DNA-Studie zu den Wurzeln der Wikinger: Weder blond noch skandinavisch

442 Skelette offenbaren: Die Wikinger waren ein bunter Haufen ohne einheitliche Ethnie oder Nation. Ihr Zusammenhalt musste sich daher aus anderen Faktoren speisen.

Thursday, September 17, 2020,
Von Erin Blakemore
Reenactors in Rüstungen bereiten sich während des Festivals der Slawen und Wikinger im polnischen Wolin auf ...

Reenactors in Rüstungen bereiten sich während des Festivals der Slawen und Wikinger im polnischen Wolin auf den Nahkampf vor. Wikinger beflügeln die Fantasie der Menschen seit Jahrhunderten, aber ihre tatsächliche Geschichte ist komplexer, als viele denken.

Bild David Guttenfelder, Nat Geo Image Collection

Das Wort „Wikinger“ beschwört bei vielen Menschen direkt eine Vorstellung von robusten, flachshaarigen skandinavische Kriegern herauf, die die Küsten Nordeuropas in eleganten hölzernen Schlachtschiffen plünderten. Schon ihre alten Sagen handelten von seefahrenden Abenteurern mit komplexen Abstammungslinien. Trotzdem hält sich nach wie vor hartnäckig der moderne Mythos, dass die Wikinger eine eigene ethnische oder regionale Gruppe von Menschen mit einer „reinen“ genetischen Blutlinie waren. Genau wie der berühmte „Wikingerhelm“ ist auch dieser Mythos eine Fiktion, die in den nationalistischen Bewegungen im Europa des späten 19. Jahrhunderts entstand. Aber auch heute noch wird er von verschiedenen rechtsextremen Gruppen propagiert. Sie nutzen die vermeintliche Überlegenheit der Wikinger, um den Hass auf andere zu rechtfertigen und dabei dieses Stereotyp aufrechtzuerhalten.

Eine umfangreiche Studie alter DNA, die im Fachmagazin „Nature“ erschien, offenbarte nun die tatsächliche genetische Vielfalt der Menschen, die wir Wikinger nennen. Sie bestätigt damit, was historische und archäologische Befunde bereits über diese kosmopolitische und politisch mächtige Gruppe von Händlern und Entdeckern nahegelegt hatten.

Víking: Umstrittene Herkunft

Wer waren die Wikinger? Darauf hat es nie eine eindeutige Antwort gegeben. Sogar der Begriff „Wikinger“ ist umstritten. Das englische Wort viking hat seinen Ursprung in dem altnordischen Wort víking, dessen vielzählige Bedeutungen von Raubzügen über Erkundungen bis hin zur Piraterie reichen. Es wurde für gewöhnlich von Menschen verwendet, die Opfer dieser gewalttätigen Begegnungen waren, und beschrieb Gruppen skandinavischer Seeleute zwischen 750 und 1050 n. Chr. In Nordeuropa wird dieser Zeitraum heute noch als Wikingerzeit bezeichnet.

Die DNA eines weiblichen Skeletts – Spitzname: Kata – aus einer Wikingergrabstätte im schwedischen Varnhem wurde im Rahmen der Studie sequenziert.

Bild VÄSTERGÖTLANDS MUSEUM

Die „Nature“-Studie untersuchte die genetischen Daten von 442 Menschen, deren Überreste aus der Zeit von etwa 2400 v. Chr. bis 1600 n. Chr. stammen. Alle wurden in Gebieten begraben, in die sich die Wikinger einst ausgebreitet hatten. Einige hatten einfache Gräber an weit entfernten Orten wie Grönland, andere wurden mit Artefakten im skandinavischen Stil wie Münzen, Waffen und sogar ganzen Booten bestattet.

Es war eine logistische Herausforderung, Hunderte dieser alten Proben zusammenzutragen, die aus mehr als 80 archäologischen Stätten in Nordeuropa, Italien und Grönland stammen. Hinzu kam die Aufgabe, die schiere Menge an Informationen zu analysieren, die aus den menschlichen Überresten gewonnen wurden. „Ich hätte mir die rechnerischen Herausforderungen bei diesem Datensatz nicht träumen lassen“, sagt die Evolutionsgenetikerin Eske Willerslev. Die Professorin für Ökologie und Evolution an der Universität Kopenhagen und Direktorin ihres Exzellenzzentrums für Genetik leitete das Wikinger-Genomprojekt.

Bild Museum of Cultural History, University of Oslo, Norway/Ove Holst

Artefakte der Wikinger, wie diese Schwerter und Helme aus archäologischen Stätten im heutigen Norwegen, helfen den Archäologen dabei, die Expeditionen der alten Händler und Seefahrer nachzuvollziehen.

Bild Museum of Cultural History, University of Oslo, Norway/Eirik Irgens Johnsen

Weitreichender Einfluss der Wikinger

Die DNA-Analyse ergab kurz gesagt, dass die Wikinger ein bunter Haufen waren. Ihre Vorfahren waren Jäger und Sammler, frühe Bauern und Menschen aus der eurasischen Steppe. Die Analysen offenbarten außerdem drei große, genetisch vielfältige Hotspots, an denen sich die Menschen während jener Epoche mit Menschen aus anderen Regionen vermischten: Einen im heutigen Dänemark und je einen auf den Inseln Gotland und Öland im heutigen Schweden. Es wird angenommen, dass alle drei Orte zu dieser Zeit Handelsknotenpunkte waren.

Doch obwohl die Wikinger von Skandinavien aus aufbrachen – und in einigen Fällen auch wieder dorthin zurückkehrten –, zeigt die genetische Analyse, dass sie innerhalb der größeren skandinavischen Region nicht so viel interagierten wie außerhalb. Dort vermischten sie sich mit einer Vielzahl von Völkern, denen sie auf ihren weiten Reisen begegneten.

„Aus der genetischen Analyse geht ziemlich klar hervor, dass die Wikinger keine homogene Gruppe von Menschen sind“, sagt Willerslev. „Viele Wikinger sind gemischte Individuen“ und hatten beispielsweise Vorfahren sowohl aus Südeuropa und Skandinavien oder sogar samischen und europäischen Ursprungs.

Ein Massengrab von etwa 50 kopflosen Wikingern aus einer Stätte in Dorset, Großbritannien. Einige dieser Überreste wurden für die DNA-Analyse verwendet, die in „Nature“ veröffentlicht wurde.

Bild Dorset County Council, Oxford Archaeology

„Wir haben sogar Menschen, die in Schottland mit wikingischen Schwertern und Ausrüstung begraben sind, genetisch aber überhaupt keinen skandinavischen Einschlag haben“, fügt er hinzu.

Laut Willerslev beweisen die Ergebnisse, dass das Phänomen der Wikinger nicht rein skandinavisch war. „Es hat seinen Ursprung in Skandinavien, aber es breitete sich aus und kam mit anderen Völkergruppen auf der ganzen Welt in Berührung.“

Frühe Kosmopoliten

Die Forschungssubjekte haben auch nicht so viel mit den modernen Skandinaviern gemeinsam, wie man meinen könnte. Nur 15 bis 30 Prozent der heutigen Schweden haben eine gemeinsame Abstammung mit den untersuchten Personen, die vor 1.300 Jahren in der gleichen Region lebten. Das deutet auf eine noch stärkere Migration und genetische Durchmischung nach der Wikingerzeit hin. Die Bewohner der Region während der Wikingerzeit entsprachen auch nicht dem stereotypen skandinavischen Aussehen: Die untersuchten Individuen hatten zum Beispiel im Durchschnitt dunklere Haare und Augen als eine zufällig ausgewählte Gruppe heutiger Dänen.

Die genetischen Daten zeichnen ein Bild der Wikinger als eine vielfältige Gruppe, die nicht an eine Nation oder Ethnie gebunden war. „Es ist eine wunderbare Studie“, sagt der Archäologe Jesse Byock, Professor an der University of California in Los Angeles. Er leitete das archäologische Mosfell-Projekt in Island, war an der genetischen Forschung aber nicht beteiligt. „Sie liefert neue Informationen, bekräftigt aber fast alles, was wir über das Wikingerzeitalter wissen.“

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Auch Davide Zori, ein Assistenzprofessor für Geschichte und Archäologie an der Baylor University, der an der Studie nicht beteiligt war, stimmt dem zu. „Wir beginnen, die Wikinger weniger als eine Gruppe von breitschultrigen Männern mit blonden Haaren und Bärten zu betrachten, die alle gleich aussahen“, sagt er. „Das wussten wir in gewisser Weise schon aus den Quellen.“

Woraus speiste sich das Phänomen der Wikinger?

Während der Begriff der Wikinger ein breites Spektrum umfasste, offenbarte die Studie auch enge Verwandtschaftsbeziehungen auf der Familienebene. In einem Grab im estnischen Salme, wo 41 schwedische Männer nach einer Schlacht samt zwei Booten und ihren Waffen beigesetzt wurden, identifizierten die Forscher vier Brüder, die nebeneinanderlagen. Sie entdeckten auch eine Verwandtschaft zweiten Grades zwischen einem Wikinger auf einem dänischen Friedhof und einem anderen in Oxford – ein Beweis dafür, wie weit die Familienmitglieder während dieser Zeit reisten.

Wikingergrabstätten – wie diese Stätte mit schiffsförmigen Gräbern in der Nähe von Aalborg in Dänemark – liefern wichtige genetische Belege für unser Verständnis dieser alten Seefahrer.

Bild Keenpress, Nat Geo Image Collection

Was die groß angelegte DNA-Studie jedoch nicht beantworten kann, ist die Frage, wie das Wikinger-Phänomen überhaupt entstanden ist. Wenn Ethnizität diese Menschen nicht zusammenhielt, was dann? War es die technologische Fähigkeit, seetüchtige Boote zu bauen und auf dem Wasser effizient Krieg zu führen, oder spielten andere Faktoren eine Rolle?

„Die Menschen können dominante kulturelle Überlebensstrategien annehmen und sich ihnen anpassen“, sagt Zori. „Aus welchem Grund auch immer war das Wikingertum eine der wichtigsten Formen des Überlebens und des wirtschaftlichen und politischen Erfolgs“, sagt Zori.

Mit der neuen Bestätigung, dass mindestens 442 Menschen aus der Wikingerzeit genetisch vielfältig waren, können die Forscher nun ihre Suche nach den Wurzeln der Wikinger ausweiten. „Das ist eine großartige Studie, aber es sind eben wirklich nur 450 Skelette“, sagt Byock. „Es ist ein großer erster Schritt.“ Er hofft, dass es nur der Anfang einer umfassenderen Betrachtung der genetischen Geschichte dieser Ära ist.

„Es stimmt wahrscheinlich, dass die Genetik ein wenig glaubwürdiger ist als die Sagen der Wikinger“, fügt Zori hinzu. Aber nur Zeit und zusätzliche Forschung können seiner Meinung nach ein runderes Bild ergeben.

Nun kann die schwierige Arbeit beginnen, sich mit den Auswirkungen der umfangreichen Studie auseinanderzusetzen – und textliche und archäologische Beweise mit den neuen DNA-Ergebnissen zu kombinieren. Es gibt noch viel darüber zu lernen, wie die kulturellen Katalysatoren, die wir die Wikinger nennen, lebten und sich ausbreiteten, und was auf ihrer Suche nach Abenteuer und Einfluss geschah. „Migration war schon immer ein Faktor in der Geschichte der Menschheit“, sagt Zori.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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