Amazonasdelfine: Die Flussgeister des Amazonas

Delfine schwimmen zwischen Bäumen umher. Geschmeidig gleiten sie durchs Gezweig und winden sich wie Schlangen um rauborkige Stämme. Froschgrüne Fische flitzen durchs Laub. Die Delfine - rosafarben wie Kaugummi - schnappen nach ihnen mit langen Schnauzen.

Von Mark Jenkins

Im Dickicht überschwemmter Baumschösslinge hält sich ein Kalb dicht bei der Mutter. Es wird mehr als ein Jahr lang gesäugt.

Delfine schwimmen zwischen Bäumen umher. Geschmeidig gleiten sie durchs Gezweig und winden sich wie Schlangen um rauborkige Stämme. Froschgrüne Fische flitzen durchs Laub. Die Delfine - rosafarben wie Kaugummi - schnappen nach ihnen mit langen zahnbesetzten Schnauzen. Dies ist keine surrealistische Traumlandschaft; dies ist die Regenzeit am oberen Amazonas. Der Strom hat den Regenwald großflächig überschwemmt und die Flussdelfine zur Jagd in die Wälder gelockt. Vor rund 15 Millionen Jahren, im Miozän, zweigte die Linie der Amazonasdelfine (Inia geoffrensis) von den meeresbewohnenden Urwalen ab. Der Meeresspiegel lag damals höher, sagt Healy Hamilton, eine Biologin von der kalifornischen Akademie der Wissenschaften in San Francisco. Weite Teile Südamerikas, darunter auch das Amazonasbecken, könnten von mehr oder weniger brackigem Wasser überflutet gewesen sein. Als die Pegel fielen und das Binnenmeer schrumpfte, so Hamiltons Hypothese, blieben die Delfine im Amazonasbecken und entwickelten sich zu Geschöpfen, die nur wenig Ähnlichkeit mit dem geliebten "Flipper" zeigen.

Amazonasdelfine haben eine dicke, wulstige Stirn. Mit einer langen Pinzettenschnauze pflücken sie Fische aus überflutetem Zweigwerk oder wühlen im Flussschlamm nach Krebsen. Anders als bei den Meeresdelfinen sind ihre Halswirbel nicht miteinander verwachsen. Deswegen können sie sich eng zusammenkrümmen und mühelos an Hindernissen vorbeiwinden. Weitere Unterschiede sind ihre breiten Brustflossen, die ihre Wendigkeit erhöhen, und eine verkleinerte Rückenflosse, die bei Hindernissen und Engstellen weniger stört. Flussdelfine haben auch kleinere Augen - im schlammigen Wasser erhaschen sie ihre Beute per Echoortung. Der Amazonasdelfin - in seiner Heimat boto genannt - ist mit bis zu 2,5 Meter Länge und 200 Kilo Gewicht die größte der vier Arten von Flussdelfinen. Die übrigen leben im Río de la Plata in Argentinien und Uruguay, im Ganges in Indien, im Indus in Pakistan und im Jangtsekiang in China . Allerdings gilt der chinesische Flussdelfin seit kurzem als ausgestorben. Äußerlich ähneln sich zwar alle vier Arten, dennoch gehören sie nicht zur selben Familie. Untersuchungen des Erbguts haben gezeigt, dass Flussdelfine an mindestens drei verschiedenen Stellen aus dem Stammbaum der Meeressäuger abgezweigt sind - zunächst auf dem indischen Subkontinent, dann in China und in Südamerika. Biologen sprechen von "konvergenter Evolution", wenn geographisch voneinander isolierte Arten in Anpassung an eine ähnliche Umwelt auch ähnliche Körpermerkmale entwickeln. Die Gruppe der heutigen Meeresdelfine entstand dagegen erst in jüngerer Zeit.

Jedes Jahr im Frühling, nach der Regenzeit, erweitert sich der Kosmos der Amazonasdelfine. Der Hauptstrom und seine Nebenflüsse treten über die Ufer und überschwemmen monatelang viele tausend Quadratkilometer Urwald. Der Dschungel verwandelt sich in ein von Baumwipfeln überdachtes Meer. Dort beobachtet der britische Biologe Tony Martin von der Universität von Kent die Delfine seit 16 Jahren. Er hat herausgefunden, dass vor allem weibliche Delfine weit in den Urwald vorstoßen - möglicherweise, um zeitweilig den aggressiven Männchen auszuweichen. Die erkennt man an ihrer leuchtend rosa Hautzeichnung. Martin vermutet, dass Narbengewebe die Ursache ist. Die Weibchen sind überwiegend grau. "Die männlichen Delfine verprügeln einander regelrecht", sagt Martin. "Sie sind brutal. Beißen Gegnern in die Schnauze oder in die Flossen oder reißen ihnen das Blasloch auf. Große Männchen sind am ganzen Körper von Narben bedeckt." Von denen fühlen sich die Weibchen besonders angezogen - später, in der Paarungszeit, wenn die Wasserstände wieder fallen und die Geschlechter sich im eigentlichen Flussbett näher kommen.

Die Männchen beeindrucken die Weibchen aber auch anders. Sie sammeln Wasserpflanzen oder Holzstücke in der Schnauze, drehen sich damit im Kreis und klatschen sie auf die Wasseroberfläche. Das ist kein Spiel. Martin registrierte, dass nur Männchen Gegenstände tragen, und zwar nur in Gegenwart von Weibchen. Obendrein ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich während solcher Darbietungen auf einen Kampf einlassen, 40-mal so hoch wie sonst. Kein anderes Säugetier - außer Mensch und Schimpanse - versuche, über Gegenstände Eindruck zu schinden, sagt Martin. "Ein schönes Stück Holz, das ist für einen Flussdelfin das Äquivalent zu einem Ferrari."

(NG, Heft 6 / 2009)

Galerie ansehen
Wei­ter­le­sen