Bartgeier in Deutschland: Die Giganten der Lüfte sind zurück

Vor 140 Jahren wurde der Bartgeier in Deutschland ausgerottet. Jetzt es gibt neue Hoffnung für den riesigen Greifvogel: Im Nationalpark Berchtesgaden wurden die ersten Jungtiere erfolgreich ausgewildert. Doch es lauern Gefahren.

Veröffentlicht am 17. Sept. 2021, 09:40 MESZ
Ein Bartgeier vor einer Felswand: Mit einer Flügelspannweite von fast drei Metern zählt der Bartgeier zu ...

Eine der imposantesten Vogelarten der Welt: Mit einer Flügelspannweite von fast drei Metern zählt der Bartgeier zu den größten flugfähigen Vögeln.

Bild Hansruedi Weyrich

Majestätisch kreisen Wally und Bavaria über den Gipfeln der Berchtesgadener Alpen. Nichts scheint die beiden jungen Bartgeier aus der Ruhe zu bringen. Bis Wally plötzlich von einem Steinadler attackiert wird. Mit einem eleganten Ausweichmanöver zwingt sie den Angreifer zu einer artistischen Flugrolle – und demonstriert zugleich, wer der wahre Herrscher der Lüfte ist.

Mehr als 140 Jahre lang konnte man solche spektakulären Schauspiele nicht mehr in den deutschen Alpen beobachten. Schon vor Jahrhunderten begann der Mensch, Steinadler und Bartgeier systematisch zu verfolgen und auszurotten. Während der Steinadler in einigen unzugänglichen Gebieten überleben konnte, war der Bartgeier Anfang des 20. Jahrhunderts in den europäischen Alpen komplett ausgestorben.

Kindsmörder und Lämmerdieb

Als „Lämmergeier“ oder „Knochenbrecher“ vom Menschen gefürchtet, hatte der Volksmund dem riesigen Greifvogel angedichtet, Vieh und Kinder davonzutragen und zu töten. Dabei gefährdet er als Aasfresser weder Mensch noch Tier. Möglicherweise ist es sein imposantes Erscheinungsbild, das den Menschen seinerzeit Angst machte.

Bartgeier Wally über den Berchtesgadener Alpen. Erst mit zunehmendem Alter entwickeln die Vögel ihre charakteristische helle Kopffärbung.

Bild Markus Leitner

Mit einer Flügelspannweite von fast drei Metern und einer Körperlänge bis zu 125 Zentimetern zählt der Bartgeier nicht nur zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Er ist neben dem etwa gleich großen Mönchsgeier auch der größte Greifvogel Europas – und weitaus größer als der Steinadler.

Dass mit Wally und Bavaria heute wieder Bartgeier über den deutschen Alpen gleiten, ist das Verdienst eines großangelegten Zuchtprojekts: Seit 1986 werden im europäischen Alpenraum junge Bartgeier ausgewildert – davon die meisten in Frankreich, Österreich und in der Schweiz. Laut Stiftung Pro Bartgeier leben inzwischen wieder rund 220 Exemplare in den Alpen.

Live-Cam in der Felsnische

Einzelne Bartgeier wurden in den letzten Jahren auch in den Bayerischen Alpen gesichtet. Doch dauerhaft ansässig wurde Gypaetus barbatus hierzulande bislang nicht. Mit Wally und Bavaria soll sich das jetzt ändern. Im Juni dieses Jahres haben der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) und der Nationalpark Berchtesgaden die beiden Jungvögel im Klausbachtal ausgewildert.

Einst erbarmungslos verfolgt, heute streng geschützt: Rund 220 Bartgeier leben heute wieder in den Alpen.

Bild Hansruedi Weyrich

In rund 1.300 Metern Höhe wurde dazu eine sechs mal 20 Meter große Felsnische ausgesucht und umzäunt. Ungestört sollten sich die damals noch nicht flugfähigen Bartgeier aus einer spanischen Zuchtstation so ohne menschlichen Kontakt an das Leben in der Wildnis gewöhnen. Per Live-Webcam kann man sie beobachten.

Ein Forschungsteam überwacht die Vögel rund um die Uhr von einem nahegelegenen Beobachtungsplatz. „Dies ermöglicht uns, Unregelmäßigkeiten sofort zu erkennen“, sagt LBV-Projektleiter Toni Wegscheider. „So können wir den beiden Vögeln einen optimalen Schutz bieten.“

Einzigartige Nahrungsweise

Gut einen Monat nach der Auswilderung wagten Wally und Bavaria ihre Jungfernflüge. Seitdem vergrößern sie ihr Fluggebiet und unternehmen dabei auch Vorstöße ins benachbarte Österreich. Auch wenn sie von Tag zu Tag selbstständiger werden: Damit es zu keinen Nahrungsengpässen kommt, will das Projektteam noch bis Oktober weiter Futter in der Nähe der Felsnische auslegen – hauptsächlich Knochenstücke von Reh, Gams und Rothirsch. Das Nahrungsverhalten des Bartgeiers ist einzigartig im Tierreich: „Er ist das einzige Wirbeltier, das sich praktisch ausschließlich von Knochen ernährt“, erklärt Wegscheider.

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Giftige Munition bedroht Bartgeier

Erst wenn Wally und Bavaria sich länger nicht mehr blicken lassen, werden sie lernen müssen, alleine klarzukommen. Doch die ausgedehnten Ausflüge bringen eine tödliche Bedrohung mit sich, warnt LBV-Bartgeierexperte David Schuhwerk: „Die Bartgeier verlassen zeitweise den garantiert sicheren Nationalpark Berchtesgaden und sind beim Auffinden eines Tierkadavers direkt der Gefahr von Bleivergiftungen ausgesetzt.“

Das toxische Schwermetall stammt aus bleihaltiger Jagdmunition. Bartgeier und andere Aasfresser nehmen das Gift beispielsweise auf, wenn sie Überreste von Wild fressen, die von Jägern zurückgelassen wurden. Im Schutzgebiet des Nationalparks seien die Vögel sicher, denn dort werde seit Jahren ausschließlich mit bleifreier Munition gejagt. In anderen Teilen der Alpen allerdings stellt bleihaltige Munition nach Ansicht des LBV heute die größte Gefahr für Bartgeier dar.

Auch Wally und Bavaria sind nicht vor dieser Gefahr gefeit. Umso wichtiger also, das Auswilderungsprojekt in den deutschen Alpen konsequent weiterzuführen. Geplant ist eine Laufzeit von zehn Jahren. Jährlich zwei bis drei junge Bartgeier sollen in die Wildnis entlassen werden.

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