Exoten-Wahn: Wilde Tiere sind furchtbare Haustiere

Ihre Gemeinsamkeiten sind oft deutlich: Kuscheliges Fell, große Augen, niedlich und charismatisch. Aber exotische Tiere leiden in Gefangenschaft.Freitag, 22. Februar 2019

Wer hätte nicht gern einen niedlichen Kleinen Panda als Haustier? Oder vielleicht ein Faultier? Oder wie stünde es um einen Plumplori, diese flauschigen kleinen Primaten mit den großen Augen?

Die Nachfrage nach exotischen wilden Haustieren steigt, nicht zuletzt dank zahlreicher Internetvideos, in denen die Tiere von ihrer niedlichsten Seite präsentiert werden. In manchen Fällen posten die Besitzer auch Videos, in denen sie mit den Tieren kuscheln, als wären sie zahm.

Es gibt natürlich Tierschutzgründe, die gegen die Haltung wilder Tiere sprechen: Sie sind nicht domestiziert; sie sind auf ein Leben in ihrem natürlichen Lebensraum angepasst; der Handel mit exotischen Haustieren geht oft mit einer grausamen Behandlung der Tiere oder Wilderei einher.

Es gibt aber auch noch einen anderen Grund, der für das direkte Zusammenleben zwischen Mensch und Tier vielleicht ausschlaggebender ist: Auch wenn diese Tiere flauschig und süß anmuten, sind sie einfach keine guten Haustiere.

Kleine Pandas

Kleine Pandas zeichnen sich durch ihr dichtes, rostrotes Fell, ihre großen flauschigen Ohren und ihren buschigen Schwanz aus. Auch wenn sie wie zum Schmusen gemacht aussehen, ist es nicht empfehlenswert, mit den Tieren auf Tuchfühlung zu gehen. Wenn sie sich gestört fühlen, sondern sie einen beißenden Gestank aus ihren Analdrüsen ab, der Raubtiere in die Flucht schlagen soll.

„Man will einfach keine wilden Tiere als Haustiere, und einen Kleinen Panda will man erst recht nicht haben“, sagte Thane Maynard, der Direktor des Cincinatti Zoo and Botanical Garden. „Die haben Klauen wie Katzen, mit denen sie Möbelstücke aufschlitzen – und vielleicht sogar einen selbst. Und genau wie viele andere Säugetiere markieren sie ihr Revier. Da hätte man daheim also ein übelriechendes Chaos.“

Außerdem verbringen sie den Großteil ihres Lebens auf Bäumen in den verregneten Hochlandwäldern von Zentralchina, Nepal und dem Norden Myanmars – ein Umfeld, das sich denkbar schlecht zu Hause simulieren lässt.

Darüber hinaus sind die Tiere in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet gefährdet, und das Washingtoner Artenschutzübereinkommen verbietet den kommerziellen Handel mit ihnen.

Faultiere

Diese ruhigen, langsamen Säugetiere leben in den Regen- und Mangrovenwäldern Mittel- und Südamerikas. Die meiste Zeit über sind sie hoch oben in den Baumwipfeln anzutreffen und kommen nur einmal pro Woche herunter, um ihren Darm zu entleeren. Aufgrund ihrer ruhigen Lebensweise wird oft angenommen, dass Faultiere ziemlich ausgeglichen sind, was aber nicht immer der Fall ist.

Wenn sich Faultiere bedroht fühlen, nutzen sie ihre scharfen Klauen und Zähne, um sich zu verteidigen. Außerdem sind sie nicht sonderlich sozial. Mal abgesehen von der Paarungszeit und der Aufzucht von Jungtieren verbringen sie ihr Leben größtenteils allein.

„Faultiere sind empfindliche Tiere. Wenn sie regelmäßig [von Menschen] angefasst werden, kann das zu schweren psychischen Schäden führen“, sagt Cassandra Koenen von der gemeinnützigen Organisation World Animal Protection.

Außerdem reagieren Faultiere sehr empfindlich auf Temperaturschwankungen. Wenn sie gesund bleiben sollen, brauchen sie eine Umgebung von etwa 26 bis 30 °C und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Kurzkopfgleitbeutler

Suger Gliders oder Kurzkopfgleitbeutler zählen zu den beliebtesten exotischen Haustieren – nicht zuletzt, weil sie sich in Gefangenschaft vergleichsweise leicht vermehren lassen. In Deutschland, dem Vereinigten Königreich und Teilen der USA und Australien ist die Haltung der Tiere erlaubt. Tierrechtsgruppen wie PETA setzen sich jedoch für ein internationales Haltungsverbot ein.

Die Tiere sind eigentlich in Australien und Neuguinea heimisch, wo sie in großen Familiengruppen leben. Wie ihr Name schon verrät, können sie mit Hilfe der Flughäute zwischen ihren Gliedmaßen von Baum zu Baum gleiten. Mit ihren messerscharfen Krallen finden sie auf den Bäumen immer genug Halt.

Obwohl ihre Krallen kaum 2,5 Zentimeter lang sind, sorgen sie dafür, dass man die Tiere ohne Handschuhe oft nur unter Schmerzen in der Hand halten kann. Mitunter kürzen Besitzer die Krallen, aber diese Prozedur ist nicht ganz ohne Risiko für Tier und Mensch – ein falscher Schnitt oder eine falsche Bewegung und einer von beiden könnte eine Fingerkuppe einbüßen.

Die kleinen Tierchen sind außerdem nachtaktiv und für ihre lauten Rufe bekannt. Zudem können sie ihre kleinen, wendigen Körper leicht unter und hinter alle möglichen Möbelstücke quetschen und so schnell verschwinden oder ausbüxsen.  

Fenneks

Der Fennek oder Wüstenfuchs durchstreift die Wüsten von Nordafrika und dem Mittleren Osten und ist mit einem Gewicht von höchstens 1,6 Kilogramm der kleinste Fuchs der Welt. Sein dichtes, cremefarbenes Fell reflektiert tagsüber die Sonnenstrahlen und hält ihn nachts warm.

Fenneks sind geübte Buddelkünstler und leben gemeinsam in unterirdischen Bauten. Mit ihren schaufelartigen Pfoten können sie bis zu zehn Meter lange Tunnel graben. Werden die Tiere drinnen gehalten, toben sie sich stattdessen an Teppichen und Fußböden aus. Ihr Urin stinkt ähnlich wie das Sekret von Skunks. Als wäre das noch nicht genug, sondern sie aus ihren Analdrüsen auch ein unangenehmes Aroma ab, wenn sie sich bedroht fühlen.

Obwohl die Tiere schon seit einigen Generationen in Gefangenschaft gezüchtet werden, sind sie weit davon entfernt, als domestiziert zu gelten oder leicht erziehbar zu sein. Ein Fennek im Haus ist also ein Garant für stinkende Zerstörungswut.

Plumploris

Plumploris sind nachtaktive Primaten, die in den tropischen Regenwäldern Südostasiens heimisch sind. Anfang der 2000er erfreuten sich Internetvideos der Tiere großer Beliebtheit. Darin sieht man, wie sie gekitzelt werden oder Reisbällchen gefüttert bekommen. Das vermeintlich possierliche Verhalten sorgte dafür, dass auch ihre Beliebtheit als Haustier schlagartig anstieg.

Was die meisten Menschen nicht wissen: Plumploris sind die einzigen giftigen Primaten der Welt.

In ihren Armbeugen befinden sich Giftdrüsen, an denen die Tiere lecken, wenn sie sich bedroht fühlen, und so ihre nadelspitzen Zähne mit einer Schicht aus Gift überziehen. Für gewöhnlich ruft Kontakt mit dem Gift bei Menschen nur schwache Reaktionen hervor. Für Menschen, die zu Anaphylaxie neigen, kann er jedoch lebensbedrohlich sein.

Im Rahmen einer Studie aus dem Jahr 2016 untersuchten Forscher der Oxford Brookes University 100 Onlinevideos von Plumploris, die als Haustiere gehalten werden. In jedem einzelnen davon war das entsprechende Tier entweder krank, notleidend oder unnatürlichen Bedingungen ausgesetzt.

Alle neun Plumplori-Arten werden von der Weltnaturschutzunion zudem als gefährdet, stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht aufgeführt. Ihre Haltung ist prinzipiell verboten. Trotzdem fangen Wilderer jedes Jahr tausende Plumploris aus der Wildnis ein und schmuggeln viele davon auf den aktuell größten Schwarzmarkt für die Tiere – nach Japan.  

Capybaras

Capybaras oder Wasserschweine sind die größten Nagetiere der Welt. Sie können mehr als 75 Kilogramm wiegen und mit ihren dicken Zähnen problemlos kleine Äste durchbeißen. Die pelzigen Tiere leben in ihrer Heimat Südamerika semiaquatisch. Ihren Ruf als besonders „gechillt“ verdanken sie Videos, in denen Vögel, Affen und sogar Ziegen auf scheinbar gelassenen Capybaras sitzen.

Die Haltung und Pflege der Nager ist aber alles andere als ein Kinderspiel. Genau wie ihre Verwandten, die Meerschweinchen, sind sie sehr sozial und werden nur gemeinsam mit Artgenossen glücklich. Capybaras leben in Herden von 10 bis 20 Tieren und folgen einer strikten sozialen Hierarchie. Zwar kommt es eher selten vor, dass sie Menschen beißen – aber wenn es passiert, können sie mit ihren Zähnen schwere Verletzungen verursachen.

Wasserschweine sind außerdem wahre Ausbruchskünstler. Im US-Bundesstaat Florida brachen 1995 fünf der Tiere aus einem Wildtiergehege bei Gainesville aus. Die Behörden konnten sie nicht wieder einfangen, und so streifen heute Dutzende ihrer Nachkommen durch die Landschaft.

Tiger

In Großbritannien und einigen US-Staaten ist es absolut legal, einen Tiger zu halten. Auch in Deutschland gibt es dafür kein prinzipielles Verbot, sondern nur einige gesetzliche Hürden. Dass ein Tiger als Haustier trotzdem keine gute Idee ist, sollte eigentlich selbstverständlich sein.

„Es gibt so viele Gründe, warum Menschen keine Großkatzen halten sollten“, sagt Maynard. „Zum einen sind sie viel gefährlicher als andere exotische Tiere. Ein Kleiner Panda kann dich kratzen. Ein Tiger kann dich einfach töten.“

Im Laufe des letzten Jahrhunderts haben Tiger mehr Menschen durch direkte Angriffe getötet als jedes andere Säugetier. Allein seit 2007 wurden mindestens fünf Menschen durch gefangene Tiger umgebracht.

Maynard zufolge holen sich die Leute Tiger oft, wenn sie noch klein sind, und verkaufen sie dann später an Zoos, wenn ihnen die Tiere über den Kopf wachsen. Mit sechs Monaten wiegen die meisten Tiger schon über 45 Kilogramm. Der Sumatra-Tiger, die kleinste Unterart, bringt es ausgewachsen auf bis zu 140 Kilogramm, während Sibirische Tiger das Dreifache an Gewicht erreichen können.

Trotz all dieser Herausforderungen werden allein in den USA mehr Tiger in Gefangenschaft gehalten, als weltweit in der Wildnis verbleiben. Tiger sind eine gefährdete Art, deren wildlebende Population kaum noch 4.000 Exemplare umfasst.

Lemuren

Ausdrucksstarke Gesichter, lustige Schwänze, samtweiches Fell – es überrascht nicht, dass viele Menschen Lemuren herzallerliebst finden. Auf Madagaskar und den Nachbarinseln gibt es mehr als 100 verschiedene Lemurenarten, aber die meisten Leute kennen nur den Katta, der auch die beliebteste Art unter Haltern exotischer Tiere ist.

„Lemuren sind furchtbare Haustiere“, sagt Cathy Williams, die Kuratorin des Duke Lemur Center. „Wenn ein Babylemur erst mal ausgewachsen ist, ist er alles andere als verschmust. Tatsächlich kann er ziemlich gefährlich sein.“

Wenn Lemuren die sexuelle Reife erreichen, was für gewöhnlich im Alter von zwei bis drei Jahren geschieht, beginnen sie, aggressive Verhaltensweisen zu zeigen und beißen und jagen einander.

Die Tiere verfügen zwar nur über kleine, dafür aber enorm scharfe Eckzähne, die problemlos die menschliche Haut durchdringen können, erklärt Williams. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viele Anrufe von Leuten [das Duke Lemur Center] bekommt, die sagen, dass der süße Babylemur, den sie online gekauft haben, aggressiv geworden ist und sie ihn nicht mehr wollen.“

Außerdem kann man Lemuren nicht zu Stubenreinheit erziehen. Wenn Menschen in Kontakt mit ihren Fäkalien kommen, können sie sich diverse Krankheitserreger zuziehen, darunter Hakenwürmer, Peitschenwürmer, Giardien und Salmonellen. Darüber hinaus markieren sie ihr Revier mit Drüsensekreten, deren Gestank Williams als „beißend“ beschreibt.

Präriehunde

Diese höchst sozialen Nagetiere mit ihrem nussbraunen Fell kuscheln gerne mit ihren Familienmitgliedern und geben sich sogar gegenseitig Küsschen. In der Wildnis leben sie oft in großen Kolonien oder „Städten“, die sich über viele Hektar erstrecken und mehr als zwei Dutzend Familiengruppen umfassen können.

Generell brauchen die Tiere also viel Aufmerksamkeit und die Gesellschaft von Artgenossen. Wenn sie vernachlässigt werden, können sie aggressiv werden, wie das Ness Exotic Wellness Center berichtet. Die tierärztliche Praxis in Illinois ist auf exotische Tiere spezialisiert.

Natürlich lässt sich auch der unterirdische Lebensraum daheim kaum simulieren. Oft werden Präriehunde in Käfigen gehalten, in denen sie nicht buddeln können und schnell gestresst sind. Auch wenn es in großen Teilen der westlichen Welt legal ist, sie zu halten, bedeutet das längst nicht, dass es sinnvoll oder fair gegenüber den Tieren ist.

Zwergotter

Die in Südostasien heimischen, grauen Fleischfresser sind äußerst charismatische Tiere. Auch sie sind sehr sozial und leben in großen Familiengruppen. Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte stieg die Nachfrage nach Zwergottern und ihren Verwandten jedoch dramatisch an. In Japan, wo die Tiere weltweit am häufigsten als Haustiere gehalten werden, sind sie in Cafés und im TV zu finden, vor allem aber auch im Zuhause von Social-Media-Influencern. Denn Otter liegen – leider – voll im Trend.

Dabei können die vermeintlich niedlichen Tierchen auch ganz anders. Nicole Duplaix, die die Otter Specialist Group der Weltnaturschutzunion leitet, erzählte National Geographic vor Kurzem, dass in Gefangenschaft gehaltene Otter destruktiv und aggressiv sein können, wenn wie nicht bekommen, was sie wollen.

Die Otter Specialist Group warnt Zoos auch, dass „selbst kleine Otter durch Gummistiefel und Handschuhe durchbeißen können“. Außerdem markieren sie ihr Revier mit Urin, Fäkalien und öligen Sekreten aus ihren Analdrüsen. Mit anderen Worten: Sie sind keine guten Haustiere.

 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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