Tiere

Die Krieger, die einst Elefanten fürchteten, beschützen diese nun

In einem bahnbrechenden Unterfangen haben sich Gemeinschaften der Samburu im Norden Kenias zusammengeschlossen, um verwaiste Elefanten zu retten. Montag, 6 November

Von Ami Vitale

RETETI ELEPHANT SANCTUARY, KENIA - Von Weitem klingen die Schreie eines Babyelefanten in Not fast menschlich. Angezogen von dem Geräusch bahnen sich die Samburu-Krieger, bewaffnet mit langen Speeren, ihren Weg zum breiten Flussbett, wo sie das Opfer finden. Das Kalb ist zur Hälfte von Sand und Wasser eingeschlossen. Es ist in einem der von Hand gegrabenen Brunnen gefangen, die im ganzen Tal zu finden sind. Nur sein schmaler Rücken ist zu sehen – und sein Rüssel, der wie eine Kobra vor- und zurückschwingt.

Noch vor einem Jahr hätten die Männer den Elefanten vermutlich herausgezogen, bevor er das Wasser verunreinigen kann, und hätten ihn dann seinem wahrscheinlich tödlichen Schicksal überlassen. Aber heute tun sie etwas Anderes: Mit einem Handy – selbst in den abgelegensten Winkeln Kenias allgegenwärtig – schicken sie eine Nachricht an das Reteti Elephant Sanctuary, das sich etwa zehn Kilometer entfernt befindet. Dann sitzen sie und warten.

Reteti liegt in einem 395.000 Hektar großen Gebiet aus dornigem Buschland im nördlichen Kenia. Das Gebiet ist der Namunyak Wildlife Conservation Trust – Teil der angestammten Heimat der Samburu. Namunyak wird vom Northern Rangelands Trust unterstützt und beraten. Die lokale Organisation arbeitet mit 33 Gemeinde-Aufsichtsbehörden zusammen, um die Sicherheit, die nachhaltige Entwicklung und den Schutz von Natur und Tieren zu fördern.

In der Region leben auch die Turkana, die Rendille, die Borana, die Somali und die Samburu – ethnische Gruppen, die bis auf den Tod um das Land und seine Ressourcen gekämpft haben. Jetzt arbeiten sie zusammen, um ihre Gemeinschaften zu stärken und die etwa 6.000 Elefanten zu beschützen, mit denen sie – mitunter mit Unbehagen – auf diesem Gebiet zusammenleben.

Das Flussbett, zu dem die Samburu-Männer gekommen sind, sieht trocken und starr aus. Aber knapp unter der Oberfläche gibt es Wasser. Elefanten können Wasser riechen, und Samburu-Familien haben – geführt von dem Gescharre der Elefanten – schmale Brunnen gegraben, um das kalte, saubere, mineralreiche Elixier zu erreichen. Jede Familie kümmert sich um einen bestimmten Brunnen, der bis zu viereinhalb Meter tief sein kann. Während sie das Wasser hochziehen, singen die Samburu einen rhythmischen Gesang, mit dem sie ihr Vieh preisen und die Tiere zur lebenspendenden Quelle locken. Während der Trockenmonate (Februar, März, September und Oktober) vertiefen die Samburu ihre „Singbrunnen“. Auch Elefanten kommen dann auf ihrer verzweifelten Suche nach Wasser dorthin. Manchmal verlieren sie den Halt und fallen hinein.

Die Krieger müssen nicht lange warten, bevor ein Retiti-Rettungsteam in einem speziell angefertigten Land Cruiser ankommt, angeführt von den Samburu Joseph Lolngojine und Rimland Lemojong. Die Männer haben so etwas schon zuvor gesehen und machen sich schnell an die Arbeit. Sie graben an den Seiten des Brunnens und verbreitern ihn so, damit sie hineinklettern und einen Gurtgeschirr unter dem Bauch des Elefanten hindurchführen können. Dann, vielleicht zwölf Stünden nach dem Missgeschick, heben die Retter, ächzend vor Anstrengung, den kleinen Elefanten dem Morgenlicht entgegen.

WARTEN UND HOFFEN

Jetzt wird wieder gewartet, diesmal deutlich länger. Elefanten sind Gewohnheitstiere, und oft kommt eine Herde zu vertrauten Orten zurück, um zu trinken. Die Hoffnung ist, dass das Baby – ein Weibchen – mit seiner Mutter und seiner Familie wiedervereinigt werden kann.

Lolngojine und Lemojong führen den geschwächten und dehydrierten Elefanten in den schützenden Schatten am Rande des Tals. Sie bedecken seine Augen mit etwas Gaze, damit er sich beruhigt, schütten Wasser über seinen Kopf und legen eine Wolldecke über seinen Rücken. Es erleidet einen Schock, also wird eine Kochsalz-Rehydrationslösung in einer Saugflasche vorbereitet. Nach ein bisschen Probieren findet das Kalb den Nippel, saugt gierig daran und sinkt dann in einen tiefen Schlaf.

Während des Nachmittags und des Abends bieten die Männer ihm die Kochsalzlösung an, während es klagend nach seiner Familie ruft. Als der Abend hereinbricht, ist es still an den Singbrunnen. Im Mondleicht erscheint ein großer Bulle, um zu trinken. Das Baby verwechselt den Elefanten womöglich mit seiner Mutter und beginnt, der Gestalt zu folgen, mit Lolngojine und Lemojong hinter sich. Nach einer Weile, verängstigt durch die Schreie von Hyänen, trudelt es zu seinen Samburu-Aufpassern zurück.  Die Prägung auf die menschlichen Ersatzeltern hat begonnen.

Die ganze Nacht lang hält das Team Wache, wartet und hofft, lauscht angestrengt auf das Trampeln einer Herde. Bei Sonnenaufgang, etwa 36 Stunden, nachdem die Krieger den Elefanten gefunden haben, ist Warten keine Option mehr. Sie heben den in Decken gewickelten Elefanten in das Fahrzeug und fahren zum Schutzzentrum.

Das Elefanten-Waisenhaus liegt eingebettet in der Biegung eines halbmondförmigen Bergrückens und wurde 2016 von einheimischen Samburu gegründet. Finanzielle Förderung erhielten sie von Conservation International, vom San Diego Zoo Global und von Tusk UK. Der Kenya Wildlife Service und der Northern Rangelands Trust liefern dauerhafte Unterstützung. Der erste gerettete Elefant, Suyian, kam am 25. September an. Die mehr als 20 Pfleger des Schutzzentrums sind alle Samburu, die fest entschlossen sind, ihre Schützlinge wieder in die Wildnis zu entlassen.

Sobald der geschwächte Elefant eintrifft, bereitet Sasha Dorothy Lowuekuduk, die in Reteti die Elefantennahrung zubereitet, eine große Flasche mit speziellem Muttermilchersatz vor. Lolngojine, der Veterinärtechniker des Schutzzentrums, untersucht das Kalb und schmiert eine keimhemmende Tinktur auf alle Kratzer. Man beschließt, den Elefanten Kinya zu nennen, nach seinem Unglücksbrunnen.

Die Notwendigkeit für Elefantenwaisenhäuser wie Reteti ist ein trauriges Ergebnis der Dezimierung von Herden durch Elfenbeinwilderer in den letzten Jahrzehnten. Diese Entwicklung zieht sich durch ganz Subsahara-Afrika. Während der 1970er war Kenia die Heimat der Elefanten mit den größten Stoßzähnen und wies auch eine dichte Population von Spitzmaulnashörnern auf, die wegen ihrer Hörner lokal ausgerottet wurden. Die Zahl der Elefanten ist ein Bruchteil dessen, was sie einst war.

DIE INGENIEURE DER NATUR

Der Verlust der Elefanten wirkt sich auch auf andere Tierarten aus. Elefanten sind die „Ingenieure“ des Ökosystems: Sie fressen niedrige Büsche und werfen kleine Bäume um. Dadurch kann das Gras besser wachsen, was wiederum Tiere wie Kaffernbüffel, das gefährdete Grevyzebra, Elenantilopen und Oryxe anzieht, die als Beute für Fleischfresser wie Löwen, Geparden, Wildhunde und Leoparden dienen.

Für Viehhüter wie die Samburu bedeutet mehr Gras auch mehr Futter für ihre Herden. Das ist einer der Gründe, weshalb einheimische Kommunen begonnen haben, ihre Beziehung zu den lange gefürchteten Elefanten neu zu bewerten. „Wir kümmern uns um die Elefanten und die Elefanten kümmern sich um uns“, sagt Lemojong. „Es gibt jetzt eine Beziehung zwischen uns.“

Die 6.000 Elefanten in diesem Teil Kenias bilden die zweitgrößte Population des Landes. Auch Spitzmaulnashörner erleben langsam ein Comeback: Eine kleine und sorgsam verwaltete Population wurde aus Parks und Reservaten in ganz Kenia im Sera Conservancy wiedereingeführt, das an Namunyak angrenzt. Auch Tiere wie das Warzenschwein, Impalas, der Kleine Kudu, Kaffernbüffel, Leoparden, Geparden und Netzgiraffen sind wieder auf dem Vormarsch.

Auch wenn die generellen Wildtiertrends verhalten optimistisch sind, gibt es nach wie vor Wilderei, aber auch Konflikte zwischen Menschen und Elefanten an Wasserlöchern. Im letzten Jahr wurden 71 Elefanten in Nordkenia durch Konfrontationen mit Dorfbewohnern getötet und sechs durch Wilderer.

In der Vergangenheit waren Einheimische nicht allzu sehr daran interessiert, die Elefanten zu retten. Ein gerettetes Kalb musste zu Kenias einzigem Waisenhaus für Elefanten in Nairobi transportiert werden, fast 390 Kilometer entfernt. Wenn sie erfolgreich rehabilitiert wurden, mussten sie dann im Tsavo-Nationalpark ausgewildert werden, ohne jede Chance, mit ihrer ursprünglichen Herde weiter im Norden wiedervereinigt zu werden.

Aber jetzt, dank Reteti, können Elefantenwaisen wie die zwei Jahre alte Shaba – die älteste Bewohnerin bei meinem Besuch –wieder in ihre Heimat zurück. Dort haben sie gute Chancen, wieder zu ihren Verwandten zu finden. Laut dem Reteti-Management sollte Shaba nach weiteren acht Monaten soweit sein, diesen Schritt zu gehen.

SHABA: SCHON GANZ DIE MUTTER

Aktuell ist Shaba der Boss. Sie führt ihre kleine Herde in den Busch außerhalb des Schutzzentrums. Dort fressen sie Blätter von Bäumen, kosten Baumrinde, werfen kleine Bäume um und – das Beste überhaupt – nehmen luxuriöse Schlammbäder.

Shabas Instinkte, die anderen zu unterrichten, setzen ein. Wenn ein zwei Monate altes Baby nicht über eine Wasserrinne laufen kann, geht Shaba zurück und zeigt, wie man darüberklettern kann. Sie zeigt bereits Anzeichen einer aufmerksamen Matriarchin, und wenn jemand ein Baby erschreckt, kommt sie angestürmt.

Die Fütterung macht einen Großteil der täglichen Arbeit für die Pfleger aus. Große Flaschen mit speziellem Muttermilchersatz werden rund um die Uhr alle drei Stunden gegeben, und das Trinken ist eine laute und schmatzende Angelegenheit. Danach verfallen die Elefanten in eine Art tiefe Benommenheit.

Fast alle Angestellten stammen aus benachbarten Gemeinden, und alle von ihnen sind Samburu. Wie es Lemojong formuliert: „Als ich ein Junge war, habe ich mich erst um die Jungen der Ziegen gekümmert, dann um die Ziegen und dann bin ich zu Kühen aufgestiegen. Dann ging ich zur Schule. Ich bin so glücklich, weil ich hier die Kühe meiner Familie aufgezogen habe, und jetzt kann ich Elefantenbabys aufziehen. Das ist unglaublich.“ Lolngojine fügt hinzu: „Wenn ich nach Hause gehe, fragt mich meine Gemeinde namentlich nach den Elefanten und wie es ihnen geht.“

 „Shaba war zu dünn, aber jetzt ist sie breit und fett“, sagt Lowuekuduk. „Vorher hatte ich Angst vor wilden Tieren, besonders vor Elefanten“, erzählt sie, „aber jetzt sehe ich sie in einem anderen Licht. Das Schutzzentrum hat meine Einstellung zu Elefanten verändert.“

An einem Tag unternimmt eine Gruppe von Samburu, die hauptsächlich aus Frauen und Kindern besteht, eine lange Tagesfahrt zum Schutzzentrum, einfach für Gelegenheit, die Elefanten mal aus der Nähe sehen zu können. Sie stehen auf der Aussichtsplattform und beobachten die Elefanten beim Spielen. Ein junges Männchen namens Pokot liebt es, seinen Pflegern einen Ball zuzutreten. Seine Mätzchen lösen Gelächter bei den Zuschauern aus. Aber im Großen und Ganzen sind sie respektvoll und sprechen mit gesenkten Stimmen. Sie sind auch ein wenig nervös und sind es nicht gewöhnt, andere Samburu so nah mit den Elefanten interagieren zu sehen.

Was hier in Reteti ohne großes Trara vor sich geht, ist nicht weniger als der Beginn einer Transformation der Art und Weise, wie die Samburu sich selbst in Beziehung zu den Tieren sehen, die sie lange Zeigt gefürchtet haben. Diese Oase, in der die Waisen aufwachsen und lernen, wieder wild zu sein, damit sie eines Tages zu ihren Herden zurückkehren können, ist ebenso den Menschen wie den Elefanten gewidmet.

Für die Samburu liegt große Freude in dieser Arbeit der Elefanten-Rehabilitation. Aber auch großer Kummer. Wie viele Kälber, die von ihren Müttern getrennt werden, hat die kleine Kinya, deren Rettung so schwer erkämpft war, es nicht geschafft.

„Es ist so traurig, dass Kinya gestorben ist“, sagt Lemojong. „Wir haben alle so hart dafür gearbeitet, dass Kinya eine zweite Chance zu leben bekommt."

Die Fotografin Ami Vitale hat für National Geographic schon über viele Themen berichtet, darunter über die wilde Seite der Pandas und den zerbrechlichen Frieden in Sri Lanka.

Ami Vitale auf Twitter, Instagram und Facebook folgen.

Wei­ter­le­sen