Mythos Harpyie: Von der antiken Sturmdämonin zur belächelten Attraktion

Der größte Waldadler der Welt erhielt seinen Namen nach einem mythologischen Vogelmischwesen. Keine reine Willkür des Entdeckers, denn für viele hat die Harpyie auch heute noch etwas Menschliches.

Donnerstag, 14. Mai 2020,
Von Anna-Kathrin Hentsch
Harpyie Waldadler

Die Harpyie bekommt man in freier Wildbahn selten zu Gesicht. Dagegen sorgt sie in Zoos immer wieder für ungläubiges Staunen.

Bild R_Winkelmann/ pixabay.com

Ob live im Zoo oder virtuell im Internet - die Harpyie ist der größte Greifvogel der Welt und macht mächtig Eindruck bei ihren Betrachtern. Doch während die einen ehrfürchtig das majestätische und räuberische in ihrer natürlichen Erscheinung beschreiben, können die anderen den riesigen Vogel nicht ernst nehmen: Auf den ersten Blick vermuten viele einen kostümierten Menschen hinter dem metergroßen Adler. Sie schmunzeln über den gleichzeitig seriösen wie leicht trotteligen Blick des gefährlichen Räubers. Der kronenartige, schwarze Federschopf, der sich bei Erregung am Hinterkopf der Harpyie aufstellt, wird von einer Drohgebärde zu einem belustigenden Accessoire.

Steckt in dem Riesenvogel ein Mensch? Auf einige Beobachter wirkt die Größe der Harpyie surreal.

Bild Gualberto Becerra/ stock.adobe.com

So ganz kann sich auch ein ernsthafter Betrachter solchen anthropomorphen Assoziationen nicht entziehen. Der Harpyie menschliche Fähigkeiten und Eigenschaften zuzuschreiben, fällt sozialisierten Menschen leicht. Denn die Vermenschlichung von Tieren kennen wir aus den Geschichten unserer Kindheit. Sie haben ihre Wurzeln im Erzählen und sind Teil des kulturellen Gedächtnisses. Zu den meisten Kulturen gehören überlieferte Fabeln, in denen oftmals Tiere oder Mischwesen menschlich handeln.

Dieser Kupferstich von Matthäus Merian aus dem Jahr 1650, zeigt eine Harpyie. Diese Abbildung befand sich in der Historia Naturalis des John Johnston, der maßgeblichen Tierkunde des 17. Jahrhunderts.

Bild Mary Evans Picture Library 2017/ stock.adobe.com

Name und Mythologie der Harpyie

Auch als der Naturforscher Carl von Linné die Vultur harpyja 1758 nach ihrer Entdeckung erstmals in seinem Werk Systema Naturae wissenschaftlich beschrieb, assoziierte er Menschliches mit dem großen Vogel und nutzte zur Bezeichnung der Art die Harpyien aus der griechischen Mythologie:  Mischwesen zwischen Frau und Vogel, Töchter des Meeresgottes Thaumas und der Okeanide Elektra.

In der antiken Literatur ändert sich die Rezeption der Harpyien von schönen Schwestern zu grausigen Scheusalen. Beschreibt der griechische Autor Hesiod die Harpyien in „Theogonie“ noch als schönhaarige, mit dem Wind wetteifernde Schwestern mit schnellen Flügeln und als Vogelfrauen mit menschlichem Kopf und Flügeln, werden sie in der Argonautensage von Apollonios von Rhodos zu Vogelmischwesen mit Schnabel, die als widerliche, aus dem Himmel herabstürzende Monster, einem blinden Hellseher das Essen stehlen und ihn mit Kot beflecken. Als Rächerinnen eines Vergehens suchen sie ihre Opfer heim und bringen, von Zeus beauftragt, die Seelen der Toten in den Tartaros.

Auch für den Autor Homer sind die Harpyien negativ konnotierte Todesdämoninnen, die als Sturmwinde die Menschen gewaltsam ins Totenreich (ver-)schleppen. Der römische Dichter Vergil beschreibt die Harpyien in seinem Epos Aeneis als „gefräßige Ungeheuer“ und „grausige Scheusale“, als „Vogelgezücht mit Jungfrauengesichtern (…), „beständig vom Hunger gebleicht, entsetzlich anzuschauen“ und „an den Händen hatten sie Krallen“.

Auch für den Autor Homer sind die Harpyien negativ konnotierte Todesdämoninnen, die als Sturmwinde die Menschen gewaltsam ins Totenreich (ver-)schleppen. Der römische Dichter Vergil beschreibt die Harpyien in seinem Epos Aeneis als „gefräßige Ungeheuer“ und „grausige Scheusale“, als „Vogelgezücht mit Jungfrauengesichtern (…), „beständig vom Hunger gebleicht, entsetzlich anzuschauen“ und „an den Händen hatten sie Krallen“.

Diese mythologischen Beschreibungen veranlassten Carl von Linné dazu, der großen tropischen Greifvogelart den Namen Harpyie zu geben. Den Gattungsnamen Harpia führte im Jahr 1816 der französische Ornithologe Louis Jean Pierre Vieillot ein. So ist die Gattung Harpia mit der Harpyie als einzige Art monotypisch.

Harpyien sind gefährliche Räuber. Mit ihrer Körpergröße erlegen sie Beute, die bis zu neun Kilo wiegt.

Bild Sipa/ pixabay.com

Harpyien sind perfekte Jäger

Einige Attribute der antiken Beschreibung als räuberische Dämonin passen zu dem furchteinflößenden Raubvogel. Mit einer Körperlänge von bis zu einem Meter sind die Flügel mit einer Spannweite von bis zu zweieinhalb Metern im Vergleich zu anderen Greifvögeln relativ kurz aber breit, der Schwanz dagegen relativ lang. Ihr Körperbau ist damit perfekt an das Jagen in dichtbewachsenen Baumkronen angepasst. Hat die Harpyie in ihrem bis zu 100 Quadratkilometer großen Jagdrevier Beute ausgemacht, stürzt sie sich mit starken Flügelschlägen und mit bis zu 80 Stundenkilometern blitzschnell auf sie. Dabei bremst sie ruckartig mit ihrem breiten Schwanz, indem sie ihn aufgefächert nach unten drückt. Je nach Bedarf, kann der Harpyienadler die Bremswirkung und die Flugrichtung über die Schwanzfächerung regulieren. Große Säugetiere wie Affen und Faultiere, aber auch Papageien, Schlangen oder Leguane stehen auf dem Speiseplan der Harpyie. Ihre Beute, die bis zu neun Kilo wiegt, und damit ebenso viel wie ein ausgewachsenes Harpyien-Weibchen wiegen kann, tötet sie mit ihren extrem starken Krallen und Zehen, zerlegt sie und transportiert sie in bis zu vier Kilo schweren Teilen zum Nest in bis zu 50 Metern Höhe.

Die Flügel der Harpyie erreichen eine Spannweite von bis zu zwei Metern. Ihr Federschwanz wirkt wie eine Bremse.

Bild ieshuacarroll/ pixabay.com

Langsame Reproduktion

Hier wartet der Nachwuchs des Jägers. Ein Weibchen brütet alle vier Jahre zwei bis drei Eier für circa acht Wochen. Das ist die längste bisher erforschte Brutzeit bei Greifvögeln. Doch nur einer der Embryonen wird leben, denn Harpyien hören auf zu brüten, sobald das erste Küken geschlüpft ist. Die restlichen Eier werden kalt und sterben ab. Das zuerst geschlüpfte Junge bleibt sechs Monate im Nest und wird danach noch mehrere Wochen von beiden Eltern versorgt. Bis das Küken selbst geschlechtsreif ist, dauert es wiederum sechs bis acht Jahre.

Die Harpyie

In freier Wildbahn sieht man die Harpyie nur noch selten. Sie lebt in den subtropischen Wäldern und tropischen Regenwäldern Mittel- und Südamerikas. Ihre Population wird auf unter 50.000 geschätzt, weshalb sie auf der Roten Liste als nahezu bedroht eingestuft, denn man geht davon aus, dass ihr Bestand durch Jagd und Verlust des Lebensraumes mäßig schnell abnehmen wird.

Die langsame Reproduktionsrate und niedrige Gesamtpopulation machen die Jagd auf die Harpyie zu einer massiven Bedrohung für ihre Art. Sie wird langfristig nur überleben, wenn die alarmierenden Raten von Waldverlust, Fragmentierung und Degradation unter Kontrolle gebracht und unantastbare Reservate geschaffen werden. Dann bleibt die Frage: Was war zuerst da, die Harpyie oder das Fabelwesen? Und was wird länger überleben?

 

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