus, dass es in Zukunft immer mehr Hybrid-Tiere geben wird. Das liegt unter anderem am Klimawandel, der Lebensräume verschiebt. Weil zum Beispiel das arktische Meereis schmilzt, sind Eisbären gezwungen, immer mehr Zeit auf festem Boden zu verbringen. Hier treffen sie auf Braunbären, die wiederum ihre Reviere weiter in den Norden verlegen. Kommt es zu einer Paarung der beiden Spezies, entsteht dabei eine Hybridform mit dem Namen Pizzly – eine Wortschöpfung aus Grizzly und polar bear, dem englischen Wort für Eisbär.

Ein junges Zorse, eine Kreuzung aus männlichem Zebra und weiblichem Pferd, spielt im Jahr 2013 auf einer Weide in Cuchery, Frankreich.

Foto von ALAIN JULIEN, AFP, Getty

Chance für die Evolution oder genetische Katastrophe

Hybridisierung ist nicht prinzipiell problematisch, doch sie kann eine Spezies durchaus schwächen. Liger sind zum Beispiel äußerst anfällig für Krankheiten und haben meist keine hohe Lebenserwartung.

Es ist außerdem möglich, dass die Elternspezies eines Hybrid-Tiers genetische Unterschiede wie zum Beispiel eine unterschiedliche Anzahl von Chromosomen aufweisen. Ist dies der Fall, ist der Nachwuchs meist unfruchtbar, was wiederum den Erfolg der Eltern bei der Verbreitung ihres Genpools mindert. „Sie haben dadurch eine Chance weniger, ihre Gene an zukünftige Generationen weiterzugeben“, erklärt Erica Larson.

Gehört eines der Elternteile oder sogar beide bedrohten Spezies an, ist eine Kreuzung besonders ungünstig, denn die dadurch neu entstandene Genkombination könnte die gefährdete ursprüngliche nach und nach ersetzen. Man spricht in diesem Fall von „genetic swamping“ – einer Gen-Überschwemmung. Dieses Phänomen stellt zum Beispiel für den Rotwolf im Südosten der USA eine große Gefahr dar, in dessen Genpool sich immer mehr Koyotengene mischen.

Doch laut Erica Larson kann Hybridisierung für eine Art auch von Vorteil sein, indem sie zum Beispiel zu einer Immunität gegen Pestizide führt. Wenn durch Kreuzung erworbene Gene sich als nützlich für das Überleben und die Fortpflanzung herausstellen, werden sie in der Population weitergegeben. Wissenschaftler sprechen dann von adaptiver Introgression.

„Meistens ist die Hybridisierung aber weder hilfreich noch schädlich“, sagt Erica Larson. „Häufig passiert nämlich einfach gar nichts.“

Dank großer Fortschritte in der Genforschung ist es Wissenschaftlern heute möglich, das Genom eines Hybrids und den Ursprung der einzelnen Gene zu untersuchen. Dadurch öffnet sich ein Fenster, durch das man der Evolution dabei zusehen kann, wie sie neue Spezies hervorbringt.

„Wenn zwei Spezies, deren Genome sich über hunderte oder tausende von Jahren unabhängig voneinander entwickelt haben, zusammenkommen, sich miteinander paaren und ein Hybrid entsteht“, sagt Erica Larson, „sieht man relativ schnell, was funktioniert und was nicht.“

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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