Fußspuren offenbaren Details einer 10.000 Jahre alten Reise

Ein prähistorischer Reisender trug ein Kind durch eine schlammige Landschaft – und kehrte Stunden später mit leeren Händen zurück.

Veröffentlicht am 19. Okt. 2020, 15:59 MESZ, Aktualisiert am 5. Nov. 2020, 05:58 MEZ
Vor mehr als 10.000 Jahren trug eine Frau oder ein junger Mann ein Kleinkind über eine ...

Vor mehr als 10.000 Jahren trug eine Frau oder ein junger Mann ein Kleinkind über eine schlammige Ebene im heutigen White-Sands-Nationalpark in New Mexico. Die Fußabdrücke geben modernen Wissenschaftlern ein Fenster in die Vergangenheit.

Bild Courtesy of NPS and Bournemouth University

Vor mehr als 10.000 Jahren machte sich eine Frau oder ein junger Mann mit einem Kleinkind im Arm auf eine beschwerliche Reise. Sie führte nordwärts durch den heutigen White-Sands-Nationalpark in New Mexico. Womöglich schlug dem Reisenden Regen ins Gesicht, während seine nackten Füße auf dem Schlamm rutschten. Die Person hielt inne, um das Kind kurz auf den Boden zu setzen, bevor sie weiterzog. Ein Wollhaarmammut und ein Riesenfaultier schlenderten über ihre frischen Spuren. Einige Stunden später folgte der Reisende der gleichen Route wieder zurück nach Süden – diesmal mit leeren Händen.

Nun hat ein Team von Wissenschaftlern etwa anderthalb Kilometer an versteinerten Fußabdrücken des Hin- und Rückweges dokumentiert – die längste menschliche Spur solchen Alters, die je gefunden wurde. „So etwas habe ich sonst noch nirgends gesehen“, sagt der Evolutionsbiologe Kevin Hatala von der Chatham University, der kein Teil des Studienteams war.

Die Spur besteht aus mehr als 400 menschlichen Fußabdrücken, darunter mehrere kleine Abdrücke von Kinderfüßen, heißt es in der entsprechenden Studie, die in „Quaternary Science Reviews“ veröffentlicht wurde. Durch die Analyse von Form, Struktur und Abstand der Spuren enthüllte das Forschungsteam ein intimes Porträt von einem Spaziergang durch die prähistorische Landschaft – bis hin zu den Zehen, die auf der matschigen Oberfläche abrutschen.

Wissenschaftler graben die in den Sand gepressten uralten Fußabdrücke sorgfältig aus, bevor sie eine dreidimensionale Aufzeichnung anfertigen. Die Strukturen sind äußerst empfindlich und zerfallen schnell, sobald sie freigelegt sind.

Bild Courtesy of NPS and Bournemouth University

Das Team entdeckte auch Spuren eines Mammuts und eines Riesenfaultiers, die die Region nach den Menschen durchquerten. Das Mammut schien sich nicht darum zu kümmern, dass womöglich Menschen in der Nähe waren, aber das Riesenfaultier nahm wahrscheinlich Notiz davon. Die Abdrücke deuten darauf hin, dass es sich auf zwei Beinen aufgerichtet hat – vielleicht um die Witterung von Menschen in der Nähe aufzunehmen, ähnlich wie es Bären heute noch tun.

„Das gibt uns einen Eindruck vom Menschen innerhalb seines alten Ökosystems“, sagt die Studienautorin Sally Reynolds, eine Paläontologin an der University of Bournemouth. Sie verweist darauf, dass sich das Riesenfaultier der Menschen in seiner Nähe anscheinend bewusst war. „Das ist ein Eindruck, den einem Knochen nicht vermitteln können.“

Fossile Fußabdrücke sind ein echter Segen für Wissenschaftler, da sie Momentaufnahmen von Verhaltensweisen bewahren, die sich nicht aus anderen Überresten herauslesen lassen. „Fossilien sind ganz klar die Grundlage für unser Verständnis vergangenen Lebens“, sagt der Paläoanthropologe William Harcourt-Smith von der City University of New York, der nicht Teil des Studienteams war. „Aber die Fundorte von Fußabdrücken sind etwas Besonderes, weil sie einen Moment einfangen.“

Prähistorische Frauen hatten starke Knochen

Die neu entdeckte Fundstätte ist Teil eines laufenden Projekts, um die zahlreichen fossilen Abdrücke im White-Sands-Nationalpark zu dokumentieren. Das Unterfangen wird auch durch die sorgfältigen Beobachtungen von David Bustos vorangetrieben, dem Leiter des Ressourcenprogramms des Parks. Die flachen Abdrücke sind nur schwer auszumachen, da sie sich nur durch leichte Änderungen in der Feuchtigkeit bemerkbar machen, durch die schwache Farbunterschiede zum Vorschein kommen.

„Er bemerkte immer wieder diese Geisterspuren, diese Fußabdrücke, die auftauchten“, sagt Reynolds über Bustos’ Beobachtungen.

Im Jahr 2016 befragte Bustos eine Reihe von Spezialisten zu den Spuren, darunter auch den Erstautor der neuen Studie, Matthew Bennett, einen Geologen der University of Bournemouth in England. Bennett und seine Kollegen haben seither mehrere Reisen nach White Sands unternommen, um die Vielzahl der Spuren – sowohl von Menschen als auch von Tieren – in jedem Abschnitt des Parks zu dokumentieren.

Die Abdrücke aus der neuen Studie wurden in den feinen Sand gepresst. Nur eine dünne Salzkruste hält sie noch in Form, erklärt Reynolds. Das Team hat 140 der Spuren sorgfältig ausgegraben und mit einem Pinsel die feinen Strukturen freigelegt. Aber die empfindlichen Abdrücke zerfallen schnell, wenn sie einmal freigelegt sind. Deshalb dokumentierte das Team jeden Abdruck mit einer Reihe von Fotos, um ein dreidimensionales Modell zu erstellen – eine Technik namens 3D-Photogrammetrie.

„In dem Moment, wenn wir sie freilegen, müssen wir uns wirklich beeilen, sie aufzunehmen, bevor sie einfach verschwinden“, so Reynolds.

Winzige Fußabdrücke

Indem sie die Form, Größe und Verteilung der Fußabdrücke untersuchten, versuchten die Forscher darauf zu schließen, was während des prähistorischen Ausflugs über den schlammigen Boden geschah. Der primäre Spurenleger könnte entweder eine junge Frau von zwölf oder mehr Jahren gewesen sein oder möglicherweise auch ein junger Mann, gemessen an heutigen Fußabdrücken moderner Menschen. An mindestens drei Punkten entlang des Weges gesellen sich kleine Fußabdrücke zur Hauptspur, die auf ein Kind unter drei Jahren hindeuten.

Der Abstand zwischen den Spuren deutet darauf hin, dass die Person mit etwa 6 Kilometern pro Stunde unterwegs war. Das ist noch keine Laufgeschwindigkeit, aber angesichts der schlammigen Bedingungen und der schweren Last wäre es ein übereiltes Tempo gewesen, stellt Hatala fest.

An einigen Stellen waren die Schritte des Reisenden ungewöhnlich lang, als ob er auf ein Hindernis trat oder darüber sprang. „Es waren vielleicht Pfützen“, sagt Reynolds. „Es könnte auch nasser Mammutkot gewesen sein.“

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Das Kind wurde jedoch nur in eine Richtung getragen. Bei der nordwärts führenden Spur sind die Abdrücke des linken Fußes etwas größer, was darauf hindeuten könnte, dass das Kleinkind auf einer Hüfte getragen wurde. Mitunter tauchen auch Spuren auf, bei denen der Fuß des Wanderers auf der schlammigen Oberfläche ausrutsche, sodass ein bananenförmiger Abdruck entstand. Bei der Rückkehr nach Süden ist dieser Größenunterschied bei den Abdrücken jedoch nicht erkennbar und das Rutschen tritt viel seltener auf. Es scheint also so, als hätte die Person auf dem Rückweg keine Last mehr getragen.

Forscher hatten zuvor schon vermutet, dass Unterschiede zwischen rechten und linken Fußabdrücken ein Beleg für das Tragen einer Last sein könnten. Oft war das aber nur Spekulation. Die neue Studie bietet hingegen mehr Beweise: „In diesem speziellen Fall sieht man, dass die Fußabdrücke eines Kindes plötzlich auf halbem Wege erscheinen“, sagt Hatala.

Die Spuren der Tiere halfen den Forschern dabei, abzuschätzen, wann der Reisende die Gegend durchquerte. Nachdem er nordwärts gewandert war, querten das Mammut und das Riesenfaultier seine frischen Spuren. Die menschlichen Fußabdrücke in Richtung Süden überlagern jedoch die Abdrücke der beiden Tiere. Diese Überlagerungen zeigen, dass sämtliche Abdrücke binnen weniger Stunden entstanden sein mussten, bevor der Schlamm wieder vollständig trocknete. Dass sich Menschen und diese ausgestorbenen Tiere wortwörtlich über den Weg liefen, deutet darauf hin, dass die Spuren mindestens 10.000 Jahre alt sein müssen.

Andere Zeiten, gleiche Sitten

Reynolds, die mit Bennett verheiratet ist, war 2017 gerade schwanger, als Bennet sie anrief und von der langen Spur berichtete. „Er war überglücklich“, erinnert sich Reynolds. Besonders angetan waren sie von dem Kind, das mit dabei war. „Diese winzig kleinen Fußabdrücke waren einfach so unerwartet“, sagt sie. Sie nannten die Spuren „Zoes Weg“ – der Name, den sie ihrer ungeborenen Tochter geben wollten.

Vieles über den prähistorischen Abenteurer bleibt unbekannt. Wo wollte er hin? Was war der Zweck der Wanderung? Was geschah mit dem Kind?

Die Person schien die Route gut zu kennen, sagt Reynolds. Vielleicht folgte sie einem Pfad zum Lager einer anderen Familie oder Jagdgruppe. „Es gab kein Zögern, kein Verirren“, sagt sie. Aber der Endpunkt der Reise bleibt unbekannt, da die Abdrücke in den heutigen Raketenstützpunkt White Sands führen, zu dem die Forscher keinen Zugang haben.

Das Verhalten, das sich aus den Spuren herauslesen lässt, sei wohl gar nicht so überraschend, sagt Harcourt-Smith. Dass Menschen Kinder tragen, sei erwartbar: „Alle Kulturen tun es; Affenverwandte tun es“, sagt er. Und trotzdem sorgt dieses Detail dafür, dass heutige Betrachter die Situation besser nachempfinden können.

„Es ist eine Erinnerung daran, dass diese Menschen genau wie wir waren“, sagt er. „Die Belastungen in ihrem Alltag sahen vielleicht anders aus – wir müssen uns nicht mit Mammuts herumschlagen –, aber sie liefen genauso durch die Landschaft, wie wir es tun würden.“

Das Forschungsteam setzt seine Arbeit im White-Sands-Nationalpark fort und setzt Stück für Stück ein nuanciertes Bild der ehemaligen Bewohner der Region zusammen. „Das sind kleine Momentaufnahmen des prähistorischen Lebens und der Einstellung zu anderen Tieren und Landschaften, von denen wir einfach nie dachten, dass wir sie je erhalten würden“, sagt Reynolds. Mit der Zeit werden noch mehr Geschichten – und sicherlich auch mehr Geheimnisse – ans Licht kommen.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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