Menschenaffen: High durch Drehwurm

Primaten wie Gorillas und Schimpansen drehen sich mit Absicht, bis ihnen schwindelig wird. Was diese Beobachtung über die menschliche Suche nach bewusstseinsverändernden Erfahrungen verrät.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 29. März 2023, 09:26 MESZ
Zwei Affen liegen nebeneinander auf dem Gras.

Nach dem Drehen kommt die Trance: Forschende vermuten, dass Menschenaffen im Kreis herumwirbeln, bis ihnen schwindelig wird, um ihr Bewusstsein, ähnlich wie beim Drogenkonsum, zu verändern.

Foto von sandradombrovsky / adobe Stock

Erst plantscht der Gorilla nur ein bisschen im Wasser seines kleinen blauen Schwimmbeckens herum. Dann beginnt er plötzlich, sich zu drehen – so schnell, dass einem beim Zuschauen ganz schwindelig wird. Vor fünf Jahren veröffentlichte der Dallas Zoo im US-Bundesstaat Texas das Video im Internet und erregte damit auch die Aufmerksamkeit von Marcus Pearlman, Sprachwissenschaftler an der University of Birmingham, und Adriano Lameira, Psychologe an der University of Warwick in England.

Fasziniert begannen sie, weitere Aufnahmen dieses Verhaltens bei Menschenaffen zu suchen – und wurden fündig. Ihre Ausbeute: Mehr als 40 Videos von Gorillas, Schimpansen, Bonobos und Orang-Utans, die sich absichtlich einen Drehwurm zufügen.

Die in den Filmen gezeigten Primaten vollführten im Schnitt 5,5 Drehungen hintereinander und erreichten dabei Durchschnittsgeschwindigkeiten von 1,5 Umdrehungen pro Sekunde. Viele nutzen Seile oder Lianen, um sich länger und schneller zu drehen. Ein Durchgang war den meisten nicht genug: Im Schnitt wirbelten sie dreimal hintereinander im Kreis herum, wobei es ihnen zunehmend schwerer fiel, das Gleichgewicht zu halten.

Schwindel – ein gutes Gefühl

„Das Drehen verändert den Bewusstseinszustand“, erklärt Lameira. „Es bringt die Körper-Geist-Reaktion und Koordination durcheinander, sodass man sich krank, benommen oder auch beschwingt fühlt – so wie es zum Beispiel bei Kindern der Fall ist, die Karussell fahren.“

Die Menschenaffen führten den Schwindel ganz klar absichtlich herbei. In ihrer Studie, die in der Zeitschrift Primates erschienen ist, gehen die Forschenden darum der Frage auf den Grund, ob diese Verhaltensweise bereits von unseren menschlichen Vorfahren genutzt wurde, um einen bewusstseinsverändernden Effekt zu erzielen. „Wenn alle Menschenaffen den Schwindel suchen, ist es sehr wahrscheinlich, dass auch die frühen Menschen es getan haben“, so Lameira.

Bei dem Vergleich des Drehverhaltens der Affen mit Aufnahmen menschlicher Tänzer zeigte sich, dass die Geschwindigkeit, mit der sie sich drehen, dem Sema entspricht – einem Tanz, mit dem die Derwische des Mevlevi-Ordens in der Türkei sich durch schnelle Drehungen in eine ekstatische Trance begeben, um mit Gott in Kontakt zu kommen.

Evolution der Bewusstseinsveränderung

„Jede Kultur kennt Wege, der Realität durch spezielle Rituale, Praktiken oder Zeremonien zu entkommen“, sagt Lameira. Das menschliche Streben nach Bewusstseinsveränderung sei historisch und kulturell universell. Die Frage ist jedoch, wann der Mensch diesen Wunsch entwickelt und damit begonnen hat, seine Stimmung und Realitätswahrnehmung aktiv zu manipulieren.

In früheren Studien, die sich mit absichtlicher Bewusstseinsveränderung auseinandergesetzt haben, lag der Schwerpunkt auf dem Konsum von Substanzen. Allerdings ist unklar, wann und in welcher Form Alkohol oder Drogen für unsere menschlichen Vorfahren zugänglich waren. „Je weiter man in die Menschheitsgeschichte zurückblickt, desto unsicherer wird die Rolle, die substanzinduzierte Erfahrungen in unserer Evolution gespielt haben“, sagt Lameira. „Es ist nicht klar, ob unseren Vorfahren bewusstseinsverändernde Substanzen oder die Mittel und das Wissen zur Verfügung standen, diese herzustellen. So konnten sie vielleicht auf Weintrauben zugreifen, aber ohne die richtigen Werkzeuge und das nötige Know-how wurde daraus kein Wein.“

Für den absichtlich herbeigeführten Schwindel, der bei Menschenaffen beobachtet wurde, braucht es keine Hilfsmittel oder besonderes Wissen. Das Verhalten könnte der Studie zufolge also eine ursprüngliche Methode zur Bewusstseinsveränderung sein, die wir von unseren evolutionären Vorfahren geerbt haben.

Erbe der Primaten

Allerdings räumen die Forschenden ein, dass weitere Untersuchungen nötig seien, um die tatsächliche Motivation der Primaten zu verstehen. Die meisten der Primaten in den Videos leben in Gefangenschaft. Es ist also möglich, dass sie durch das Drehen ihre Sinne stimulieren und so der Langeweile entfliehen wollen.

„Es könnte sich aber auch um ein Spielverhalten handeln“, sagt Lameira. „Auf einem Kinderspielplatz sind zum Beispiel alle Geräte – Schaukeln, Rutschen, Wippen – so konzipiert, dass sie das Gleichgewicht oder die Körper-Geist-Reaktionen herausfordern.“

Warum Primaten sich bis zum Schwindel drehen, könnte Lameira zufolge auch für die Evolutionsgeschichte des menschlichen Geistes relevant sein. „Es gibt einige interessante Parallelen, die weiter untersucht werden sollten, um zu verstehen, was Menschen zu diesen Verhaltensweisen motiviert hat“, sagt er. „Es ist durchaus möglich, dass wir schon bewusstseinsverändernde Erfahrungen gesucht und gemacht haben, bevor wir überhaupt moderne Menschen waren.“

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