Geschichte und Kultur

Aufstieg und Fall der Templer: Der Mythos, der nicht sterben will

Der bewaffnete religiöse Orden wurde zum Schutz von Pilgern gegründet und inspiriert moderne Terroristen. Woher kommt diese Anziehungskraft? Montag, 4 Dezember

Von Simon Worrall

Obwohl ihr Orden vor über 700 Jahren aufgelöst wurde, scheinen die Tempelritter in der Gegenwart noch immer präsent. Sowohl Terroristen als auch Drogenkartelle nehmen Bezug auf sie. Dan Browns Bestseller „Sakrileg“ wurde teils von einer der berühmtesten Legenden der Templer inspiriert: dass die Ritter die Beschützer des Heiligen Grals seien.

In „The Templars: The Rise and Sepctacular Fall of God‘s Holy Warriors“ (dt. Die Templer: Der Aufstieg und spektakuläre Fall der Heiligen Krieger Gottes) trennt der britische Historiker Dan Jones Fakt von Fiktion, um die wahre Geschichte dieses legendären Ordens zu erzählen.In einem Pub in London erklärt Jones, wie die Templer von Beschützern der Pilger während der Kreuzzüge zu den Hütern eines riesigen Finanzimperiums wurden, welche Gemeinsamkeiten sie mit dem IS hatten und warum ihre Kreuzzug-Mentalität und ihre anti-muslimische Rhetorik eine neue Generation von Rechtsextremen und Neonazis inspirieren.

Die meisten von uns kennen die Templer durch „Sakrileg“. Wie groß sind die Übereinstimmungen des Buches mit den historischen Fakten?

Verschwindend gering! [Lacht] „Sakrileg“ präsentiert sehr effektiv eine Pseudohistorie der Templer und Konzepte wie die Bruderschaft Prieuré de Sion oder den Heiligen Gral als Metapher für die Blutlinie von Christus. Das hat das Interesse der Menschen definitiv gefesselt.

Wenn man die Passagen über die Templer in „Sakrileg“ liest, sind sie eine wundervolle Mischung aus den Mythen über die Templer und ihrer tatsächlichen Geschichte. Er geht nahtlos von Fakten – zum Beispiel ihrer Gründung im Jahr 1119 in Jerusalem – zu Mythen und Spekulationen über, die sich allesamt um die Templer drehen. Der Effekt fühlt sich sehr real an, aber insgesamt ist es ein Hokuspokus aus Spekulationen und Halbwahrheiten.

Gehen wir an den Anfang zurück. Wer waren die Templer? Und wo agierten sie?

Ihre Anfänge können nach Jerusalem und zu den Nachwirkungen des Ersten Kreuzzugs zurückverfolgt werden. Nach dem Ersten Kreuzzug, als die muslimische Besatzung der Stadt von einer christlichen abgelöst wurde, gab es einen Zustrom von Menschen aus dem Westen, die in die Stadt zogen. Wie wir aus den Tagebüchern der Pilger wissen, hatten sie die Erfahrung gemacht, dass das Gebiet im Umkreis Jerusalems und der heiligen Stätten äußerst gefährlich war.

In den Tagebüchern gibt es Beschreibungen von Leichen, die sich am Straßenrand auftürmten, wo die Menschen von Banditen überfallen und ihre Leichname den wilden Tieren überlassen wurden. Ungefähr im Jahr 1119 beschloss eine Gruppe von Rittern, die größtenteils Franzosen aus der Region Champagne waren, einen Straßenrettungsdienst zu gründen. Diese Art mittelalterlicher ADAC sollte die Pilger rund um Jerusalem beschützen.

In den folgenden Dekaden wuchsen sie von einem Rettungstrupp für Pilger zu einer elitären, paramilitärischen Einheit in den Armeen der Kreuzzüge an. Schon in den Anfängen ihrer Geschichte wurde ihnen Unterkunft in einem Gebäude gewährt, das wir heute als al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg kennen.

Mitunter werden sie als „Kriegermönche“ beschrieben, aber das ist etwas irreführend. Es waren nicht wirklich Mönche, obwohl sie ein mönchsgleiches Leben führten, das sich ursprünglich an den Regeln der Zisterzienser orientierte. Ihr vollständiger Name lautete Arme Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem – oder kurz: Tempelritter.

Als ich Ihr Buch las, fielen mir die vielen Ortsnamen auf, die man heutzutage jeden Abend in den Nachrichten liest, von Aleppo über Gaza bis zur al-Aqsa-Moschee. Welche Parallelen gibt es zwischen der damaligen und der heutigen Zeit?

Es geht um unlösbare, scheinbar endlose Konflikte in Syrien, Palästina und Ägypten – Kriege zwischen Sunniten, Schiiten und christlich-westlichen Invasoren. Als ich das Buch schrieb, war die Tatsache, dass wir an Orte wie Aleppo, Mosul oder Damaskus gingen, eine Erinnerung an die zahlreichen Probleme, die es zu Zeiten der Kreuzzüge und auch heute noch gibt.

Auf mittelalterlichen christlichen Karten wurde das Gebiet um Jerusalem herum als Zentrum der Welt dargestellt, sowohl geografisch als auch spirituell. In gewisser Weise ist es noch immer das Zentrum der Welt – ein Krisenherd, durch den Handelswege führen und an dem seit vielen Jahrhunderten religiöse Auseinandersetzungen ausgetragen werden.

Der Begriff „Kampf der Kulturen“ ist heutzutage beliebt bei rechten Denkern, um dem Konflikt zwischen dem Westen und dem Islam zu beschreiben. Wäre es unfair, die Templer als eine Art christliche Version des IS zu bezeichnen?

Vor ein paar Wochen las ich das kürzlich erschienene Buch von Joshua Green über Steve Bannon und Donald Trump. Darin beschreibt Green einen Teil von Bannons Lektüre, zu der auch der französische Autor Rene Guenon zählt. Dieser hatte argumentiert, dass der Fall der Templer ein Schlüsselmoment in einem lang anhaltenden Kampf der Kulturen sei.

Es ist recht einfach, die Geschichte der Kreuzzüge als einen Kampf der Kulturen zu lesen, auch wenn ich das nicht für ganz richtig halte. Es ist teils ein Kampf der Ideologien, aber es ist auch eine Massenschlägerei und ein Kampf um ein fast weltweit mythologisiertes Gebiet.

Was die Templer als mittelalterlichen IS betrifft, glaube ich, dass es oberflächlich viel in den Methoden und Ideologien einer Gruppe wie dem Islamischen Staat gibt, das wir auch in den meisten christlich-militanten Gruppen des Mittelalters wiederfinden können. Ganz oben spielt da die zentrale Bedeutung des Märtyrertums eine Rolle. Ebenso gibt es die Vorstellung, dass ein einzelnes Mitglied einer Organisation austauschbar ist, aber die Ideologie das ist, was die Organisation zusammenhält – und einen Glauben daran, dass der Sieg erst dann errungen ist, wenn das Heilige Land von allen befreit wurde, die keine wahren Gläubigen sind.

Die Templer waren nicht nur christliche Krieger, sondern kontrollierten schlussendlich auch ein großes finanzielles Netzwerk, zu dem Grundbesitz, Banken und sogar eine Art Vorläuferversion von Western Union gehörten. Geben Sie uns einen Einblick in dieses Imperium.

Absolut richtig! Schon in sehr frühen Jahren erhielten sie materielle und finanzielle Spenden von frommen Christen, die Pluspunkte beim Allmächtigen sammeln, aber nicht selbst kämpfen wollten. [Lacht] Dadurch bauten die Templer ein Netzwerk aus Land- und Grundbesitz in Irland, England und Frankreich und in den Königreichen Spanien, Portugal, Italien, Ungarn, Deutschland und sogar Zypern auf.

Diese Grundstücke wurden so verwaltet, dass sie das größtmögliche Einkommen brachten, weshalb die Templer einen extremen Reichtum in Form von Geld und Besitz anhäuften. Bis zum 13. Jahrhundert konnten sie ihren Reichtum außerdem zwischen ihren Gebieten hin und her bewegen. Wir wissen, dass der Papst während des Fünften Kreuzzugs von 1213 bis 1221 die Templer als Steuereintreiber benutzte, weil sie die Fähigkeit hatten, umherzuziehen, Steuern einzutreiben und diese dann zu den Kreuzzügen zu bringen.

Die Templer hatten eine besonders enge Verbindung zum König von Frankreich. Als Ludwig IX. während des Siebten Kreuzzugs das Geld ausging, waren die Templer aktiv daran beteiligt, seine Armeen zu versorgen und Schiffe zu leihen, um die Kreuzfahrer nach Ägypten zu transportieren. Während des Kreuzzugs wurde Ludwig IX. gefangen genommen und die Templer zahlten den letzten Teil des Lösegelds, das sie innerhalb eines Tages in bar von den Geldvorräten auf ihren Schiffen zusammen bekamen.

Die Templer werden oft als Banker beschrieben, und ich benutze diesen Begriff auch als Kurzform in meinem Buch. Aber ich glaube, es wäre treffender zu sagen, dass sie mittelalterliche finanzielle Dienstleistungen anboten. Sie agierten nicht nur als eine Art unausgereifte Bank mit Einzahlungen und Abhebungen, sondern vergaben in vielen verschiedenen Ländern auch Unteraufträge, um die Staats- und Steuerkassen der französischen Krone und des Papstes zu füllen.

Der Reichtum der Templer führte letztendlich zu ihrem plötzlichen und brutalen Untergang unter dem französischen König Philipp IV. Erklären Sie uns diesen Vorgang und beschreiben Sie, welche Rolle „Fake News“ dabei spielten.

1291 gingen die Gebiete der Kreuzfahrer verloren und die Templer wurden aus dem Heiligen Land geworfen und mussten sich nach Zypern zurückziehen. Das hatte ungefähr 15 Jahre der Introspektion für die christlich-westliche Welt zur Folge. In den feinen Kreisen Westeuropas machte die Idee die Runde, dass es Zeit für eine Reform der Militärorden wäre. Das schloss die Auflösung der Templer und die Gründung eines neuen Militärordens ein.

1306 wurde Jacques de Molay, der letzte Großmeister des Templerordens, nach Europa bestellt, um die Pläne für einen neuen Kreuzzug zu besprechen und um den Orden gegen den Vorschlag zu verteidigen, dass er aufgelöst werden solle. Der Papst, vor dem er sich rechtfertigen musste, Clemens V. aus der französischen Gascogne, stand im Grunde unter der Fuchtel von Philipp IV.

Am Freitag, den 13. [Oktober] 1307, legte Philipp den Grundstein für einen Angriff auf die Templer, um sich ihren Reichtum anzueignen und seine Position als christlicher Reformkönig zu stärken. Er schickte Vertreter in jedes Templerhaus Frankreichs, um jeden Templer festzunehmen und einzusperren, den sie finden konnten. Viele wurden gefoltert und in Schauprozessen vorgeführt.

Die Anschuldigungen gegen sie entsprachen dem modernen Begriff der „Fake News“. Man suchte sich Aspekte des Templerlebens heraus – beispielsweise den Friedenskuss –und blies sie zu sexuellen Unschicklichkeiten und unsittlichem Verhalten auf.

Die Verfolgung der Templer in Frankreich und in jedem Gebiet, in dem sie agierten, dauerte von 1307 bis 1312. In dieser Zeit wurden sie auf dem päpstlichen Konzil von Vienne offiziell aufgelöst. Zwei Jahre später wurden Jacques de Molay und andere Meister der Templer aus dem Gefängnis geholt, um vor einer Gruppe von Kardinälen für ihre persönlichen Missetaten verurteilt zu werden. Jacques de Molay und einer seiner Kollegen zogen ihre vorherigen Geständnisse der Ketzerei zurück, die sie unter Folter gemacht hatten, und wurden in Paris verbrannt.

Ein Augenzeuge berichtete, dass der Großmeister der Templer im Moment seines Todes Gott bat, sich an jenen zu rächen, die ihn gepeinigt hatten. Und siehe da, innerhalb eines Jahres waren sowohl Philipp IV. als auch Papst Clemens V. tot. [Lacht]

Der norwegische Terrorist und Rechtsextreme Anders Breivik behauptete, Teil einer wiederbelebten internationalen Templerzelle zu sein. Glauben Sie, dass da etwas dran ist und dass diese Organisation in der heutigen Zeit zahlreicher Splittergruppen ein Comeback erleben könnte?

Anders Breivik behauptete, ein Gründungsmitglied des wiederbelebten Templerordens zu sein. Er sagte, dass neun Gründungsmitglieder sich in London trafen und beschlossen, einen neuen Templerorden mit der Mission zu gründen, Muslime in Europa zu bekämpfen und zu schädigen.

Die Bildsprache und der Symbolismus der Templer hat einen unglaublichen Reiz, besonders für Neofaschisten, Rechtsextreme und Islamhasser, die glauben, wir befänden uns in einem kosmischen Kampf der Zivilisationen zwischen dem Christentum und dem Islam. Ob nun Freimaurer oder mexikanische Drogenkartelle wie Los Caballeros Templarios – zahlreiche Leute haben den Symbolismus, die Regeln und die Überzeugungen der Templer zweckentfremdet, um ihre eigenen modernen Ziele zu verfolgen.

Die Templer inspirieren weiterhin Bücher, Filme und sogar Videospiele wie „Assassin‘s Creed“. Was glauben Sie, woran das liegt? Und was können wir von ihnen lernen?

In dieser unglaublichen Geschichte sind außergewöhnliche Mythen, Legenden und Symbolismus verwoben. Das fesselt das Interesse der Leute heute ebenso, wie es das zu Zeiten der Templer getan hat. Im 13. Jahrhundert platzierte der deutsche Dichter Wolfram von Eschenbach die Templer als Beschützer des Heiligen Grals im Herzen seines Artus-Epos „Parzival“. Sie symbolisieren etwas Exotisches, Sonderbares und Mysteriöses, das uns heute sowohl fremd als auch verlockend vertraut erscheint.

Dieses Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit redigiert.

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