Riesenhornissen: Stachelige Invasoren bedrohen heimische Arten

In den USA sorgen zwei „Mörderhornissen“ für Aufregung, eine Ausbreitung soll verhindert werden. In Deutschland ist der Kampf gegen eine kleinere Hornissenart bereits verloren.

Monday, May 18, 2020,
Von Douglas Main
Asiatische Riesenhornissen (Vespa mandarinia) wurden um US-Bundesstaat Washington gesichtet.

Asiatische Riesenhornissen (Vespa mandarinia) wurden um US-Bundesstaat Washington gesichtet.

Bild Atsuo Fujimaru, Minden Pictures

Ende 2019 wurden zwei ungewöhnliche Hornissen bei Blaine im US-Bundesstaat Washington gesichtet. Mit ihren schwarzen und knallig orangefarbenen Streifen und ihrem großen Stachel unterschieden sie sich deutlich von den einheimischen Arten. Eine nachfolgende Untersuchung ergab, dass es sich um Asiatische Riesenhornissen handelte – die größte Wespenart der Welt, die zwischen zweieinhalb und fünfeinhalb Zentimeter lang werden kann.

Wissenschaftler sind besorgt, dass sich diese Hornissen nun in Washington und darüber hinaus ausbreiten könnten. Sie würden nicht nur eine Gefahr für die amerikanischen Honigbienen darstellen, deren Lage ohnehin schon prekär ist, sondern auch für Menschen.

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Bis nach Deutschland hat es Vespa mandarinia (noch) nicht geschafft – wohl aber die ebenfalls aus Südostasien stammende Asiatische Hornisse Vespa velutina. Laut Naturschutzbund Deutschland (NABU) wurde sie vermutlich mit asiatischen Importwaren eingeschleppt und breitet sich beständig in Europa aus. Frankreich sei bereits zu weiten Teilen besiedelt, in Deutschland gebe es Einzelfunde am Oberrhein und in Hamburg. Die Einwanderung der Asiatischen Hornisse sei inzwischen unumkehrbar.

„Diese Einschleppung verdeutlicht einmal mehr die Gefahren, die ein weltweiter Warenverkehr für Ökosysteme haben kann“, sagt NABU-Expertin Melanie von Orlow. Zwar bringe Vespa velutina aller Voraussicht nach keine essentielle Bedrohung für die europäische Imkerei. „Die genauen Auswirkungen auf die heimische Tier- und Pflanzenwelt sind jedoch noch nicht abzusehen.“

Sollte Vespa mandarinia hingegen in Deutschland einfallen, könnte der Schaden erheblich größer sein.

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Niemand weiß genau, wie die zwei gesichteten Hornissen in die USA gelangten. Die Entdeckung machte dort jedoch Schlagzeilen und die Tiere erhielten in den sozialen Medien alsbald das Label „Mörderhornissen“ (murder hornets). Eigentlich sind sie in Ostasien heimisch und dort berüchtigt für ihre Angriffe auf Honigbienenkolonien.

Arbeiterinnen haben eine Länge von bis zu 4,5 Zentimetern, Königinnen werden sogar bis zu 5,5 Zentimeter lang. Damit ist die Asiatische Riesenhornisse etwa fünfmal größer als die Europäische Honigbiene und mehr als doppelt so groß wie die Europäische Hornisse. Forschungen haben gezeigt, dass selbst bei nicht allergischen Personen 50 oder weniger Stiche zum Tod durch Nierenschäden führen können.

In Japan sterben im Schnitt jedes Jahr 30 bis 50 Menschen an Hornissenstichen. 2013 war der Bestand der Tiere ungewöhnlich groß – damals waren sie allein für 42 Todesfälle in einer einzigen chinesischen Provinz verantwortlich. Am gefährlichsten wird es für die Menschen, wenn sie sich den Kolonien der Insekten nähern oder sie stören.

Diese Insekten „sind ziemlich respekteinflößend“, sagt Chris Looney, ein Entomologe an der Washington State University. „Ich mache mir ziemliche Sorgen.“ Trotzdem ist Looney wenig begeistert über den Spitznamen „Mörderhornissen“.

„Ich fürchte, die Leute haben ohnehin schon aus zweifelhaften Gründen genügend Angst vor Insekten“, sagt er. Allerdings sieht er ein, dass der dramatische Name auch einen Vorteil hat: „Er scheint zumindest die Aufmerksamkeit der Leute geweckt zu haben. Ich hoffe nur, dass die reißerischen Berichte über die ‚Mörderhornissen‘ uns dabei helfen, unser Ökosystem ein wenig besser zu verstehen.“

Gefräßige Bienenjäger

Bisher können Forscher noch nicht mit Sicherheit sagen, wie die Hornissen in die USA gelangten. Looney zufolge hatten sie sich in ihrem Heimatland vermutlich in einen Frachtcontainer verirrt.

Ende 2019 wurde ein komplettes Hornissennest in der Nähe des kanadischen Ortes Nanaimo gefunden und zerstört. Genetische Analysen deuteten aber darauf hin, dass diese Riesenhornissen separat ins Land gelangten.

Asiatische Riesenhornissen aus Japan und Ostasien haben sich bereits in anderen Ländern als invasive Art etabliert, beispielsweise in Südkorea. Die sozialen Wespen bilden Kolonien aus zahlreichen Arbeiterinnen, an deren Spitze eine Königin steht. Die Arbeiterinnen können auf der Suche nach Nahrung mehrere Kilometer zurücklegen. Zahlreiche Insekten stehen auf ihrem Speiseplan, aber sie scheinen es besonders auf Bienen abgesehen zu haben.

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Treffen sie auf die Honigsammler, beginnen sie ihren Angriff damit, den kleineren Insekten mit ihren großen Mandibeln den Kopf abzubeißen, erklärt Looney. Innerhalb von 90 Minuten kann eine kleine Gruppe Asiatischer Riesenhornissen alle Arbeiterinnen einer Bienenkolonie töten, sagt er.

Dann beginnt das große Fressen: Die Hornissen belagern den Bienenstock teils über eine Woche und fressen die Puppen und Larven. Einige verfüttern sie auch an ihre eigenen Jungen.

Westliche Honigbienen (Apis mellifera) sind die verbreitetsten kommerziellen Bestäuber und haben keine Verteidigungsstrategien gegen die Asiatischen Riesenhornissen. Man konnte zwar bereits beobachten, wie die Bienen die Eindringlinge stechen, das schien allerdings keinen Effekt auf die Wespen zu haben.

Japanische Honigbienen (Apis cerana japonica), die sich zusammen mit den Riesenhornissen entwickelt haben, fanden im Gegensatz zu ihren westlichen Verwandten eine Möglichkeit, sich gegen die Wespen zu wehren: Sie stürzen sich auf die Eindringlinge und schlagen so heftig mit ihren Flügeln, bis die Temperaturen im Inneren dieser „Hitzekugel“ mehr als 46 °C erreichen. Damit werden die Hornissen von den Bienen praktisch gekocht und ersticken durch ein Übermaß an Kohlendioxid.

Asiatische Riesenhornissen könnten fatale Folgen für zahlreiche heimische Bestäuber haben. Viele Bienenarten haben es bereits durch die Konkurrenz mit anderen Exoten schwer, sagt Looney.

Junichi Takahashi, ein Forscher und Wespenexperte an der Kyoto Sangyo University in Japan, glaubt ebenfalls, dass der ökologische Schaden durch die Ausbreitung der Riesenhornissen immens wäre. Er befürwortet deshalb Maßnahmen, um die Tiere einzudämmen.

In einem E-Mail-Interview äußerte er, dass er das Label „Mörderhornissen“ für angemessen hält, da die Art genauso gefährlich sei wie die Ostafrikanische Hochlandbiene, die insbesondere in englischsprachigen Medien auch als „Killerbiene“ bezeichnet wird. 1990 erreichte die invasive Art Texas und kolonisierte seither Teile der südlichen USA. Die Tiere sind für mehrere Todesfälle verantwortlich.

Takashi glaubt, dass „Amerikaner die Aggressivität und Giftigkeit dieser Hornisse nicht ganz begreifen“.

Ausbreitung verhindern

Wenn die Hornissen in den nächsten paar Jahren nicht eingedämmt werden, wird es vermutlich zu spät sein, um ihre Ausbreitung in den USA noch zu stoppen, sagt Looney.

Bisher gab es lediglich zwei Sichtungen von Arbeiterinnen in der Nähe von Blaine – ein Hinweis darauf, dass sich in der Umgebung eine Kolonie befindet. Im Winter stellen die Insekten ihre Aktivität größtenteils ein. Wenn sich Königinnen gepaart haben, ziehen sie aus, um neue Kolonien zu gründen. Derzeit arbeiten Looney und andere Forscher daran, Köder auszulegen, um diese Königinnen zu fangen.

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Im Sommer werden die Forscher hunderte Fallen aufstellen und weiterhin nach Königinnen und Arbeiterinnen suchen. Mit winzigen Funksendern könnten sie die Wespen dann bis zu ihren Nestern zurückverfolgen und diese zerstören, erklärt Looney.

Da die Hornissen in unterirdischen Hohlräumen nisten und Wärme produzieren, experimentieren Looney und seine Kollegen auch mit wärmeempfindlichen Bildgebungsverfahren, um die Nester aufzuspüren.

Dennoch „wird es schwierig“, die Hornissen aufzuhalten, sagt Looney. „Aber wir versuchen es trotzdem.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht. Zusätzliche Berichterstattung in Deutschland von Jens Voss.

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