Die letzten Reiter der Marquesas

Seit Jahrhunderten bewahren einige Bewohner der Marquesas in Französisch-Polynesien ihr Naturerbe und ihre unverwechselbare Reitertradition.

Wednesday, July 15, 2020,
Von Amy Alipio
Bilder Von Julien Girardot
Reiter am Sandstrand von  Hiva Oa

Jérémie Kehuehitu tanzt mit seinen Pferden an den schwarzen Sandstränden von Hiva Oa.

Bild Julien Girardot

Die Marquesas-Inseln gehören zu Französisch-Polynesien und stehen doch stolz für sich allein. Auf diesen zwölf Vulkaninseln, von denen sechs bewohnt sind, sucht man vergebens nach Stelzenhütten und türkisfarbenen Lagunen. Stattdessen bieten die Marquesas grüne Gipfel, die direkt ins Meer stürzen, von Wasserfällen gesäumte Täler und dramatische Felsspitzen. Neben diesem reichen Naturerbe setzen sich die Bewohner der Marquesas aktiv dafür ein, ihre Sprache und ihre unverwechselbaren kulturellen Traditionen der Tätowierung, des Tanzes und des Reitens am Leben zu erhalten.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Pferde auf die Insel Ua Huka gebracht – ein Geschenk des französischen Admirals Abel Dupetit-Thouars, der sie aus Chile mitbrachte. Die Inselbewohner zähmten sie im Laufe der Jahre. Die Huftiere wurden zum perfekten Transportmittel, um straßenlose Täler, steile Hänge und hohe Bergrücken zu überwinden. Pferde ermöglichten es den Inselbewohnern, weite Strecken auf der Jagd nach wilden Ziegen und Schweinen zurückzulegen, die traditionell in einem unterirdischen Ofen (umu) gekocht werden.

Zusammen mit dem Fleisch von der Jagd und dem Überfluss an Brotfrüchten, Kokosnüssen, Mangos, Bananen und anderen tropischen Früchten auf den Inseln sowie dem Reichtum des Meeres leben die Marquesaner seit Langem „sehr gut vom Land“, sagt der Fotograf Julien Girardot. Heutzutage, im Zeitalter von Autos und Straßen, „fährt fast jeder Marquesaner mit einem japanischen Pickup zum Laden, um Reis, Nudeln und tiefgefrorenes Hühnchen aus den USA zu kaufen“. Dennoch gebe es immer noch Menschen, die sich der Globalisierung der Inseln widersetzen und eine generationenalte Reiterkultur fortführen.

In einer Fotoserie erzählt Girardot, der seit sieben Jahren in Französisch-Polynesien lebt, die Geschichte von drei Reitern: Lucien „Paco“ Pautehea und Jérémie Kehuehitu, die beide auf der Insel Hiva Oa leben, und Vohi Brown von Ua Huka.

Die Pferde der Marquesas lieben die großen Blätter der Brotfruchtbäume.

Bild Julien Girardot

Auf Ua Huka gibt es mehr Wildpferde als Einwohner. Vohi, auf dessen Rücken das Bild eines steigenden Hengstes tätowiert ist, ist besonders geschickt darin, sie einzufangen, zu zähmen und zu trainieren. Er kümmert sich um seinen Pferdestall, wenn er nicht gerade im örtlichen Gästehaus Mana Tupuna Village arbeitet. Außerdem gewinnt er Kokosöl aus Kopra (getrocknete Kokosnuss) –eines der wichtigsten Exportgüter Französisch-Polynesiens. Und gelegentlich führt Vohi Besucher zu Pferd durch das trockene Hochland der Insel.

Vohi zähmt ein junges Pferd, das er am Tag zuvor mit seinen Freunden eingefangen hat. Er führt seit seiner Kindheit die gleichen vertrauensbildenden Übungen durch und ist im ganzen Archipel für seine Fertigkeiten als Pferdetrainer bekannt.

Bild Julien Girardot

Die Insel Hiva Oa ist im Westen – wenn überhaupt – vor allem für den Künstler Paul Gauguin bekannt, der dort seine letzten Lebensjahre verbrachte. Aber sowohl Paco (der die Hamau-Ranch betreibt) als auch Jérémie führen Pferdetrekking-Touren durch und zeigen den Besuchern dabei alles, was sie über ihre Insel wissen und lieben: ihre üppigen Landschaften, die nach Frangipani und Tiaré (der Nationalblume Tahitis) duften; die heilige Stätte Meae Iipona, wo alte Tikis voller Mana (eine spirituelle Kraft) stehen; und den Ausblick auf den weiten Ozean, der furchtlos dem unbekannten Horizont entgegendrängt – genau wie die letzten Reiter der Marquesas.

Eine Gruppe von Wildpferden läuft durch einen Wald auf der Hochebene von Hiva Oa.

Bild Julien Girardot

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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