Das Ende von Corona: Was wir aus vergangenen Pandemien lernen können

Wann ist die Pandemie endlich Geschichte? Ist ein Ende von COVID-19 überhaupt realistisch? Die Antworten auf diese Fragen hängen von verschiedenen Faktoren ab.

Veröffentlicht am 13. Aug. 2021, 11:36 MESZ
Mitarbeitende einer COVID-19-Teststation in Houston, Texas verteilen Selbsttests.

Mitarbeitende einer COVID-19-Teststation in Houston, Texas verteilen Selbsttests.

Bild Callaghan O'Hare, Bloomberg via Getty Images

Nachdem die Infektionszahlen der dritten Corona-Welle Ende April 2021 in Deutschland ihren Höhepunkt erreicht hatten, sanken die Inzidenzwerte endlich – und rapide. Da gleichzeitig die Impfquote stieg, waren diese erfreulichen Zahlen Grund genug, bestehende Schutzmaßnahmen nach und nach zu lockern. Gastronomien durften wieder öffnen, Reisen wurden wieder möglich – in kleinen Dosen kehrte die lang vermisste Normalität in den Alltag zurück.

Doch dann kam der Juli und mit ihm eine Trendumkehr – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Die äußerst ansteckende Delta-Variante von SARS-CoV-2, eine stagnierende Impfquote und steigende Infektionszahlen ließen die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Pandemie wieder schwinden. Das Licht am Ende des Tunnels wurde kleiner.

Am 11. März 2020 erklärte die World Health Organization (WHO) COVID-19 offiziell zur Pandemie und viele anstrengende, chaotische Monate später fragen sich die Menschen verdrossen: Wann wird diese Pandemie endlich vorbei sein?

„Selbst innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft bekommt man auf diese Frage sehr unterschiedliche Antworten“, sagt Rachael Piltch-Loeb, Forscherin und Stipendiatin des Emergency Preparedness Research, Evaluation & Practice Program an der Harvard T.H. Chan School of Public Health. „Das Ende einer Pandemie ist nicht fest definiert.“

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Doch die Pandemie selbst hat eine feste Definition: Sie ist eine globale Krise. „Das Lockern von Maßnahmen und Regeln hat den Menschen den Eindruck vermittelt, dass die Panik abflaut“, sagt Rachael Piltch-Loeb. Doch die Euphorie über diese örtlich begrenzten Momentaufnahmen habe viele vergessen lassen, wie düster die Situation weltweit aussehe.

„Bis das Virus unter Kontrolle gebracht und eingegrenzt ist, sind wir es nicht los“, erklärt Piltch-Loeb. Das Ende der Pandemie sei ein weit entferntes Ziel und je nachdem, wen man frage, von verschiedenen Voraussetzungen abhängig.

Kann eine Krankheit einfach verschwinden?

Laut der WHO ist eine weltweit verbreitete Krankheit keine Pandemie mehr, sobald sie nicht mehr global grassiert, sondern nur noch an bestimmten Orten. In diesem Fall spricht man bei einem Ausbruch von einer Epidemie. Sobald sich die Infektionszahlen durch COVID-19 global auf einem von der WHO als „erwartet oder normal“ bewerteten Niveau einpendeln, wird die Organisation die Krankheit als „endemisch“ einstufen.

Damit würde SARS-CoV-2 zu einem zirkulierenden Virus. „Mit wachsender Immunität der Bevölkerung hat eine Infektion mit dem Virus dann immer weniger schwerwiegende Folgen“, sagt Saad Omer, Epidemiologe und Leiter des Yale Institute for Global Health.

Die vollständige Ausrottung von Krankheiten, die Menschen oder Tiere befallen, ist bisher nur in zwei Fällen gelungen: Bei den Pocken – einer für den Menschen lebensbedrohlichen Krankheit, die den Körper mit schmerzhaften Blasen überzieht – und bei der Rinderpest, einer Viruserkrankung, die Rinder befällt und zu ihrem Tod führt. Sowohl Pocken als auch Rinderpest wurden mithilfe von weltweiten Impfkampagnen unter Kontrolle gebracht. Der letzte bestätigte Fall der Rinderpest wurde im Jahr 2001 in Kenia dokumentiert, die Pocken tauchten zuletzt im Jahr 1978 in England auf.

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Laut Joshua Epstein, Professor der Epidemiologie an der New York University School of Global Public Health, ist die komplette Ausrottung einer Krankheit aber so selten, dass der Begriff aus dem medizinischen Wörterbuch gestrichen werden sollte. „Meistens ziehen sich die Krankheiten lediglich zurück und befallen nur noch Tiere oder mutieren auf sehr niedrigem Niveau“, erklärt er. „Dass sie vollständig und spurlos aus dem globalen Biom verschwinden, passiert normalerweise nicht.“

Die meisten Erreger, die in der Vergangenheit Pandemien ausgelöst haben, weilen heute noch unter uns. Zum Beispiel wurde laut der WHO zwischen 2010 und 2015 weltweit bei 3.000 Menschen das Bakterium nachgewiesen, das sowohl die Beulen- als auch die Lungenpest verursacht. Auch das Virus, das 1918 die Spanische Grippe auslöste und mindestens 50 Millionen Menschen ihr Leben kostete, ist nicht verschwunden – es existiert heute jedoch als weniger tödliche Variante in Stämmen der saisonalen Grippe.

SARS-CoV-2 wird vermutlich – wie die Spanische Grippe – weiter mutieren. Mit der Zeit würde das menschliche Immunsystem dazu in der Lage sein, das Virus auch ohne Unterstützung durch eine Impfung abzuwehren. Doch bis dieser Punkt erreicht ist, würden viele Menschen erkranken und sterben. „Das ist keine Methode zum Erlangen von Immunität, die für uns in Frage kommt“, sagt Saad Omer.

“Das Ende einer Pandemie ist nicht fest definiert.”

von Rachael Piltch-Loeb, Harvard T.H. Chan School of Public Health

Experten zufolge ist der sicherere Weg, die Ausbreitung der Krankheit mithilfe von bestimmten Maßnahmen zu verlangsamen. Die Pest wird heute beispielsweise durch bessere Hygiene und Schädlingsbekämpfung im Zaum gehalten. Wird trotzdem ein Krankheitsfall bekannt, kommen Antibiotika zum Einsatz.

Viruskrankheiten wie die Grippe werden durch Impfungen unter Kontrolle gehalten. Da die verfügbaren COVID-19-Vakzine sehr sicher und wirksam sind, können sie dabei helfen, das Ende der Pandemie schneller herbeizuführen. Sie sorgen außerdem dafür, dass auf dem Weg dahin weniger Menschen sterben, als wenn man dem Virus freie Bahn ließe.

Gegen das Virus hilft nur weltweites Impfen

Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO, hat Mitte August 2021 erneut das Ziel der Organisation betont, bis September 2021 wenigstens 10 Prozent der Bevölkerung jeder Nation geimpft zu haben. Am Ende des Jahres sollen insgesamt 40 Prozent der Weltbevölkerung eine Impfung erhalten haben, Mitte 2022 dann 70 Prozent.

Zum Zeitpunkt dieser Ankündigung lag der weltweite Anteil der Menschen mit mindestens einer Erstimpfung mit einem COVID-19-Vakzin jedoch erst bei 28 Prozent. In den USA belief sich die Quote auf 68 Prozent und in der EU waren fast drei Viertel der Berechtigten mindestens mit der ersten Dosis geimpft – weltweilt verlief die Verteilung der Impfstoffe allerdings holprig.

Nationen wie Indonesien, Indien und viele afrikanische Länder hatten durch COVID-19 den Verlust vieler Menschenleben zu beklagen, während die Impfkampagnen dort sehr viel langsamer anliefen. Grund dafür ist unter anderem, dass das Covax-Programm der Vereinten Nationen, das Vakzine in den ärmeren Ländern der Welt verteilen soll, mit Schwierigkeiten bei der Beschaffung und Auslieferung der Vakzine zu kämpfen hat. Die WHO hat deswegen die wohlhabenden Länder dazu aufgerufen, ärmeren Nationen Impfstoffe zu spenden.

Doch selbst dort, wo Vakzine in ausreichender Menge zur Verfügung stehen, nimmt die Geschwindigkeit der Impfkampagnen ab. In Deutschland stagniert der Impffortschritt seit Juli 2021. Nachdem sich zu Hochzeiten der Kampagne Anfang Juni 2021 an einem Tag fast 1,5 Millionen Menschen impfen ließen, wurde im August 2021 selbst an erfolgreichen Tagen nicht einmal die 500.000er-Marke erreicht – und das, obwohl es noch viele Ungeimpfte im Land gibt. In den USA werden im Vergleich zum April 2021 im August 82 Prozent weniger Impfungen pro Tag verabreicht. Die Intensivstationen füllen sich wieder und in Gebieten, in denen nur wenige Menschen geimpft sind, steigen die Fallzahlen.

Indem man dem Virus die Gelegenheit bietet, sich zu verbreiten und zu mutieren, nimmt man die Entstehung neuer Varianten in Kauf, die nicht nur ansteckender, sondern auch schwerer zu bewältigen sind. Die Delta-Variante ist bisher die ansteckendste. Sie wurde zuerst in Indien festgestellt, wo sie im April 2021 zu einer der weltweit verheerendsten Infektionswellen geführt hat. Ein ähnlich dramatischer Ausbruch folgte eine Weile später in Indonesien. Antikörper-Daten zeigen, dass sich in der Hauptstadt Jakarta mehr als die Hälfte der Einwohner mit der Delta-Variante infiziert haben. Erste Untersuchungen lassen befürchten, dass die neue Lambda-Variante sogar gegen manche COVID-19-Vakzine resistent sein könnte.

Der Kampf gegen das schnell mutierende Virus ist komplex. „Manchmal muss man zwei Schritte vorwärts und dann einen zurück gehen“, sagt Michael Osterholm, Leiter des Center for Infectious Disease Research and Policy an der University of Minnesota.

Wer bestimmt, wann die Pandemie vorbei ist?

Wissenschaftlern und Historikern zufolge wäre es auch möglich, dass die Bevölkerung selbst die Pandemie für beendet erklärt, bevor es die Behörden tun.

Hierfür gibt es ein historisches Beispiel: Die Spanische Grippe brach 1918 inmitten der Wirren des Ersten Weltkriegs aus. Als dieser vorbei war, herrschte „ein großes Verlangen danach, diese Dekade hinter sich zu lassen und in eine neue Zukunft zu starten“, erklärt Naomi Rogers, Professorin für Medizingeschichte an der Yale University. Die Menschen warfen sich voller Euphorie in die Goldenen Zwanziger, obwohl das Spanische Grippevirus noch immer in der Bevölkerung zirkulierte.

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Sollte die Gesellschaft der Wissenschaft zuvorkommen, würde das schwere Konsequenzen nach sich ziehen – und auch viele Tote. Die Grippe ist heute zwar endemisch und keine Pandemie mehr, trotzdem hat beispielsweise die besonders starke Grippewelle in der Saison 2017/2018 mehr als 25.000 Menschen in Deutschland das Leben gekostet.

„Wenn wir es schaffen, die Sterberate auf ein gewisses Level zu reduzieren und mit unserem Leben wie gewohnt weiterzumachen, könnte man sagen, dass die Pandemie vorbei ist“, erklärt Jagpreet Chhatwal, Entscheidungswissenschaftler am Massachusetts General Hospital Institute for Technology Assessment in Boston. Doch auch dann seien Impfungen nötig, um die Pandemie auf einen endemischen Stand zu bringen.

„Wir alle wünschen uns das Leben zurück, das wir vor der Corona-Pandemie hatten“, sagt Andrew Azman, Epidemiologe an der John Hopkins Bloomberg School of Public Health. „Die Menschen werden nicht auf grünes Licht von der WHO warten wollen.“

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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