Wissenschaft

Auf den Spuren von Edmonds Urzeitreich: Projektleiter Philipe Havlik im Porträt

Ein versteinertes Dinosaurier-Grab reist von Wyoming nach Frankfurt, um dort öffentlich freigelegt zu werden. Der Paläontologe und Ausstellungskoordinator der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt leitet das einzigartige Projekt.Freitag, 13. September 2019

Von Jens Voss
Paläontologe Philipe Havlik an der Edmontosaurus-Fundstelle in Wyoming.

Urzeitliche Welten zu neuem Leben erwecken – für Philipe Havlik eine der faszinierendsten und komplexesten Herausforderungen der Paläontologie. Als Leiter des Edmontosaurus-Projekts „Edmonds Urzeitreich“ ist er für die Grabungen, die Koordinierung der beteiligten Forschungsbereiche und die anschließende Ausstellung vor dem Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt verantwortlich.

Und dieses Projekt hat es buchstäblich in sich: Ein riesiger Gesteinsblock, reich an fossilen Zeugen der Urzeit, reist von der Fundstelle in Wyoming per Schiff nach Frankfurt. „Mit dieser Grabung durfte ich mir einen Kindheitstraum erfüllen“, freut sich der diplomierte Geologe und Paläontologe. Wegen des Transports in tonnenschwere Einzelstücke zerlegt, soll das steinerne Dinograb ab April 2020 am Senckenberg Naturmuseum direkt vor den Augen der Öffentlichkeit freigelegt und untersucht werden.

Durch die umfassende Analyse in Frankfurt wollen Havlik und sein Team ein geheimnisvolles Urzeitreich rekonstruieren. Denn das Gestein enthält nicht nur auffällig viele Knochen des bis zu 13 Meter langen und vier Tonnen schweren Pflanzenfressers Edmontosaurus. Auch Fragmente weiterer Saurier und anderer urzeitlicher Tiere sind darin eingeschlossen – ebenso wie Überreste von Holzkohle, Pflanzen, Bernstein und sonstigen Relikten aus der Kreidezeit vor rund 70 Millionen Jahren. „Die Besonderheit, das Bonebed ex situ – also außerhalb des eigentlichen Fundortes – auszugraben und zu analysieren, macht das Projekt extrem spannend“, erklärt Havlik.

Rekonstruktion eines urzeitlichen Ökosystems

Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen arbeiten Hand in Hand, um die unzähligen Puzzlestücke zu einem Ganzen zusammenzufügen – darunter Paläontologen, Geologen, Biologen und weitere Spezialisten. Bei Havlik laufen die Fäden zusammen. „Diese interdisziplinäre Forschungsarbeit ist essenziell für unser Projekt“, unterstreicht er. „Sie bildet die Grundlage für die Rekonstruktion des urzeitlichen Ökosystems sowie die Basis für die Ergebnisse, die dann in der Ausstellung vereinfacht dargestellt werden.“

Galerie: Edmonds Urzeitreich | Die Ausgrabungsstätte

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Havlik selbst beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit der Wirbeltierpaläontologie. So war er unter anderem an den Entdeckungen von Reptilien in Vietnam und eines Fischsaurierfriedhofs im baden-württembergischen Eislingen beteiligt. „Wir sehen bisher nur einen ganz kleinen Ausschnitt dessen, was sich unter der Erde versteckt“, sagt der 40-Jährige. Kein Wunder, dass ihn sein Entdeckergeist immer wieder aufs Neue antreibt. „In den Erdtiefen liegen noch viele fossile Überraschungen verborgen.“

Projektleiter Philipe Havlik beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit der Wirbeltierpaläontologie.

Short Facts: Philipe Havlik

Forschungs- und Aufgabenbereich: Leiter des aktuellen Edmontosaurus-Projekts. Geologe, Paläontologe, Ausstellungsplaner sowie Projektmanager der Zentralen Museumsentwicklung am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. Forschungen zum Thema Taphonomie (Entwicklung von Lebewesen nach dem Tod bis zur Versteinerung) und Wirbeltierpaläontologie (vor allem an Schildkröten und Krokodilen).

Berufsweg: Diplom in Geologie/Paläontologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Danach Geologe an der Technischen Universität München, ab 2009 bei Senckenberg. Dort seit 2015 in der Zentralen Museumsentwicklung an der Schnittstelle zwischen Forschung und Vermittlung.

Beitrag zum aktuellen Edmontosaurus-Projekt „Edmonds Urzeitreich“: Projektleitung (Grabungsleitung, Koordination der Forschungsbereiche, Ausstellungsleitung)

Technische Tools: Vom PC bis zum Bagger …

Wichtige Forschungsergebnisse: Der Nachweis einer 15 Millionen Jahre alten, bis dato unbekannten Schildkrötenart aus Libyen, deren einzige Verwandte heute nur noch in Papua-Neuguinea vorkommen (Schweinenasenschildkröten).

Spannende Forschungserlebnisse: Unter anderem die Entdeckung, Ausgrabung und Ausstellung des Fischsaurierfriedhofs Eislingen – eine Anreicherung an Fischsaurierskeletten, die zu großräumigen Grabungen sowie zu einer großen Sonderausstellung geführt hat. Und nicht zuletzt: das aktuelle Edmontosaurus-Projekt.

Lieblingsfossil: Fischsaurier, weil niemand bisher genau weiß, wie sie sich entwickelt haben.

Leidenschaften neben der Paläontologie: Reisen, Geschichte, Architektur

 

Edmonds Urzeitreich

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