Drachenmensch: Neue Menschenart in China entdeckt?

Ein extrem gut erhaltener Schädel aus Harbin in China heizt die wissenschaftliche Diskussion an: Wie soll man mit Fossilien umgehen, die sich nicht in die Ursprungsgeschichte des Menschen einfügen?

Veröffentlicht am 30. Juni 2021, 14:14 MESZ, Aktualisiert am 11. Juli 2021, 10:45 MESZ
Eine Rekonstruktion des Drachenmenschen, der vor mehr als 146.000 Jahren im kühlen Nordosten Chinas lebte.

Eine Rekonstruktion des Drachenmenschen, der vor mehr als 146.000 Jahren im kühlen Nordosten Chinas lebte.

Bild Chuang Zhao

Kurz nachdem die Japaner in den frühen 1930er Jahren Teile des Nordosten Chinas besetzt hatten, erschien ein seltsamer Schädel auf der Bildfläche. Beim Bau der Songjiang-Brücke in der Nähe der chinesischen Stadt Harbin, machte einer der Arbeiter im Flussschlamm des Songhua eine überraschende Entdeckung. Er fand einen fast vollständigen menschlichen Schädel, der eine längliche Form hatte. Besonders stachen die wuchtigen Überaugenwülste hervor, die über die quadratischen Löcher hinausragten, in denen einmal Augen gesessen hatten.

Bemerkenswert war auch die Größe des Schädels, die der Paläontologe Chris Stringer vom Londoner Natural History Museum als „riesig“ beschreibt.

Der Arbeiter war sich wohl der Tragweite seines Funds bewusst, denn er versteckte den Schädel in einem stillgelegten Brunnen. Eine aktuelle Studie, die in der Zeitschrift „The Innovation“ veröffentlicht wurde, kommt heute, 90 Jahre später, zu dem Ergebnis, dass der Schädel eine neue Menschenart repräsentiert: den Homo longi oder Drachenmenschen.

Zwei weitere Studien haben ergeben, dass der Schädel wohl zu einem Mann gehörte, der vor mindestens 146.000 Jahren verstarb. Die Mischung aus Merkmalen urzeitlicher und moderner Menschen lässt eine einzigartige Stellung im Stammbaum der Hominiden vermuten.

„Ich habe schon viele Schädel und fossile Überreste menschlichen Ursprungs in der Hand gehalten. Aber bisher war kein Exponat so wie dieses“, sagt der Paläoanthropologe Xijun Ni von der Chinese Academy of Sciences, Autor aller drei Studien.

Form und der Größe des Harbin-Schädels weisen im Vergleich mit anderen bekannten fossilen Funden in Asien aus dieser Zeit Ähnlichkeiten auf, so dass die Forscher von einer engen Verwandtschaft ausgehen. Ihre Analysen deuten darauf hin, dass all diese Fossilien einer Gruppe zuzuordnen sind, die in enger Verbindung mit unserer eigenen Spezies steht. Möglicherweise war uns Homo longi sogar näher als der Neandertaler.

Der Harbin-Schädel weist eine Mischung aus Merkmalen des urzeitlichen und des modernen Menschen auf. Er ist eines von mehreren Fossilien, die in Asien gefunden wurden und keiner Gruppe im menschlichen Stammbaum sicher zugeordnet werden können.

Bild Image by Xijun Ni

„Es ist ein spektakulärer Fund“, sagt María Martinón-Torres, Leiterin des spanischen National Center on Human Evolution, die nicht an den Studien beteiligt war.

Die Zuordnung der Spezies hat unter Wissenschaftlern aber auch zu Diskussionen geführt. Einige Experten sehen eine Verbindung zwischen dem Drachenmenschen und dem mysteriösen Denisovan-Menschen. Diese Population war eng verwandt mit dem Neandertaler, doch fossile Funde, die ihnen klar zugeordnet werden können, sind selten: ein paar Zähne, ein zerbrochenes Schädelstück, der Knochen eines kleinen Fingers, ein gebrochener Unterkiefer – darüber geht es nicht hinaus. 

Obwohl sie den Erhaltungszustand und die Kombination verschiedenster menschlicher Merkmale im Harbin-Schädel aufregend findet, ist sich Martinón-Torres noch nicht sicher „wie stark er sich von den anderen Gruppen unterscheidet, die wir schon bestimmen konnten.“

Trotzdem unterstreicht der Schädel, wie verwoben der menschliche Stammbaum ist. Die Erforschung der kompletten geheimnisvollen Bandbreite der menschlichen Vorfahren und die Veränderung ihrer Verbreitung auf der Welt im Laufe der Zeit kann uns dabei helfen, unsere eigenen Ursprünge zu entschlüsseln.

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„Sogar wir Anthropologen vergessen manchmal wie seltsam es ist, dass wir die einzige humane Spezies sind, die noch existiert“, sagt Laura Buck, biologische Anthropologin an der John Moores University in Liverpool, die nicht an der Studie mitgearbeitet hat.

Kopfzerbrechen über den Harbin-Schädel

Bevor er starb, vertraute der Arbeiter, der den Schädel gefunden hatte, sein langgehütetes Geheimnis seinen Enkelkindern an. Diese bargen das Fundstück 2018 aus seinem Versteck. Qiang Ji, Leiter der Forschungen und Paläontologe an der Hebei GEO University of China, hörte von der Entdeckung und beschloss, sich die Sache anzusehen. Da er sich in Bezug auf die Signifikanz des Fundes zunächst unsicher war, machte er ein Foto von dem Schädel und zeigte es Xijun Ni.

„Ich war schockiert“, erinnert der sich. Das Fossil ist nicht nur erstaunlich gut erhalten, es besticht vor allem durch die seltsame Mischung verschiedener Merkmale. Der Harbin-Schädel ist gedrungen und breit, mit den für urzeitliche Menschen typischen hervorstehenden Überaugenwülsten. Im Kiefer ist noch ein einzelner Backenzahn vorhanden. An diesem ist auffällig, dass er drei Wurzeln aufweist – ein Detail, das beim modernen Menschen äußerst selten zu finden ist. Es gibt aber auch Ähnlichkeiten mit Homo sapiens, zum Beispiel die eher kleinen Wangenknochen, die flach und tief im Gesicht platziert sind.

„Wenn man in die Augenhöhlen schaut, löst das ein sehr seltsames Gefühl in einem aus“, sagt Ni. „Es ist, als wollten sie einem etwas erzählen.“

Ji überzeugte die Familie des Finders davon, das Exponat dem geowissenschaftlichen Museum der Hebei GEO University zu spenden. Und damit begann die Arbeit des Forschungsteams. Zunächst sammelten sie die Daten von 95 fossilen Schädeln, Kieferknochen und Zähnen von einer Reihe verschiedener Menschenformen und charakterisierten auf dieser Basis 600 verschiedene Merkmale. Im nächsten Schritt berechneten sie mithilfe eines Supercomputers Milliarden von phylogenetischen Stammbäumen.

Der phylogenetische Baum stellt die entwicklungsgeschichtlichen Beziehungen verschiedener Arten – in diesem Fall dem Menschen – anhand unterschiedlicher Merkmale zueinander dar. Der Harbin-Schädel ist zwar auf einem eigenen, neuen Ast platziert, doch der evolutionäre Weg zu unserer Spezies ist von dort nicht weit.

„Das Ergebnis hat mich sehr überrascht“, sagt Stringer, der als Autor an zwei der Studien mitgewirkt hat, in denen die Bestimmung und das Alter des Fossils zentrales Thema waren. Eigentlich hatte er damit gerechnet, der Harbin-Schädel wäre einer Spezies zuzuordnen, die eng mit dem Neandertaler verwandt war.

Weil der Harbin-Schädel sich von anderen menschlichen Fossilien so stark unterschied, waren einige Mitglieder des Forscherteams davon überzeugt, man habe es mit einer bisher komplett unbekannten Spezies zu tun. Ni, einer der Autoren der dritten Studie, die diese neue Spezies bestimmt hat, nennt einige Merkmale, die den Drachenmenschen ausmachen. Dazu gehören unter anderem die auffallend quadratische Augenhöhlen und die lange, flache Hirnschale.

„Es gibt nicht dieses eine Merkmal, das den Schädel von allen anderen unterscheidet“, sagt er. „Es ist die Kombination.“

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Wer war der Drachenmensch?

Es gibt jedoch auch Kritiker, die der Einordnung des Drachenmenschen als eigene Spezies vehement widersprechen. Sie sehen ihn an anderer Stelle im menschlichen Stammbaum.

Buck von der John Moores University etwa weist darauf hin, dass die definierenden Merkmale des Schädels nicht durch spezifische Besonderheiten, sondern vor allem durch ihre Größe auffällig wären. Derartige Variationen seien innerhalb einer Spezies durchaus möglich. Das Geschlecht, das Alter des Menschen oder des Fossils, regionale Anpassungen – all diese und weitere Faktoren könnten zu Unterschieden zwischen individuellen Angehörigen einer Spezies führen.

Wenn er aber nicht einer eigenen Art zugeordnet werden kann, wer war dann der Drachenmensch? Stringer berichtet von einem fossilen Fund, der eine ähnliche Mischung von Charakteristika des modernen und urzeitlichen Menschen aufwies: der Dali-Schädel. Die neue Studie ordnet diesen gemeinsam mit dem Harbin-Schädel derselben Gruppe zu. Sein Fundort ist die Shaanxi-Provinz im Nordwesten Chinas und der Schädel wird einer eigenen menschlichen Spezies zugeordnet, dem Homo daliensis.

„Inzwischen herrscht in der Anthropologie ein gewisser Überfluss, wenn es um die Speziesbenennung geht“, sagt Bence Viola, Paläoanthropologe an der Universität von Toronto, der an der Studie nicht mitgewirkt hat. Seiner Meinung nach sollte man den Harbin-Schädel dem H. daliensis zuordnen, anstatt ihn einer neuen Spezies zuzuteilen.

Und dann wäre da noch der geheimnisvolle Denisova-Mensch, der nie als eigene Spezies anerkannt wurde. Diese Gruppe bewohnte vermutlich über zehntausende Jahre das heutige Asien. Einige Fossilienfunde in der Region geben Anlass zu der Annahme, sie könnten dem Denisova-Menschen zugeordnet werden. Doch den Wissenschaftlern fehlen konkrete fossile Beweise ihrer Existenz. Um die Theorie zu untermauern, wäre die Bestätigung durch eine Genanalyse nötig – leider nimmt die Chance auf das Auffinden von DNA in Fossilien jedoch mit deren Alter immer mehr ab.

Im Jahr 2019 fanden Wissenschaftler im Hochland von Tibet einen zerbrochenen Kieferknochen, der mit großer Wahrscheinlichkeit von einem Denisova-Menschen stammt. Damit wäre dieser Fund der erste Knochen dieser Gruppe von Urzeit-Menschen, der außerhalb der Höhle gefunden wurde, die ihnen ihren Namen gab.

Der neue phylogenetische Stammbaum deutet darauf hin, dass der Mensch, von dem dieser Knochen mit dem Namen Xiahe-Unterkiefer stammt, der nächste Verwandte des Drachenmenschen war.

„Wahrscheinlich gehörten sie derselben Spezies an“, sagt Ni. Doch er zögert, den Kieferknochen (und damit den Drachenmenschen) dem Denisova-Menschen zuzuordnen. Der Grund: Die Identität des Xiahe-Unterkiefers wurde nicht direkt über die DNA des Knochens bestimmt, sondern lediglich anhand einer Proteinanalyse des Zahnbeins. Außerdem fehlt dem Harbin-Schädel der Unterkieferknochen, sodass kein anatomischer Vergleich möglich ist.

Dem widerspricht Bence Viola, der Teil des Teams von Forschern war, das zuerst den Denisova-Menschen beschrieben hat. Es sei logisch, sagt er, dass der Xiahe-Unterkiefer vom Denisova-Menschen stammt. Wäre aber der Drachenmensch dem Denisova-Menschen zuzuordnen, erklärt er weiter, befänden sich Harbin-Schädel und Xiahe-Unterkiefer auf demselben Ast des phylogenetischen Stammbaums – und damit nah beim Homo sapiens und weit entfernt vom Neandertaler.

Prähistorische Frauen hatten starke Knochen

Das würde dem widersprechen, was die Untersuchungen der Genetik des Denisova-Menschen bisher ergeben haben. Laut vergangener Analysen spalteten sich die Vorfahren von Neandertaler und Denisova-Mensch vor 600.000 Jahren von den Vorgängern des Homo sapiens ab. Neandertaler und Denisova-Menschen gingen dann wiederum getrennte Wege: Ersterer verbreitete sich in Europa, Letzterer zog nach Asien.

All diese Gruppen haben „enge Verbindungen miteinander, die schwer zu durchblicken sind“, schreibt Paläoanthropologin Katerina Harvati von der Tübinger Eberhard-Karls-Universität in einer E-Mail. Sie war nicht Teil des Forscherteams. „Ich denke, das ist etwas, woran intensiv geforscht werden muss, sobald es mehr Belege gibt.“

Überleben in der Kälte

Und diese Belege lassen möglicherweise gar nicht mehr so lange auf sich warten. Laut Ni untersucht das Team gerade die Möglichkeit einer Genanalyse des Drachenmenschens. Allerdings wird die Entscheidung mit Bedacht abgewogen, da in diesem Prozess unweigerlich Teile des Fossils zerstört werden.

Unabhängig davon, ob der Drachenmensch eine neue Spezies ist oder nicht, erinnern seine beeindrucken gut erhaltenen Merkmale daran, dass die Natur sich selten an Regeln hält. Die Kategorisierung wird mit weiteren Entdeckungen vermutlich nur noch komplexer werden.

„Die Frage, was man als neue Spezies definiert, ist eigentlich eher eine philosophische und nicht so sehr eine biologische“, sagt Buck. Auch wenn die Artenbestimmung nützlich sei, seien für sie „andere Fragen viel interessanter. Wie haben sich diese Menschen angepasst? Und wie haben sie gelebt?“

In dieser Hinsicht bietet der Drachenmensch einige reizvolle Theorien. Auch wenn der exakte Fundort des Schädels unbekannt sei, so wisse man doch, in welcher Gegend er sich befand – und die liegt äußerst weit im Norden, so Michael Petraglia, Paläoanthropologe am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Selbst in der heutigen Zeit, in der relativ milde Wetterkonditionen herrschen, können die Wintertemperaturen in dieser Region auf unter -12° Celsius abfallen. Vor 146.000 Jahren war es dort wohl kaum wärmer.

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Das Forschungsteam vermutet, dass einige der robusteren Merkmale des Schädels die Folge der Anpassung an das kühlere Klima sein könnten. Eventuell könnten der Drachenmenschen und seine Verwandten durch ihren Lebensraum auch von anderen Menschenarten isoliert gewesen sein, sagt Petraglia. Dies würde einige der besonderen Eigenarten des Fossils erklären.

Die gesamte Datenbank und detaillierte Bilder des Drachenmenschen sind laut Stringer nun für die Öffentlichkeit zugänglich, damit auch andere Forscher die Möglichkeit haben, in diese Tiefen der Menschheitsgeschichte einzutauchen. Und es scheint viele zu geben, die nur darauf gewartet haben.

Sarah Freidline von der University of Central Florida formuliert es in einer E-Mail so: „Die Vollständigkeit des Harbin-Schädels ist der Traum eines jeden Paläoanthropologen.“

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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