Gletscherschmelze in Europa: Die Vorher-Nachher-Bilder des Klimawandels von 1880 bis heute

Weltweit schmelzen die Gletscher und damit die Wasservorräte unserer Erde. Der Fotograf Jürgen Merz hält den historischen Gletscherschwund für die Gegenwart und Nachwelt auf Bildern fest.

Published 8. Feb. 2021, 12:38 MEZ, Updated 8. Feb. 2021, 13:41 MEZ
Buarbeen, Norwegen: Der Buarbreen ist eine Gletscherzunge des Folgefonna-Gletschers und ist im Hardaland gelegen.

Buarbeen, Norwegen: Der Buarbreen ist eine Gletscherzunge des Folgefonna-Gletschers und ist im Hardaland gelegen.

Bild Jürgen Merz, Glacionaut

Es ist rund zwei Jahre her, dass Jürgen Merz eine Postkarte mit einem Gletscherfoto von 1890 in die Hände bekam: Er schaute auf eine Gletscherlandschaft in Norwegen, die er eben gerade noch selbst besucht und fotografiert hatte. „Der Unterschied des Eisvorkommens zwischen der Vintage-Abbildung und dem, was wir ein paar Stunden vorher gesehen hatten, war erschreckend groß“, sagt er. Die Idee für sein Projekt war geboren: Seit zwei Jahren fährt der Freizeitfotograf in seinem Urlaub in die Berge, um den Stand der Gletscherschmelze in Bildern festzuhalten – unter der Woche arbeitet er im Bereich der Computertomographie für die Krebsforschung. Seine Arbeiten veröffentlicht er auf Instagram: „Mit den Bildern kann man der Zielgruppe dort einfach vor Augen führen, was der Klimawandel mit der Welt macht – ohne große Worte“, sagt Merz.

Kjenndalsbreen, Norwegen: Der Kjenndal-Gletscher ist ein Ausläufer des gewaltigen Jostedal-Gletschers, dem größten Festlandgletscher Europas.

Bild Jürgen Merz, Glacionaut

Und tatsächlich ist die Visualisierung beeindruckend und beklemmend zugleich. Egal, ob an der Pasterze in Österreich oder am Kjenndal-Gletscher in Norwegen, überall sieht man heute Geröll, wo früher Eis war. Auch die Fakten zur Lage der Gletscher sind beängstigend. In den Alpen haben die Gletscher seit Beginn der Industrialisierung rund ein Drittel ihrer Fläche und die Hälfte ihrer Masse verloren. Forscher warnen davor, dass Gletscher auf dem Mont Blanc bis Ende dieses Jahrhunderts verschwunden sein könnten. Eine Studie des Internationalen Zentrums für Gebirgsentwicklung in Kathmandu warnt: Wenn die Erderwärmung weiter so schnell voranschreitet wie bislang, könnten die Gletscher im Himalaya bis Ende dieses Jahrhunderts weitgehend verschwunden sein. Nach Angaben einer Studie der Columbia University in New York von 2019 schmelzen die Gletscher im Himalaya aktuell doppelt so schnell wie vor 40 Jahren.

Die Folgen der Entwicklung sind schon jetzt verheerend. Auftauender Permafrost löst Überschwemmungen und Erdrutsche aus, die ganze Regionen unter sich begraben. Das aktuellste Beispiel kommt aus Nordindien, dort werden aktuell nach einer durch einen Gletscherabbruch verursachte Sturzflut im Himalaya-Gebirge rund 150 Menschen vermisst. Viele von ihnen sind vermutlich tot. Nach den Fluten kommt die Dürre: Schwindendes Schmelzwasser wird irgendwann zu Engpässen in der Wasserversorgung führen, denn drei Viertel aller Süßwasserreserven sind im Gletschereis gespeichert.

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Auf der Suche nach dem historischen Spot

Dass die Gletscher schmelzen, ist lange bekannt, doch für viele ist das Thema abstrakt. Merz will es sichtbar machen. Und so geht es für seine Familie von Erlangen aus in die deutschen, Schweizer und österreichischen Alpen und auch mal ausnahmsweise nach Norwegen oder Island. Über die Jahre hat er eine große Datenbank mit historischen Bildern, alten Bildbänden und Fotomaterial bei sich zuhause angelegt. „Wenn ich weiß, wo ich hinfahre, recherchiere ich den Ort, um den Spot des historischen Bildes zu finden und diesen exakt nachzustellen“, erklärt er. Bewaffnet ist er immer mit zwei Kameras. Mit seiner Spiegelreflexkamera fotografiert er die Frontansicht, während er mit der Drohne den Gletscher überfliegt, um interessante Strukturen und Anschnitte zu finden, die den Klimawandel noch besser aufzeigen.

Die eigentliche Herausforderung dieses Projekts sei es, den genauen Platz mit dem exakten historischen Standpunkt zu finden und dabei die Natur zu schonen. „Generell sollten naturbelassene Orte ausschließlich unter höchster Vorsicht betreten werden“, sagt er.

Naturschutz zwischen Instagram-Klamauk und Massentourismus

Die selbstverständliche Ignoranz, die ihm und seiner Frau auf ihren Wanderungen begegnet, ist für ihn eine Schlappe für sich: „Wir achten bei der Routenplanung immer peinlich genau darauf, die Flora durch den Marsch so wenig wie möglich zu belasten – und auf einmal tut sich mitten in den Alpen ein Instagram-Hotspot auf, an dem sich hunderte von Touristen und Influencern zusammenrotten, um Bilder für ihre Social-Media-Kanäle zu schießen.“ Einmal habe er sich sogar mit einem Influencer angelegt, der die fragile Flora in einem Naturschutzgebiet für ein tolles Foto zertrampelte.

Der Wahnsinn sei oft von Tourismusverbänden gemacht, findet Merz. Den wortwörtlichen Gipfel des Massentourismus habe er am Gornergletscher, dem zweitgrößten Gletscher der Schweiz erlebt: Da das Wetter in den Bergen schwer berechenbar ist, wird dort auf dem Gornergrat auf über 3.000 Meter Höhe gerade eine Hängesessel-Lounge mit Virtual-Reality-Brillen eingerichtet, damit Touristen zu jeder Tages- und Jahreszeit virtuell um das Matterhorn fliegen können. Zum Gornergrat kommt man bequem mit einer Bahn. „So haben die Gipfel nicht mal bei schlechtem Wetter ihre Ruhe und der Massentourismus verursacht weiterhin hohe Treibhausgas-Emissionen, während auf der anderen Seite die Gletscher schwinden.“

Pasterze, Österreich: Der Gletscher hatte um 1856 eine geschätzte Fläche von über 30 km², seither hat das Eis ungefähr um die Hälfte abgenommen.

Bild Jürgen Merz, Glacionaut

So hoch wie der Kölner Dom: Der dramatischste Gletscherrückgang an der Pasterze

Eine der dramatischsten Schmelzen hat in den vergangenen Jahrzehnten in Österreich eingesetzt, an der Pasterze, dem größten Gletscher des Landes. Seit 1856 ist die Fläche des Gletschers von damals über 30 km² auf knapp die Hälfte geschrumpft. Das kann man auch auf den Bildern sehen. „Selbst Einheimische und Leute mit Bergerfahrung sind immer wieder erschrocken, wie drastisch sich der Moränenstand seit 1880 verändert hat, wenn sie meine Vorher-Nachher-Vergleiche ansehen“, sagt Merz. Das Schirmbecken, das den Gletscher früher mit Eis versorgt hat, ist so niedrig geworden, dass das Eis komplett freiliegt und der Gletscher somit keinen Eisnachschub bekommt. „Das Volumen an geschmolzenem Eis ist inzwischen so hoch wie der Kölner Dom. Das ist das Mengenverhältnis an Eis, das früher in diesem Gletscher lag.“

Cambrena, Schweiz: Der Cambrena Gletscher liegt ebenfalls in Graubünden und gehört zur Berninagruppe.

Bild Jürgen Merz, Glacionaut

Was der Einzelne für den Klimaschutz tun kann

Der Tourismus müsse sich ändern, davon ist Merz überzeugt. So plädiert er für „selektiven Massentourismus“, mit einigen wenigen Orten, an denen Menschen der Zugang zur Natur ermöglicht wird, damit andere Gebiete naturbelassen bleiben können. Unterdessen fängt der Naturschutz bekanntermaßen in den eigenen vier Wänden an: weniger Fleisch, mehr regionale Produkte, Fahrrad statt Auto, Alpen statt Anden.

Es gibt auf jeden Fall viel zu tun. „Gerade jetzt, in der Pandemie“, meint Merz. Und natürlich ersetzt ein Foto einer Wanderung nicht die Wanderung in den echten Bergen, genauso wie ein Kuss-Emoji keine echte Umarmung ersetzt. Auch virtueller Aktivismus sei nur ein Anfang, keine Lösung. Merz: „Aber Gletscher sind für die Umwelt genauso überlebenswichtig wie eine echte Umarmung für uns.“

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