„Laufender“ Handfisch ausgestorben: Eine Gattung am Abgrund

Der Handfisch S. unipennis wurde 1802 zuletzt gesehen. Auch für seine zwölf Cousins rund um Tasmanien sieht die Zukunft düster aus.

Tuesday, September 1, 2020,
Von Douglas Main
Handfisch, Brachionichthys hirsutus

Die vom Aussterben bedrohte Handfischart Brachionichthys hirsutus lebt im Derwent River Estuary in der Nähe von Hobart, Tasmanien. Vor allem sich erwärmende Gewässer und Verschmutzung gefährden den Bestand. Sein Verwandter S. unipennis wurde im Mai für ausgestorben erklärt.

Bild Alex Mustard, Minden Pictures

Zum ersten Mal im 21. Jahrhundert wurde eine Meeresfischart für ausgestorben erklärt. Der Handfisch Sympterichthys unipennis lebte in Flachwasserbereichen am Meeresboden und hatte stachelige Flossen sowie einen widerhakenähnlichen Vorsprung auf der Stirn. Das letzte bekannte Exemplar wurde 1802 gesehen. Damals half der französische Biologe François Péron in der Nähe der tasmanischen Küste dabei, einen solchen Fisch einzusammeln, um ihn in das Pariser Naturkundemuseum zu bringen.

Trotz jahrelanger umfangreicher Suchaktionen wurde nie wieder ein Handfisch dieser Art gesehen. Im Mai 2020 hat die Weltnaturschutzunion S. unipennis deshalb formell als ausgestorben deklariert.

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Wahrscheinlich existieren derzeit noch 13 weitere Arten von Handfischen. Ihren Namen verdanken sie dem Umstand, dass sie praktisch auf ihren Flossen sitzen, die wie kleine Hände aussehen (aber eher als Füßchen fungieren). Allerdings wurden nur 7 dieser 13 Arten in den letzten 20 oder mehr Jahren gesichtet. Alle bis auf eine Art fallen in die Kategorien „stark gefährdet“, „vom Aussterben bedroht“ oder „ungenügende Datengrundlage“ – das heißt, es liegen nicht genügend Informationen vor, um über ihren Gefährdungsstatus zu entscheiden.

Das Verschwinden der Handfische macht deutlich, wie empfindlich diese Fischfamilie auf Umweltstörungen wie Klimawandel, die Zerstörung ihres Lebensraums und Umweltverschmutzung reagiert. Denn noch vor über 200 Jahren, als Wissenschaftler ihn zum ersten – und letzten Mal – dokumentierten, war S. unipennis ohne Zweifel noch weit verbreitet. Forschern zufolge ist sein Verschwinden eine Warnung vor dem, was in Zukunft auf weitere Handfischarten sowie andere gefährdete, sehr lokale Arten an Orten wie Tasmanien zukommen könnte.

„Sie sind ein Warnsignal, wie der Kanarienvogel im Kohlebergwerk“, sagt Neville Barrett, ein Ichthyologe am tasmanischen Institut für Meeres- und Antarktisstudien.

Wie andere Handfische hat auch Thymichthys politus modifizierte Brustflossen, die es ihm ermöglichen, über den Meeresboden zu „gehen“. Von dieser Art sind nur noch zwei kleine Populationen übrig.

Bild Fred Bavendam, Minden Pictures

Bunte Stubenhocker

„Wenn Sie noch nie einen Handfisch gesehen haben, stellen Sie sich eine Kröte vor, die Sie in bunte Farbe tauchen, ihr eine traurige Geschichte erzählen und sie zwingen, zwei Nummern zu große Handschuhe zu tragen“, beschreibt das Handfish Conservation Project die Tiere. Diese Forschergruppe unter der Leitung der australischen Regierung und diverser akademischer Institutionen hat sich dem Schutz der Fische verschrieben.

Der Autor der obigen Beschreibung ist unbekannt, aber sie habe sich einfach eingeprägt, sagt Jemina Stuart-Smith. Die Meeresökologin arbeitet am Institut für Meeres- und Antarktisstudien an der University of Tasmania sowie in der Commonwealth Scientific and Industrial Research Organization.

Die meisten Handfische sind in der Regel nicht länger als 15 Zentimeter und leben vermutlich nur im Ozean rund um Tasmanien. Selbst innerhalb dieser Gewässer kommt jede Art nur an wenigen Stellen vor.

Außerdem sind sie gewissermaßen Stubenhocker. In der Regel sind sie nicht über weite Gebiete verstreut und ihr Nachwuchs durchläuft – im Gegensatz zu vielen anderen Fischarten – keine besonders reisefreudige Phase. „Sie haben eine Strategie, die in einer stabilen Umgebung hervorragend funktioniert“, so Barrett.

Gefahren von allen Seiten

Es ist nicht genau bekannt, welche Kombination von Faktoren zum Aussterben von S. unipennis geführt hat. Aber die Lebensweise der Handfische, ihr begrenztes geografisches Verbreitungsgebiet und ihre Vorliebe für kaltes Wasser machen sie besonders anfällig für Umweltstörungen.

In der Nähe von Hobart in Tasmanien haben Abflüsse und Schwermetalle aus der Industrie die Wasserqualität in den Flussmündungen entlang der Küste verschlechtert. Genau das sei aber der vorherrschende Lebensraum mehrerer Handfischarten, darunter Brachionichthys hirsutus, sagt Graham Edgar. Der Meeresbiologe ist ebenfalls am Institut für Meeres- und Antarktisstudien tätig ist. Das beunruhigt die Forscher, denn „wenn sie aus einem Gebiet verschwunden sind, werden sie wahrscheinlich nicht mehr zurückkommen“, so Edgar.

Das Abfischen von Jakobsmuscheln mit Schleppnetzen, die Zerstörung von Austernriffen und die Einführung nicht einheimischer Arten in tasmanische Gewässer hatten wahrscheinlich ebenfalls erhebliche Auswirkungen auf den Bestand der Handfische.

Das ist das einzige bekannte Exemplar der Handfischart Sympterichthys unipennis. Es wurde 1802 vom Biologen François Péron eingesammelt und nach Frankreich gebracht.

Bild CSIRO Australian National Fish Collection

Die wahrscheinlich größte Bedrohung ist jedoch die Erwärmung der Gewässer. Barrett zufolge waren Handfische einst über ein viel größeres Gebiet verbreitet, als das Klima kühler war. Jetzt hat die Erwärmung viele Arten wie Handfische, einige Krustentiere, Meeresalgen und andere kälteliebende Meeresorganismen in zunehmend schrumpfende Bereiche gezwungen. Tasmanien ist derzeit noch ein Hotspot für den Handfisch, weil seine Gewässer sich zwar erwärmen, aber dennoch kälter sind als weiter nördlich gelegene Bereiche.

Aber das ändert sich langsam: Der Ostaustralstrom, der das Wasser von Brisbane bis Sydney die Küste hinuntertreibt, dränge das wärmere Wasser immer weiter nach Süden, sagt Barrett. Die Meerestemperaturen in Tasmanien sind nach Angaben des Met Office Hadley Center for Climate Science and Services seit 1900 um fast 2 °C gestiegen.

Galerie: Ausgestorben

„Da spielten verschiedene Bedrohungsfaktoren auf die ungünstigste Weise zusammen“, sagt Edgar. Das habe nicht nur zum Aussterben von S. unipennis geführt, sondern auch zu einem „katastrophalen Verlust an biologischer Vielfalt“ in ganz Tasmanien. Verschiedene Arten von Fischen, Muscheln, Krustentieren, Algen und anderen Meeresorganismen verzeichneten einen starken Rückgang ihrer Populationen und Verbreitungsgebiete.

Solche Rückgänge können unbemerkt bleiben, bis es zu spät ist, weil ihre Lebensräume unter Wasser liegen und nicht so leicht einsehbar sind. Aber auch, weil es an Daten über ihren Bestand mangelt, erklärt Edgar – wie im Fall von S. unipennis.

Datenmangel hemmt den Artenschutz

Es gibt nur für drei Arten koordinierte Bestandserhaltungspläne: die vom Aussterben bedrohten Handfische Thymichthys politus, Brachionichthys hirsutus und Brachiopsilus ziebelli. T. politus erhält derzeit besondere Aufmerksamkeit, weil es nur zwei bekannte Populationen gibt. Beide leben in der Nähe von Hobart und zählen zusammen vermutlich weniger als hundert ausgewachsene Fische, sagt Stuart-Smith.

Die Pläne für diese Arten sind auf eine umfangreichere Datenerfassung angewiesen. Ebenso wichtig ist es aber, dass eine weitere Zerstörung ihres Lebensraums verhindert wird. In einigen Fällen sind die Tiere auch auf die Zugabe künstlicher Substrate angewiesen, auf denen sie ihre Eier ablegen können, nachdem heimischer Seetang und Seescheiden durch invasive Seesterne und Seeigel zerstört wurden.

„Für die übrigen Arten fehlen uns die Informationen und Ressourcen, die wir brauchen, um Erhaltungsstrategien umsetzen zu können“, sagt Stuart-Smith.

Da viele Handfischarten selten und schwer zu finden sind, ist es schwierig, sie zu studieren. Nichtsdestotrotz suchen die Forscher weiterhin mit neuen Methoden nach ihnen, beispielsweise über das Aufspüren von Fragmenten ihrer DNA im Meer. Auch die Forschung über die Zucht in menschlicher Obhut laufe weiter, sagt Barrett. Bisher ist es allerdings noch niemandem gelungen, die Handfische in Gefangenschaft dazu zu bringen, einen vollständigen Lebenszyklus zu durchlaufen.

„Obwohl sie so charismatische und schrullige kleine Fische sind, wissen wir so wenig über sie“, sagt Stuart-Smith.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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