Gezüchtet, um zu sterben: Spaniens todgeweihte Jagdhunde

Jedes Jahr werden Tausende Hunde der Rasse Galgo Español nach der Jagdsaison einfach getötet oder ausgesetzt. Dank der Bemühungen von Tierschutzorganisationen findet aber langsam ein Umdenken statt.

Veröffentlicht am 4. März 2020, 14:39 MEZ, Aktualisiert am 5. Nov. 2020, 05:58 MEZ
Rebecca Allen posiert mit ihren aus Spanien geretteten Galgos Luke (rechts) nd Sirius in Alexandria, Virginia.
Rebecca Allen posiert mit ihren aus Spanien geretteten Galgos Luke (rechts) nd Sirius in Alexandria, Virginia.
Bild Rebecca Hale, National Geographic

Luke und Sirius sind spanische Windhunde der Rasse Galgo Español. Sie spielen und toben an einem nebeligen Oktobermorgen in ihrem Garten in Alexandria, Virginia. Sie mal für ein paar Sekunden zum Stillhalten zu bewegen, damit National Geographic-Fotografin Rebecca Hale ein Foto von ihnen machen kann, ist gar nicht so leicht. Als dann ein Hörnchen einen Baum hochklettert, ist eh alles vorbei. Lukes Ohren richten sich auf – und weg ist er.

Die Hunde haben einen langen Weg hinter sich. Sie kommen aus Murcia in Spanien, wo sie von ihren Besitzern verstoßen wurden. Im Juli 2013 fanden ein paar mitleidige Menschen Luke und zehn andere Welpen zusammen mit deren Mutter auf der Straße. Zwei Monate später fand man Sirius an einer Straße vor Murcia. Er lag neben dem Kadaver eines anderen Galgos, der erschossen worden war. Der etwa anderthalbjährige Sirius war seinem toten Gefährten nicht von der Seite gewichen.

Galgos sind eine sehr alte Jagdhundrasse, die einst ausschließlich von spanischen Adeligen gezüchtet wurde. Heutzutage sind sie für etliche Züchter eher ein Wegwerfprodukt. Jedes Jahr werden zehntausende von ihnen auf grausame Weise in Spanien getötet. Zahllose weitere werden ausgesetzt.

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Äußerlich ähneln sie Greyhounds, sind aber kleiner und leichter gebaut und mit glattem oder rauem Fell. Menschen, die mit Galgos arbeiten, bezeichnen die Hunde oft als loyal, freundlich und verschmust.

„Sie sind tolle Hunde“, sagt Abigail Christman, die Gründerin des Galgo Rescue International Network (GRIN) mit Sitz in Colorado. „Sie sind wie Greyhounds mit einem Sinn für Humor. Sie haben ein bisschen mehr Feuer und sind etwas aufmüpfiger.“

Galgueros, die Züchter dieser Rasse, setzen die Tiere in Spanien für die Hasenjagd und Windhundrennen ein. Bei der Hasenjagd – einer kontroversen Praxis – hetzen die Hunde im offenen oder umzäunten Gelände einem fliehenden Hasen nach. Beim Coursing, einer Form des Windhundrennens, wird der Hase durch einen Köder ersetzt. Jedes Jahr zwischen September und Februar veranstalten die Galgueros Coursing-Wettbewerbe. Im prestigeträchtigsten davon, der jeden Januar in einer anderen spanischen Stadt stattfindet, winkt dem besten Galgo der Copa de Su Majestad el Rey. Der Preis wird vom spanischen König Felipe VI. persönlich gesponsert.

“Letztes Jahr haben wir einen gefunden, dem jemand einen Schlagbolzen in den Hinterkopf gejagt hat.”

Marylou Hecht, GALGO Podenco Support

Um diesen künftigen Gewinner zu finden, züchten die Halter Galgos in rauen Mengen. Laut Tina Solera, der Gründerin der Rettungsorganisation Galgo del Sol mit Sitz in Murcia, werden die Hunde vielerorts im Land unter erbärmlichsten Bedingungen gehalten. Oft verbringen sie ihr Dasein angeleint in kleinen Betonbunkern und bekommen gerade genug Futter, um nicht zu verhungern – und bei den Jagdrennen einen verzweifelten Vorsprung vor ihren Konkurrenten zu haben. „Wir hatten Galgueros, die 70, 120 Galgos hatten, die nur von Krümeln und Brotresten lebten und sich gegenseitig gefressen haben, wenn sie gestorben sind“, sagt sie.

Um die Galgos auf maximale Geschwindigkeit zu trainieren, „werden oft 12, 15 Hunde genommen, an ein Motorrad oder Auto gebunden und dann geht’s los“, sagt Christman. „Wenn einer von ihnen stürzt oder sich verletzt – Pech gehabt.“
Bevor Solera 2007 mit ihrer jungen Familie von Großbritannien nach Murcia zog, hatte sie noch nie etwas von Galgos gehört. Bei ihrer Ankunft war sie schockiert von der schieren Anzahl herrenloser Hunde auf der Straße. Sie beschloss, etwas zu unternehmen: Seit 2011 konnte Galgo del Sol mehr als 1.000 Hunde von der Straße retten.

Luke und Sirius haben sich in ihrem neuen Zuhause gut eingelebt. Luke (hinten), der gemerkt hat, dass er bei diesem Foto nicht der Star war, hat sich kurzerhand mit aufs Bild geschmuggelt.
Bild Rebecca Hale, National Geographic
Sirius (vorne) hatte Narben am Körper, als man ihn gerettet hat. Über sein früheres Leben ist nichts bekannt.
Bild Rebecca Hale, National Geographic

Grauenvolle Tode

Nach ein oder zwei Jagdsaisons werden Galgos getötet, die den Erwartungen nicht gerecht werden. Laut Christman ereilt dieses Schicksal bis zu 100.000 Tiere pro Jahr.

„Es lässt sich kaum sagen, wie viele getötet werden, da wir nicht wissen, wie viele geboren werden“, sagt Solera. Gerade die ungebremste Vermehrung – die Hunde werden nur selten kastriert oder sterilisiert – trägt auch zu der hohen Zahl an „aussortierten“ Galgos bei. Für die Züchter sind die Hunde außerdem nur kurze Zeit von Wert. Weil zwischen den Jagdsaisons sieben Monate Pause liegen, wollen die Besitzer „sie nicht so lange am Hals haben“, erklärt Solera. 

Galgos werden in Brunnen ertränkt, in Flüsse geworfen, lebendig verbrannt oder mit Säure übergossen. Manchen werden die Beine gebrochen und danach werden sie im Wald ausgesetzt, sodass sie nicht wieder nach Hause laufen können. „2015 haben wir einen gefunden, dem jemand einen Schlagbolzen in den Hinterkopf gejagt hat“, erinnert sich Marylou Hecht. Sie ist die Direktorin des US-Arms von Galgo des Sol und der Organisation Galgo Podenco Support, die Galgos und Podencos nach Amerika vermittelt.

Manche Hunde werden auch erhängt. Tiere, die in den Wettbewerben gute Leistungen gezeigt haben, aber nicht mehr in Bestform sind, werden hoch über dem Boden an Bäumen aufgeknüpft – ein schneller Tod. Hunde, die ihre Galgueros mit schlechten Leistungen enttäuscht haben, werden mitunter ebenfalls erhängt – aber knapp über dem Boden, sodass ihre Pfoten ihn gerade noch so berühren. Ihre verzweifelten Versuche, Halt zu finden, während sie qualvoll ersticken, werden als „Klavierspielen“ bezeichnet, erklärt Christman.

“Das waren fast schon Familientreffen. Die Galgobesitzer nehmen Essen und Getränke mit und dann findet man dort die leeren Verpackungen und Weinflaschen bei den Kadavern.”

Alistair Findlay, World Animal Protection

Alistair Findlay von der gemeinnützigen Organisation World Animal Protection aus Großbritannien führte 2003 mehrere Monate lang verdeckte Ermittlungen zu diesen Hinrichtungen in der Provinz Castilla y León durch. „Das waren fast schon Familientreffen“, sagt Findlay über die Orte, an denen die Hunde erhängt werden. „Die Galgobesitzer nehmen Essen und Getränke mit und dann findet man dort die leeren Verpackungen und Weinflaschen bei den Kadavern.“

Die Federación Española de Galgos, die größte nationale Vereinigung von Galgueros, reagierte auf mehrere Anfragen nicht.

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Die Tierärztin Pilar Perez Martinez aus Murcia arbeitet regelmäßig mit den Hunden, die von Galgos del Sol gerettet werden. Auch sie ist eine Galguera und erzählt, dass viele Galgueros ihre Hunde lieben und ihnen nie etwas zuleid tun würden. Sie ist oft frustriert von dem Stigma, das den Galgueros anhaftet. „Ich fühle mich persönlich in vielen Situationen angegriffen, zum Beispiel, wenn ich mit meinen Galgos Gassi gehe und irgendwer einfach kommt und mich kritisiert, obwohl er weder mich noch meine Tiere kennt. Ich finde, dass die [Teilnehmer an den Rennen] von den Tierquälern getrennt betrachtet werden sollten“, sagt sie.

Die nächste Generation ist der Schlüssel

In den letzten Jahren hat sich die Situation für die Galgos ein wenig gebessert. Findlay zufolge werden weniger Tiere erhängt als noch 2003. Neue landesweite Gesetze gegen Tierquälerei traten 2004, 2007 und 2010 in Kraft, und viele Provinzen und Ortschaften haben seither ähnliche Vorschriften erlassen.

Trotz öffentlichkeitswirksamer Verfolgung von ein paar Galgueros, die ihre Hunde in Brunnen geworfen haben, wird die überwiegende Mehrheit der Täter aber nie bestraft, weil sie nur selten auf frischer Tat ertappt werden. „Es gibt keine konkrete Papierspur“, sagt Solera. Viele der Hunde sind nicht gechipt. Und selbst wenn, schneiden die Galgueros die Mikrochips heraus, ehe sie ihre Hunde „entsorgen“. Viele Retter melden solche Fälle zudem oft nicht, weil sie Angst vor Vergeltung haben. „Das ist ein sehr schwieriges Gleichgewicht“, sagt Solera. „Und eine sehr hässliche Industrie.“

“Die Leute drängten sich an die Wand, zeigten auf die Hunde und riefen ‚Galgos! Galgos!‘, als wären es Hyänen. ”

Marylou Hecht, GALGO Podenco Support

Mittlerweile gibt es einige Organisationen, die versuchen, das Leid der Tiere zu mindern. Der Lehrer Fermín Pérez betreibt Scooby Medina, das größte Tierheim Spaniens, und hat die internationale Aufmerksamkeit auf die Situation der spanischen Hunde gelenkt. Neben Galgos del Sol gibt es außerdem die Fundación Benjamin Menhert in Sevilla und 112 Carlota Galgos in Málaga sowie etliche weitere Organisationen speziell für die Rettung von Galgos.

Um in die USA auszureisen, brauchten Luke und Sirius ihre eigenen Ausweise, in denen ihre ursprünglichen Namen stehen: Bobby und Rubens. Pro Jahr werden etwa 150 Galgos nach Amerika vermittelt und unzählige mehr in andere europäische Länder.
Bild Rebecca Hale, National Geographic

Aber Rettung allein ist keine langfristig effektive Lösung, sagt Solera. Für sie liegt die größte Hoffnung in der Aufklärung der Öffentlichkeit. Das sei eine große Herausforderung, erklärt Hecht. In Spanien sind die Hunde nicht allzu beliebt. Also sie einmal mit Galgos über einen Flughafen lief, „drängten sich die Leute an die Wand, zeigten auf die Hunde und riefen ‚Galgos! Galgos!‘, als wären es Hyänen. Das sind keine Hunde, die man normalerweise an der Leine laufen sieht.“

Galgos del Sol nutzt Social Media und Reklametafeln, um für die artgerechte Behandlung der Tiere zu werben. Aber die Organisation redet auch direkt mit den Galgueros. „Wie sollen wir der Situation jemals Herr werden, wenn wir nicht wissen, was sie denken?“, sagt Solera. Sie nimmt an Veranstaltungen für Galgueros teil, hält dort Vorträge über die tiergerechte Behandlung von Hunden und verteilt Broschüren. Sie redet mit den Galgueros und ermutigt sie dazu, kontrollierter zu züchten.

Für „Generationen von Spaniern ist das das, was ihre Väter und ihre Großväter getan haben“, sagt Christman. „Der Schlüssel ist die nächste Generation“, findet deshalb auch Solera.

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Galgos del Sol arbeitet außerdem mit den Kindern in Murcia und sponsert ein lokales Fahrradrennteam – die Galgo Warriors –, spendiert die Trikots und bringt Galgos zu den Radrennen mit. Außerdem bringt die Organisation, ebenso wie andere Gruppen, Galgos in die Klassenzimmer und bringt den Kindern bei, wie man sich um die Hunde kümmert. Laut Solera könnten die Schulkinder die effektivste Kraft hinter einem landesweiten Sinneswandel werden – aber dafür müsste Tierwohl Teil des Stundenplans werden. Das ist keine leichte Aufgabe in einem Land, das sich noch immer von einer verheerenden wirtschaftlichen Rezession erholt. „Die Menschen haben keine Jobs und versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen. [Die Hunde] sind deshalb keine Priorität. Aber das heißt nicht, dass wir es nicht trotzdem versuchen können.“

In Städten wie Barcelona und Madrid ändert sich die Einstellung zu den Tieren bereits. Dort werden Galgos zu beliebten Haustieren für junge Menschen. Solera zufolge sind es aber gerade die ländlichen Regionen wie Murcia, in denen alte Ansichten und Einstellungen tief verwurzelt sind – und wo und ein Sinneswandel die größte Wirkung hätte.

„Früher konnte ich nicht mal aus dem Haus gehen, ohne Galgos auf der Straße zu sehen. Das passiert mir heute nicht mehr“, sagt sie. Auch wenn es also nur langsame Fortschritte gibt – immerhin gibt es sie überhaupt. „Unser Ziel ist, dass wir uns selbst überflüssig machen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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