Wann gilt eine Art als „ausgestorben“?

Funktional ausgestorben, regional ausgestorben, wiederauferstanden – die Zuordnung bedrohter Arten in diese Kategorien kann für Laien schnell verwirrend sein.Montag, 25. November 2019

Dass Arten aussterben, ist ganz natürlich: Mehr als 90 Prozent aller Organismen, die je auf der Erde gelebt haben, existieren mittlerweile nicht mehr.

Allerdings nimmt der Mensch Einfluss auf diese Prozesse und beschleunigt die Aussterberaten durch sein Mitwirken am Verlust von Lebensraum, am Klimawandel, an der Einführung invasiver Arten, an Krankheiten, an der Überfischung und an der Jagd.

„Wir verlieren ganze Reihen von Arten, denen spezifische ökologische Rollen zukommen“, sagt Stuart Primm, ein Professor für den Artenschutz an der Duke University. Die Zahlen der Spitzenräuber wie Otter und Haie sind beispielsweise zurückgegangen, was ihre Ökosysteme aus dem Gleichgewicht bringt.

Jeden Tag sterben Dutzende neuer Arten aus, und Wissenschaftlern zufolge befinden sich mehr als 20.000 Pflanzen und Tiere am Rande der endgültigen Auslöschung. Ein Viertel aller bekannter Säugetierarten ist vom Aussterben bedroht.

Die größte Organisation, die den Zustand der weltweiten Arten überwacht, ist die Weltnaturschutzunion (IUCN). Sie schätzt die Entwicklung der Arten in der Wildnis ein und ordnet ihnen anhand von Daten aus diversen Quellen eine Gefährdungskategorie auf der Roten Liste der bedrohten Arten zu.

Ausgestorben ist dabei nicht gleich ausgestorben – das kann leicht verwirrend werden, wenn man mit den Kategorien nicht vertraut ist. Im Folgenden gibt es daher einen Überblick über die Begrifflichkeiten und ihre Bedeutung.

Vom Aussterben bedroht

Der Zustand solcher Arten ist so schlecht, dass sie nach aktuellen Schätzungen mit hoher Wahrscheinlichkeit in naher Zukunft aussterben werden. Dazu gehören beispielsweise das Sumatra-Nashorn und der Sumatra-Orang-Utan, deren kleine Restbestände durch den Verlust ihres Lebensraums geringe Überlebenschancen haben. Ihr Habitat wird vorrangig durch die Landwirtschaft und die Entwaldung zerstört.

Australien: Auf Festland ausgestorbenes Beuteltier wieder ausgewildert
Zum ersten Mal seit 50 Jahren schleichen wieder Tüpfelbeutelmarder über das australische Festland.

In der Natur ausgestorben

Diese Arten sind in ihren ursprünglichen Verbreitungsgebieten nicht mehr anzutreffen. Sie leben nur noch in Gefangenschaft, beispielsweise in Zoos, Tierparks und Zuchtstationen.

Im Jahr 1987 wurden die weltweit letzten 27 Exemplare des Kalifornischen Kondors eingefangen, wodurch die Art als „in der Natur ausgestorben“ kategorisiert wurde. Durch ein sehr erfolgreiches Zuchtprogramm konnte der Bestand allerdings wieder vermehrt und teilweise ausgewildert werden, sodass Gymnogyps californianus mittlerweile wieder als „vom Aussterben bedroht“ gilt.

Die Guamralle, ein kleiner flugunfähiger Vogel, wurde durch die Einführung der Braunen Nachtbaumnatter fast ausgerottet. Die Schlangenart wurde versehentlich vom US-Militär auf die Insel Guam eingeschleppt. Die Rallenart lebt mittlerweile nur noch in Gefangenschaft, beispielsweise im National Aviary in Pittsburgh.

Regional ausgestorben

Dieser Begriff bedeutet, dass eine Tierart in einem Teil ihres ursprünglichen Verbreitungsgebietes ausgestorben ist. In anderen Bereichen ist sie in der Natur aber nach wie vor anzutreffen. Grizzlybären sind beispielsweise in Kalifornien regional ausgestorben, leben aber anderswo in den USA noch in großer Zahl.

Der Amerikanische Pfeifhase ist ein kleines Säugetier, das die kühlen Gebiete im Westen Nordamerikas bewohnt. Fälschlicherweise wird oft berichtet, dass sich die Art aufgrund der globalen Erwärmung in höher liegende Gebiete zurückzieht. Was allerdings stimmt, ist, dass diese Pfeifhasen in einigen Gebieten der Great Basin Mountains regional ausgestorben sind. Eine Studie, die 2018 in „Arctic, Antarctic and Alpine Research“ erschien, wies aber nach, dass die Pfeifhasen sehr anpassungsfähig und nach wie vor in der Region zu finden sind.

Seltene Aufnahmen von Ili-Pfeifhasen
Das ist ein Ili-Pfeifhase. Das kleine Säugetier wohnt in Bergregionen und hat ein Teddygesicht.

„Pikas können enorm widerstandsfähig sein und überraschen uns fortwährend, weil sie auch in warmen Bereichen in geringen Höhenlagen leben“, schrieb Andrew Smith, der Co-Vorsitzende der Lagomorph Specialist Group der IUCN, in einer E-Mail. Der Amerikanische Pfeifhase wird von der Organisation als „nicht gefährdet“ eingestuft.

In New England ermöglichen es die milden Winter einer bestimmten Zeckenart, länger zu überleben. Die Parasiten setzen sich an den Elchen der Region fest und schwächen sie. Die ausgezehrten Pflanzenfresser verlieren dabei Teile ihres Fells und schleppen sich mit letzter Kraft durch die Wälder, bis sie verenden.

Funktional ausgestorben

Dieser Begriff wird für Arten verwendet, deren Bestand so sehr geschrumpft ist, dass er seine Funktion innerhalb des Ökosystems nicht mehr erfüllen kann, sagt Steve Beissinger. Der Professor für Artenschutz und Biologie arbeitet an der University of California in Berkeley.

Amerikanische Kastanien waren beispielsweise einst in ganz Nordamerika verbreitet. Im 20. Jahrhundert tötete ein Pilz jedoch 3,5 Milliarden dieser Kastanienbäume. Ein paar von ihnen überlebten, aber insgesamt gilt die Art als funktional ausgestorben.

Ausgestorben

Diese Kategorie der IUCN gibt an, dass eine Tierart global ausgestorben ist, erklärt Beissinger. Arten werden erst dann dieser Kategorie zugeordnet, wenn ihr Verbreitungsgebiet ausgiebig nach überlebenden Exemplaren durchsucht wurde und einige Zeit verstrichen ist.

Die Jagd und der Verlust von Lebensraum wurden dem Karolinasittich zum Verhängnis. Die bunten Papageien waren in den USA einst weit verbreitet, gelten aber seit Jahrzehnten offiziell als ausgestorben. Die Vögel waren besonders leichte Beute, da sie nach Schüssen nicht flohen, sondern bei ihren verletzten Artgenossen blieben, wie das Cornell Lab of Ornithology berichtete.

Lazarusarten

Manchmal werden Arten als ausgestorben kategorisiert und nach einiger Zeit stellt sich dann heraus, dass in freier Natur doch noch Exemplare existieren. Oft sind die überraschenden Entdeckungen gezielten Suchen in entlegenen Gebieten zu verdanken.

Diese sogenannten Lazarusarten wurden in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet oft jahrzehntelang nicht mehr gesehen und tauchen dann mitunter an unerwarteten Orten wieder auf.

2010 startete die Amphibian Specialist Group der IUCN ein Projekt, um nach zehn ausgestorbenen Amphibienarten zu suchen, die von bedeutendem wissenschaftlichen oder ästhetischen Wert sind, darunter zum Beispiel auch der Israelische Scheibenzüngler.

Manche Arten gelten schon als bedroht, obwohl sie gerade erst entdeckt wurden. Die Glasfroschart Nymphargus manduriacu wurde erst vor Kurzem in den ecuadorianischen Anden entdeckt – und zwar in einem Bergbaugebiet, weshalb ihre Überlebenschancen bereits fragwürdig sind.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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