Deutschland verliert einen seiner fünf Gletscher

Laut neuster Messungen verliert der Südliche Schneeferner seinen Status als Gletscher – ein Symbol für den folgenschweren und langjährigen Eisverlust in den Bayerischen Alpen.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 30. Sept. 2022, 09:04 MESZ
Ansicht des Gletschers Schneeferner nahe der Zugspitze.

Um 1900 spaltete sich der Schneeferner durch die beginnende Gletscherschmelze in den Südlichen und den Nördlichen Schneeferner. Ersterer hat nun seinen Status als Gletscher verloren.

Foto von pusteflower9024 / Adobe Stock

Der Schnee- und Eisverlust in den Alpen schreitet rasant voran. Die Temperatur in den Bergen steigt – und das deutlich schneller als im globalen Mittel. Der extrem heiße Sommer dieses Jahres hat einem alpinen Gletscher nun den Rest gegeben: Der Südliche Schneeferner an der Zugspitze hat seinen Status als solcher verloren. Bislang war er einer von fünf Gletschern in den bayerischen Alpen.

Den Verlust des Gletschers hat die Bayerische Akademie der Wissenschaften (BAdW) in Zusammenarbeit mit der Hochschule München und der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus in Garmisch-Partenkirchen mithilfe von Georadar-Messungen verzeichnet. „Die Eismächtigkeit des Schneeferners hat in weiten Bereichen deutlich abgenommen und erreicht an den meisten Stellen nicht einmal mehr zwei Meter“, so die BAdW. 

Der Verlust des Gletschers lässt an der Zugspitze nun noch vier Gletscher zurück, darunter der Nördliche Schneeferner, der Höllentalferner, das Blaueis und der Watzmanngletscher. Diese sollen in Zukunft weiter unter Beobachtung stehen.

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Drastischer Eisschwund beim Südlichen Schneeferner

Vermessen wurden die Gletscher der bayerischen Alpen erstmals im Jahr 1892. Etwa seit Mitte des 20. Jahrhunderts finden diese Messungen regelmäßig statt, um die Masseveränderungen zu dokumentieren. Der Südliche Schneeferner wies bei der letzten Messung im September 2022 selbst an der tiefsten Stelle nur eine Eisdicke von etwa sechs Metern auf. Im Vergleich zu 2018 ist das ein Verlust von etwa vier Metern. Laut BAdW erreicht der ehemalige Gletscher an den meisten Stellen nicht einmal mehr eine Eisdicke von zwei Metern. „Daraus lässt sich schließen, dass das verbleibende Eis innerhalb der kommenden ein bis zwei Jahre vollständig abschmelzen wird“, so die Forschenden. Die Messungen wurden deshalb nun eingestellt. 

Laut Christoph Mayer, Glaziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der BAdW, definiert man einen Gletscher folgendermaßen: „ein Eiskörper auf Land, der über mehrere Jahre existiert, einen Massenumsatz aufweist (also Schneezutrag und Schmelze) und der eine gewisse Bewegung verzeichnet.“ Eine solche Eisbewegung, die zum Gletscherdasein normalerweise gehört, ist bei dem Südlichen Schneeferner aufgrund der geringen Eisdicke aber nicht mehr zu erwarten – somit kann er nicht mehr als eigenständiger Gletscher bezeichnet werden.

Gletscherschwund in den Alpen: Fatale Auswirkungen

Nicht nur in den bayerischen Alpen geht die Eisdichte der Gletscher seit Jahrzehnten zurück. Auch in Österreich wurde Anfang 2022 bereits Alarm geschlagen, weil der jährliche Masseverlust des Gletschers auf der Tiroler Weißseespitze rasant an Geschwindigkeit aufnahm. Auch der Fieschergletscher in den Berner Alpen oder der österreichische Gletscher Pasterze waren zuletzt von extremem Eisschwund betroffen.

Laut Mayer gibt es in Anbetracht dieser Entwicklungen kaum noch Hoffnung für alpine Gletscher. „Schon mit dem heutigen Klimazustand sind die Gletscher nicht mehr zu halten, da wir schon seit vielen Jahren nur noch jährliche Verluste verzeichnen“, sagt er. In den Alpen gäbe es lediglich Hoffnung für sehr hoch gelegene Regionen wie beispielsweise beim Monte Rosa oder dem Mont Blanc.

Die massive Eisschmelze hat Folgen für die Tier- und Umwelt sowie für uns Menschen – vor allem in Gebieten, in denen die Eisdichte aktuell noch recht hoch ist, weil die Ökosysteme dort von der Wasserversorgung und Kühlung durch die Eisschichten abhängig sind. „Vor allem die regionale Wasserversorgung im Sommer kann ein Problem werden, genau dann, wenn es trocken und heiß ist, liefern die Gletscher Schmelzwasser“, so Bayer. Zusätzlich würden die schwindenden Eismassen das Lokalklima in solchen Regionen verändern, hin zu mehr Trockenheit und Wärme – zusätzlich zu dem sowieso schon veränderten Klima, das die Gletscherschmelze überhaupt erst verursacht hat.

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