Tiere

Die winzigen Iglus von Fledermäusen

Eine japanische Fledermausart hält Winterschlaf – und macht damit dem Eisbären Konkurrenz.Thursday, August 23, 2018

Von Jason Bittel

Bis vor kurzem galten Eisbären noch als die einzigen bekannten Säugetiere, die in Schneehöhlen überwintern. Jetzt, nach über 10 Jahren der Forschung, konnten Wissenschaftler in Japan belegen, dass noch ein Säugetier in diesen elitären Club aufgenommen werden muss – die japanische Fledermaus der Art Murina Ussuriensis.

WIE ÜBERLEBT EINE WINZIGE FLEDERMAUS IM SCHNEE?

Wenn die Temperaturen im Herbst und Winter beginnen zu fallen, tauschen die Fledermäuse ihre normalen Schlafplätze im Laub oder in Baumhöhlen gegen Schneehaufen am Boden ein. Dort bilden sie kleine Mulden und werden dann, wenn mehr Schnee fällt, komplett bedeckt. Durch Bewegung und Körperwärme schaffen sie sich eine kleine Höhle, rollen sich zusammen und warten geduldig auf den Frühling.

Eine Höhle in einer Schneeverwehung ist tatsächlich ein wärmeres und vor allem stabileres Umfeld als die Baumhöhle, in der die Fledermäuse normalerweise schlafen, sagt Hirofumi Hirakawa, Wildtierbiologe am Forestry and Forest Products Research Institute in Japan und Hauptautor einer neuen Studie, die diesen Monat in den Scientific Reports der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht wurde.

Das liegt daran, dass die Bäume dem Wind ausgesetzt sind. Außerdem isoliert Schnee besser als Holz, so Hirakawa.

Dennoch müssen die Fledermäuse in ihren provisorischen Iglus gefährlich niedrige Temperaturen überleben. Das schaffen sie, indem sie ihre Atem- und Herzschlagfrequenz reduzieren und ihre Körpertemperatur minimal über der Temperatur der gefrorenen Welt um sie herum halten.

Laut Hirakawa verbrauchen sie in diesem Zustand extrem wenig Energie und können so überleben. „Ich glaube, dass sie es nur so durch den harten Winter schaffen.“

SCHNEE-FLEDERMÄUSE

Auch wenn die japanischen Fledermäuse die ersten Chiroptera sind, die es sich in einer Schneeverwehung gemütlich machen, so gibt es doch viele andere kleine Säugetiere, die bekanntermaßen zumindest kurzzeitig unterhalb der Schneedecke überwintern, so Justin Boyles, physiologischer Ökologe an der Southern Illinois University.

Auch die Roten Fledermäuse, die Boyles im Rahmen seiner Masterarbeit untersuchte, wurden bei ihrem Winterschlaf kurz unterhalb der Laubdecke manchmal von Schnee bedeckt.

Zwischen den beiden Arten gibt es allerdings zwei gravierende Unterschiede. Zum einen scheinen die japanischen Fledermäuse der Art Murina Ussuriensis den Schnee ganz bewusst aufzusuchen. Und zum anderen sind die Roten Fledermäuse vielleicht ein oder zwei Wochen im Jahr von Schnee bedeckt. Die Murina Ussuriensis scheinen da um einiges härter im Nehmen zu sein.

Es ist erwiesen, dass eine der Fledermäuse von mindestens Anfang Dezember 2017 bis Mitte April 2018, also über 4 Monate, in einer Schneeverwehung überwinterte.

Das Leben in extremen Bedingungen hat jedoch auch seinen Preis. Eine der Fledermäuse, die in ihrem Iglu überwinterte, starb den Angaben der Forscher zufolge.

Dass die 36 anderen überlebten, lässt darauf schließen, dass „die Durchfallquote sehr, sehr niedrig sein muss“, so Hirakawa.

Wenn zu viele Fledermäuse beim Überwintern im Schnee sterben würden, hätte wohl auch die natürliche Selektion das Verhalten vor langer Zeit ausgemerzt.

FRÜHSTÜCK ANS BETT

Die stabile Temperatur ist einer der Vorteile der Überwinterung im Schnee. Die Forscher gehen außerdem davon aus, dass die Fledermäuse sich auch deswegen für diesen ungewöhnlichen Ort entschieden haben, um Angreifern aus dem Weg gehen. Eine Hypothese, die in Boyles’ Augen absolut Sinn ergibt.

In Bezug auf die von ihm untersuchten Roten Fledermäuse und ihren Winterschlaf im Laub sagt Boyles: “Wir dachten, dass sie eigentlich von jedem gefressen werden können. Aber das passiert gar nicht. Es sieht so aus, als würden ihre Feinde sie nicht finden.“

Das Überwintern in einer Schneeverwehung hat noch weitere Vorteile. Und zwar die permanente, unerschöpfliche Zufuhr einer unentbehrlichen Ressource – Wasser.

“Wir haben immer gedacht, dass es beim Winterschlaf nur darum geht, Fett und Energie über den Winter zu sparen“, so Boyles. „Aber es gibt immer mehr Belege dafür, dass es in Wahrheit um Wasser geht. Dass Wasser beim Winterschlaf der wichtigste Faktor ist.“

Im Gegensatz zu Bären, die ihre Körpertemperatur im Winterschlaf nur geringfügig herunterfahren, müssen kleinere Säugetiere wie Fledermäuse von Zeit zu Zeit aufwachen, um wieder warm zu werden. In diesen kurzen Wachphasen machen sie sich auch auf die Suche nach Wasser.

In einer Schneeverwehung, in der die Wände buchstäblich aus Wasser bestehen, gibt es diese Ressource natürlich en masse. Man muss nur kurz aufwachen und einmal die Zunge rausstrecken.

LANGSAME WISSENSCHAFT

Die Entdeckung dieser Fledermäuse war sicher kein leichtes Unterfangen. Hirakawa und sein Co-Autor, Yu Nagasaka, hatten schon 2005 erste Berichte über Fledermäuse im Schnee gehört. Weitere acht Jahre dauerte es, bis die beiden das Phänomen dann mit ihren eigenen Augen sahen.

“Wir haben 13 Jahre gebraucht bis zur Veröffentlichung“, sagt Hirakawa und fügt hinzu, dass sie die Studie ohne offizielle finanzielle Förderung zum Abschluss gebracht haben.

“Wir sind stolz darauf, dass wir diese Arbeiten, abgesehen vom Faktor Zeit, ohne große Ressourcen durchführen konnten“.

Für Boyles ist das genau die Art von wissenschaftlicher Forschungsarbeit, die er gerne mit seinen Studenten teilt. Alles beginnt mit einer “kleinen Beobachtung der Natur”, und führt dann über das Sammeln von Beweisen und Analysen bis hin zur wissenschaftlichen Publikation.

“Genau so sollte Wissenschaft funktionieren”, so Boyles.

Wei­ter­le­sen