Kippen die Alpen?

In den Bergen steigen die Temperaturen doppelt so schnell wie im globalen Mittel. Die Folgen sind dramatisch.

Von Michael Ruhland
Veröffentlicht am 12. Okt. 2021, 11:21 MESZ
Taschachferner

Der Taschachferner im österreichischen Pitztal befindet sich wie die meisten Gletscher auf dem Rückzug. Sind sie verschwunden, fehlt den Flüssen das sommerliche Schmelzwasser.

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Oben an der Bergstation des Kitzsteinhorns auf 3203 Metern erwartet die Gruppe die Zukunft. Was das Wetter angeht, ist das spürbar: Es regnet bei drei Grad plus. Drei Berg- und Klimaforscher sind gekommen, dazu der frühere Ski-Rennfahrer Felix Neureuther. Sie besuchen die Randzone des Gletschers, begutachten Felswände und haben die Ergebnisse von Permafrost-Bohrlöchern dabei. Felstemperaturen bis zu einer Tiefe von 30 Metern sind für sie wie ein Archiv, aus dem sie die Zukunft der Alpen lesen. Was sie mitzuteilen haben, verheißt nichts Gutes. „Das System ist dabei zu kippen“, sagt der Geologe Markus Keuschnig, einer der drei Wissenschaftler.

Als gewaltiges Massiv teilen die Alpen die Mitte unseres Kontinents. Europas höchstes Gebirge erstreckt sich auf einer Länge von 1200 Kilometern vom Ligurischen Meer im Westen ostwärts bis zum pannonischen Becken. Seit etwa 5000 Jahren siedeln Menschen an seinen Flanken. Im Schatten der Berge entwickelte sich eine Vielzahl an Kulturen. Manche, darunter die ladinische oder die okzitanische, umfassen nur wenige Talschaften und haben sich über viele Jahrhunderte erhalten. Die Menschen hier lebten mit den Gefahren der Natur; sie respektierten die Berge. Zum Spaß auf Gipfel zu steigen, wäre ihnen nicht eingefallen. Wer hier nicht heimisch war, fürchtete sich vor den steilen, felsigen Höhen, dem rauen Klima, den Barbaren, die hier lebten. „Montes horribiles“, nannten sie die Römer, die schrecklichen Berge.

Im 18. Jahrhundert kam mit der Aufklärung auch der technische Fortschritt in Gang und beschleunigte sich mit der industriellen Revolution. Die Gewalt der Natur, mit ihr die Alpen, verlor ihren Schrecken. Man baute Straßen und Seilbahnen, bohrte Tunnel durch den Fels. Die einst unbeherrschbare Natur mit ihren Gefahren wurde zur sportlichen Herausforderung – erst für reiche Touristen, dann für jedermann. Selbst für den Handel sind die Alpen bald kein Hindernis mehr.

Galerie: Gletscherschmelze in Europa: Die Vorher-Nachher-Bilder des Klimawandels von 1880 bis heute

Wo einst Eis und Schnee glitzerten, liegen jetzt Schutt und Geröll

Und das Ergebnis? Wer die Alpen kennt, wer noch vor wenigen Jahrzehnten auf einer Hochtour auf einem der großen Gletscher wie der Pasterze am Großglockner oder dem Aletschgletscher in den Berner Alpen unterwegs war, dem könnten heute beim Anblick der Tristesse die Tränen kommen. Wo einst Eis und Schnee glitzerten, liegen jetzt Schutt und Geröll. Hütten müssen verlegt werden, weil sie – einst am Gletscherrand gelegen – nicht mehr standsicher sind. Routen sind nicht mehr oder nur noch im Winter begehbar, weil immer wieder Steine niederprasseln. Und unten im Tal führen die häufiger auftretenden Starkregen immer wieder zu Muren und Überschwemmungen. Das Unheil ist in den Alpen mit bloßen Augen erkennbar.

Taut der Permafrost, steigt das Risiko für Steinschlag und Felsstürze. In den vermeintlich gezähmten Alpen nehmen die Gefahren wieder zu. Straßen, Hänge, ja ganze Berge müssen gesperrt, Siedlungen evakuiert werden. Wo genau, vermag kein Wissenschaftler genau vorherzusagen.

Am Kitzsteinhorn nimmt der Regen an diesem Tag zu. Die Männer, die hier ihre Messungen durchführen, frösteln. „Ob 60 Millimeter Regen niederprasseln oder ein halber Meter Schnee fällt, ist für den Gletscher ganz entscheidend“, sagt der Glaziologe Kay Helfricht von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. In Zukunft werde es wegen der Klimakrise auch in dieser Höhe immer öfter regnen. „Dann bleibt nichts mehr vom Winterschnee übrig.“

Das bedeutet: Den Gletschern geht der Nachschub aus. Seit zehn Jahren werden hier oben in den Hohen Tauern mithilfe von Drohnen und Laserscannern Messungen durchgeführt. Deren Ergebnisse sind eindeutig. „Dort, wo sich der Gletscher zurückzieht, gibt es mehr Felsstürze“, bilanziert Geomorphologe Robert Delleske, von der österreichischen Forschungseinrichtung Georesearch, Dritter im Bunde und Spezialist für Drohnenaufnahmen.

Die Alpen sind eine der wichtigsten Klimascheiden in Europa

Die Alpen sind daneben eine der wichtigsten Klimascheiden in Europa. Dank der hohen Niederschlagsmenge in der Region stellen sie die bedeutendste Süßwasserquelle des Kontinents dar. Millionen von Menschen profitieren vom steten Wasserfluss, in der Poebene wie an der Rhone oder an Rhein, Inn, Lech oder Isar. Sind die Gletscher infolge der Klimaerwärmung erst einmal weggeschmolzen – und das wird in den nächsten 30 bis 60 Jahren geschehen –, werden Bäche und Flüsse immer wieder trockenfallen. Ihnen wird das sommerliche Schmelzwasser fehlen.

Das Gebirge war immer schon ein Ort, der dem Menschen seine Hybris vor Augen führen konnte. Das wissen gerade erfahrene Bergsteiger. Doch heute sind die Dimensionen umfassender. Wer die Berge gut kennt und die Veränderungen vor Augen hat, ist alarmiert. Felix Neureuther fordert einen Stopp des Gletscher-Skifahrens im Sommer, sogar für das Training von Rennläufern. Das ist ein richtiger Schritt, doch es geht um viel mehr.

„Ob 60 Millimeter Regen niederprasseln oder ein halber Meter Schnee fällt, ist für den Gletscher ganz entscheidend“, sagt der Glaziologe Kay Helfricht von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Das gilt auch für das Kitzsteinhorn. 

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Die Alpen sind ein Hotspot der Biodiversität. Die Berge und Täler bieten einen einzigartigen biologischen Reichtum. 35 000 Tier- und Pflanzenarten sind hier heimisch. Auf einer Wanderung über blühende Almwiesen zu gehen und weiter oben auf Murmeltiere, Gämsen und manchmal auch Steinböcke zu treffen, das sind Momente, die einem das Herz öffnen. Und die als Erinnerungsschatz abgespeichert bleiben für Zeiten, in denen man nach Kraftquellen sucht. Doch was wird daraus?

In einem Garten in Grainau, dem Luftkurort unterhalb der Zugspitze im Wettersteingebirge, steht an einem schwülheißen Frühsommertag der Klimaforscher Hannes Vogelmann mit Felix Neureuther. Nicht nur die Mittagshitze treibt Vogelmann die Schweißperlen ins Gesicht. Er weiß, dass in Bergregionen die Temperaturen doppelt so schnell ansteigen wie im globalen Mittel. In den vergangenen hundert Jahren waren das zwei Grad gegenüber 0,8 Grad weltweit. Ein Anstieg um weitere zwei Grad ist in Bergregionen im Verlauf der nächsten 50 Jahre wahrscheinlich. Die Folgen für das empfindliche Ökosystem der Alpen werden weitreichend sein.

Die Folgen eines weiteren Temperaturanstiegs werden für das Ökosystem der Alpen weitreichend sein.

Im Schweizer Kanton Wallis arbeiten Wissenschaftler der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) bereits an dem, was da kommen könnte. Sie untersuchen im Tal und an den Berghängen von Sitten, wie viel Stress Fichten und Kiefern aushalten. Stress bedeutet in diesem Fall Hitze und Trockenheit.

Schon jetzt ist klar: Die Kiefer wird an den Südhängen im Wallis nicht überleben. Auch für die Fichte wird es schwierig, zumal geschwächte Bäume viel anfälliger für Stürme und Schädlinge sind – weitere Stressfaktoren, die künftig zunehmen werden. Der Biologe Thomas Wohlgemuth, Leiter der Forschungsgruppe Störungsökologie der WSL in Birmensdorf, experimentiert deshalb mit „Gastbaumarten“ wie der Douglasie, die an der nordpazifischen Küste lange Trockenperioden überdauert. „Neben Kiefern, die in den letzten drei Jahren eingegangen sind, stehen im Wallis kerngesunde Douglasien“, berichtet Wohlgemuth.

Das Beispiel zeigt, dass es falsch wäre, in Resignation zu verfallen. Das Horrorszenario „Alpen ohne Bäume“ ist für Wohlgemuth nicht vorstellbar. Er glaubt fest daran, dass das Gebirge waldfähig bleibt – wenn auch mithilfe des Menschen. In der Tat wären Alpen ohne Wald eine apokalyptische Vorstellung. Für den Wirtschaftsraum, der acht Staaten mit Alpenanteil (Deutschland, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Monaco, Österreich, Schweiz, Slowenien) umfasst. Für die rund 14 Millionen Bewohner. Für die mehr als 100 Millionen Erholungssuchenden, die jährlich den Alpenbogen bereisen.

Wenn die Alpen nicht – in einem modernen Sinn – wieder zu „montes horribiles“ werden sollen, müssen wir unser verschwenderisches Konsumverhalten, unseren Anspruch zu beherrschen, ändern. Ich war zwölf Jahre alt, als mein Vater, ein klassischer Wanderer, mich auf eine Tour zur Kampenwand im Chiemgau mitnahm. Er wollte mich zum Gipfel führen. Der Weg nach oben verläuft durch einen sehr schmalen, seilgesicherten Weg durch den Fels. Ich traute mich nicht, hatte Angst, bei „Gegenverkehr“ das Seil loszulassen und abzustürzen. Ich konnte nicht weiter.

Mein Vater war nicht böse und drängte mich nicht. Wir machten ausgiebig Brotzeit und stiegen wieder ab. Ich denke heute voller Achtung an ihn, der gemeinsam mit mir zum Ziel, dem Gipfel, aufgestiegen wäre. Mein Vater wusste: Die Berge führen uns an Grenzen – und lehren uns Demut.

Michael Ruhland ist seit seiner Kindheit in den Alpen unterwegs, Bergautor und Chefredakteur des Magazins Der Bergsteiger. Dies ist sein erster Beitrag für NATIONAL GEOGRAPHIC.

Der Bildband „Unsere Alpen – Ein einzigartiges Paradies und wie wir es erhalten können“

Bild NATIONAL GEOGRAPHIC

Buch-Tipp: 

Im Bildband „Unsere Alpen – Ein einzigartiges Paradies und wie wir es erhalten können“ führen Felix Neureuther, Michael Ruhland und Bernd Ritschel (Fotos) den einmaligen Naturraum vor Augen. NATIONAL GEOGRAPHIC, 192 Seiten, 39,99 €/34,99 € Abonnenten, ab Mitte Oktober

TV-Tipp:

Am 25. Oktober um 21.50 Uhr ist auf Disney+ die NAT GEO-Doku „Rettung für die Alpen – Unterwegs mit Felix Neureuther“ zu sehen. 

Dieser Artikel erschien in voller Länge in der Oktober 2021-Ausgabe des deutschen NATIONAL GEOGRAPHIC Magazins. Keine Ausgabe mehr verpassen und jetzt ein Abo abschließen! 

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