Geschichte und Kultur

Das Genie, das die Wissenschaft revolutionierte – und fast vergessen wurde

Der Naturforscher Francis Willughby war der Erste, der wissenschaftliche Praktiken anwandte, die wir heute für selbstverständlich halten. Tuesday, September 4, 2018

Von Simon Worrall
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Wir alle kennen die Namen Isaac Newton und Charles Darwin. Aber aus irgendeinem Grund wurde ausgerechnet der britische Naturforscher Francis Willughby, der unser Verständnis der Welt revolutioniert hat, eines der vergessenen Genies der Wissenschaft. Für sein neues Buch „The Wonderful Mr. Willughby“ hat Tim Birkhead die staubigen Archive nach den Spuren dieses wegweisenden Wissenschaftlers aus dem 17. Jahrhundert durchkämmt, um ihn einem neuen Publikum vorzustellen.

In einem Interview erklärt Birkhead, dass Willughby von Systematiken besessen war, warum der Fischmarkt von Venedig eine wahre Fundgrube für ihn darstellte und warum ein seltener Bussard nach ihm benannt werden sollte.

Francis Willughby war ein unbekannter Naturforscher aus dem 17. Jahrhundert, der Bücher auf Latein geschrieben hat. Warum sollten wir uns heutzutage für ihn interessieren?

Wir sollten uns für ihn interessieren, weil Willughby ein Pionier der wissenschaftlichen Revolution und Ornithologie war. Großbritannien hatte gerade die Bürgerkriege hinter sich gebracht und es lag eine gewisse Aufbruchsstimmung in der Luft. Ein Teil dieser Stimmung ergab sich aus der Art und Weise, wie die Menschen die Welt betrachteten, insbesondere die natürliche Welt.

Willughby stammte aus einer wohlhabenden, wenn auch nicht übermäßig reichen Familie, die viel Wert auf Bildung legte. Als er mit 17 Jahren die University of Cambridge besuchte, war John Ray einer seiner Lehrer. Die beiden verstanden sich auf Anhieb und machten sich diese neue Art, die Natur zu betrachten, zu eigen. Eines der Grundprinzipien lautete, den alten Gelehrten wie Aristoteles nicht zu vertrauen, sich nicht auf die Aussagen anderer Personen zu verlassen, sondern selbst Beweise zu finden und die Dinge mit eigenen Augen zu sehen.

Heutzutage klingt das banal, aber damals war das eine ganz neue Denkweise, und in dieser Hinsicht betrachte ich Willughby als einen Pionier. Wir sollten uns auch deshalb für ihn interessieren, weil er eine vergessene Figur ist. Er ist jung gestorben und viele seiner Aufzeichnungen sind verloren gegangen. Deshalb ist er an den Rand der Geschichte gedrängt worden, während John Ray, der sich sehr darum bemüht hat, Willughby zu fördern, ihn am Ende überschattete.

Willughby und Ray sind zusammen durch weite Teile Europas gereist. Erzählen Sie uns etwas über den Zweck und den Umfang ihrer Reisen und warum der venezianische Fischmarkt einer ihrer Höhepunkte war.

Während ihrer Studientage unternahmen sie innerhalb Großbritanniens mehrere Reisen, um Meeresvogelkolonien zu erforschen. Nach ihren Reisen zum Lake District in Wales und in den Südwesten Englands planten sie eine große Expedition auf den Kontinent. Für Willughby und Ray sowie die beiden Kollegen, die sie begleiteten, waren das absolute Bildungsreisen. Sie wollten sich alles ansehen, wollten andere Wissenschaftler und Institutionen besuchen und Informationen sammeln. Ich kann mir vorstellen, wie sie sich abends Notizen gemacht haben und versuchten, sich an alles zu erinnern, das sie tagsüber gesehen hatten. Sie sind größtenteils auf Pferden oder Maultieren gereist. Wenn Sie Glück hatten, waren sie auf einem Schiff unterwegs und konnten sich ein wenig entspannen.

Der kulturelle und intellektuelle Höhepunkt waren die drei Monate, die sie in Venedig verbrachten. Sie hatten gerade eine mühsame Überquerung der Alpen hinter sich, und als sie in Norditalien ankamen, waren sie völlig überwältigt von der vielfältigen Vegetation und Venedig selbst, insbesondere dem Fischmarkt. [Lacht] Willughby war nicht nur an Vögeln interessiert, sondern plante auch ein Buch über Fische. Dort auf dem Markt fand er hunderte Exemplare.

Was Willughby nicht nur in wissenschaftlicher Hinsicht so besonders machte, war, dass er sehr systematisch vorging und genau wusste, welche Informationen er aus diesen Exemplaren gewinnen wollte. Er begann mit einer Beschreibung der äußerlichen Merkmale, sowohl bei Fischen als auch bei Vögeln, und er nahm Maß. Wie lang waren die Schnäbel der Vögel oder die Strahlen an der Rückenflosse eines Fisches? Solche Messungen waren ein fundamentaler Bestandteil der wissenschaftlichen Revolution. Nachdem sie mit der äußeren Betrachtung fertig waren, sezierten sie das Tier und sahen sich seine Innereien an. Willughby suchte etwas, das er als „charakteristisches Merkmal“ bezeichnete. Durch welche Merkmale – innerliche oder äußerliche – unterschied sich eine Art von einer anderen, und welche Merkmale waren verschiedenen Gruppen von Tierarten gemein?

Das berühmteste Werk von Willughby und Ray war „The Ornithology“. Erklären Sie, wie es entstand und warum es so bahnbrechend war.

Eine der Herausforderungen eines Wissenschaftshistorikers besteht darin zu versuchen, sich in [Willughby und Ray] hineinzuversetzen. Heutzutage steht uns so viel Wissen zur Verfügung, insbesondere über Vögel. Für Willughby und Ray sah das noch ganz anders aus. Es gibt all diese unterschiedlichen Arten: Wie kann man zum Beispiel einen Bluthänfling von einem Birkenzeisig unterscheiden? Die sehen sich ziemlich ähnlich! Das war eine enorme Herausforderung, aber Willughby und Ray gingen ganz wunderbar systematisch vor. Sie beschafften sich Exemplare und durchliefen das ganze Prozedere: beschreiben, sezieren und klassifizieren. „The Ornithology“ von Francis Willughby ist vom Aufbau her enorm durchdacht. Daher wurde das Buch gewissermaßen zur Bibel für jede nachfolgende Enzyklopädie über Ornithologie oder Naturgeschichte.

Das Ziel der beiden war es, jede bekannte Vogelart zu beschreiben. Zum Glück dachten sie damals noch, dass das etwa 500 Arten sein würden. Heutzutage wissen wir, dass es mindestens 10.000 sind, was völlig überwältigend gewesen wäre. Sie haben versucht, jeden bekannten europäischen Vogel zu sehen und zu beschreiben. Außerdem haben sie Berichte von Reisenden aus Brasilien oder Mexiko mit aufgenommen. Das Zeug aus Südamerika muss ein absoluter Albtraum gewesen sein, weil die Namen nur phonetisch waren und kaum aussprechbar sind! Es gab also eine Menge Potenzial für Verwirrung.

Willughby hat auch einen Abschnitt über mythische Vögel verfasst. Erzählen Sie uns vom „Daie“.

Ich glaube, es war Ray, der sagte: „Wir müssen irgendeine Möglichkeit finden, mit denen Sachen umzugehen, bei denen wir uns nicht sicher sind oder von denen wir nicht überzeugt sind.“ Darum gibt es im hinteren Bereich des Buches einen Abschnitt namens „Vögel, die wir für Fabelwesen halten“, also vermeintliche Fantasievögel. Darin sind auch Arten aufgelistet, die sie nicht selbst sehen konnten. Der Daie war einer davon.

Der Beschreibung nach berichtete jemand aus Magellans Reisegesellschaft davon: ein Vogel, der seine Eier nicht selbst ausbrütete, sondern sie in den Boden legt – trotzdem schlüpften Küken daraus. Ray hat diesen Bericht gelesen und sagte: „Ich wage mal mutig zu behaupten, dass diese Geschichte völlig erdacht ist.“

Beim Daie handelte es sich tatsächlich um das philippinische Großfußhuhn Megapodius cumingii. Es legt seine Eier in warmen vulkanischen Boden oder in verwesende Vegetation, genau wie das Australische Buschhuhn. Bei solchen Dingen waren Ray und Willughby allerdings vorsichtig. Sie dachten vermutlich, dass es sich um mythische Vögel handelte, hatten in dem Fall aber Unrecht. Ein anderer Vogel aus dieser Kategorie war der Hoatzin. Ray und Willughby hatten die Information, dass er sich von Schlangen ernährte. Tatsächlich ist es ein vegetarischer und äußerst ungewöhnlicher Vogel. Er verwendet viel Zeit und Energie darauf, die Blätter, die er frisst, in seinem Verdauungstrakt zu fermentieren und zu verdauen.

Willughby hat auch ein Buch über Spiele geschrieben. Erzählen Sie uns davon. Warum hat ihn der Drall eines Tennisballs so interessiert?

Eine sehr interessante Frage! Das war ein Manuskript, das sich im Willughby-Haushalt befand, aber erst in den Siebzigern und Achtzigern wiederentdeckt wurde. Viel von Willughbys Material wurde der Nottingham University Library zur Aufbewahrung übergeben, und das „Book of Games“ befand sich ebenfalls unter seinen Aufzeichnungen. Es ist ein unglaublich bedeutendes Dokument – nicht wegen seiner Beschreibungen von Spielen, sondern, weil es eine Analyse und Systematik von Spielen war, darunter auch Fußball und Brettspiele.

Willughby war besessen von Systematiken: Er klassifizierte Vögel, Fische oder – wie in diesem Fall –Spiele. Sein Buch ist eine Beschreibung von Spielen und wie sie gespielt werden. Sowohl Willughby als auch Ray waren ausgezeichnete Mathematiker und von Glücksspielen fasziniert. Wie stehen die Chancen, mit ein oder zwei Würfeln eine oder zwei Sechsen zu würfeln? Wie hoch ist die Chance, vier Asse auf der Hand zu haben? Er hat seine mathematische Expertise genutzt, um zu versuchen, den Ausgang bestimmter Spiele nachzuvollziehen.

Als Willughby in Cambridge war, waren dort auch Leute wie Isaac Newton, der sich für die Mathematik der Planeten und ihre Rotation interessierte. Willughby erkannte, dass es möglich sein könnte, die Bahn von etwas wie einem Tennisball mit oder ohne Drall zu berechnen. Das war nur eine der unglaublich schwierigen mathematischen Fragen, mit denen er sich beschäftigte.

Willughby starb jung und bereitete seiner Familie und seinen Kollegen „Jahrzehnte von Problemen“, wie Sie es ausdrückten. Gewähren Sie uns einen Einblick in die Irrungen und Wirrungen seines Erbes – und in den seltsamen Fall von Willughbys Bussard.

Der arme Willughby starb im Alter von 36 Jahren an einer unbestimmten Krankheit, die in verschiedenen Quellen als Wechselfieber angegeben wurde, womöglich war es aber auch eine Lungenentzündung. Vor seinem Tod versprach ihm Ray: „Ich werde mich darum kümmern, dass das ganze Material, das wir gesammelt haben, veröffentlicht wird.“ Mit diesem Versprechen konnte Willughby zufrieden sterben. Nach seinem Tod lebte Ray weiterhin im Willughby-Haushalt, der von Willughbys Mutter geführt wurde – der Matriarchin. Dort lebten auch Willughby Witwe und seine drei Kinder. Ein paar Jahre später, als Ray gerade an „The Ornithology“ arbeitete, starb Willughbys Mutter. Er schrieb einen Brief an jemanden und sagte: „Das wird meine Situation jetzt ein bisschen heikel machen.“

Bald darauf heiratete Willughbys Witwe Emma einen Mann namens Josiah Child, der damals zu den wohlhabendsten Menschen in ganz Großbritannien gehörte. Leider war er auch ein zutiefst unangenehmer Mensch. Sie musste ihm gegenüber loyal sein, aber ihre drei Kinder hassten ihn. Ihr elfjähriger Sohn rannte sogar weg, um bei seiner Tante zu leben, weil er seinen Stiefvater nicht länger ertragen konnte. Ein paar Jahre später lief ein weiterer Sohn davon.

Child hasste John Ray und sagte über ihn: „Wer ist dieser Mann, der hier so eine Unordnung macht?!“ Schließlich wurde er ihn los, sodass Ray keinen Zugang zu den Aufzeichnungen mehr hatte, was sein Leben erheblich erschwerte. Aber Ray war fest entschlossen. Er stellte „The Ornithology“ fertig und begann dann mit der Arbeit an dem Buch über Fische, für das er weitere 20 Jahre benötigte. Danach begann er sein Buch über Insekten, das er fertigstellte, als er bereits im Sterben lag. Seine Beine waren vereitert und es ging ihm furchtbar. Ich glaube, er arbeitete immer weiter und weiter, um sich von den Schmerzen abzulenken. Er hat aber auch seine eigenen Werke veröffentlicht, was dazu beitrug, dass Willughby an den Rand der Geschichte gedrängt wurde.

Im Laufe der Jahre haben die Leute aber Willughbys Archive durchsucht und erkannt, welchen Beitrag er für die Naturkunde geleistet hat. Darum gibt es jetzt einen Fisch namens Salvelinus willoughbii und eine ganze Pflanzengattung, die seinen Namen trägt. Es gibt sogar eine Willughby-Biene (Megachile willughbiella)! Aber es gibt keinen Willughby-Vogel. Da Willughby der Erste war, der den Wespenbussard beschrieben hat, finde ich, wir sollten ihn in Willughby-Bussard umbenennen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass das passiert, aber ich mag die Vorstellung. [Lacht]

Dieses Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit redigiert.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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